Zu Besuch bei den Eisbärbabys

Die AZ erklärt, wie die kleinen Eisbären leben, wann sie für Besucher zu sehen sind – und warum sie so niedlich sind.
von  Laura Kaufmann
Gekuschelt wird trotzdem noch.
Gekuschelt wird trotzdem noch. © Tierpark Hellabrunn

Die AZ erklärt, wie die kleinen Eisbären leben, wann sie für Besucher zu sehen sind – und warum sie so niedlich sind.

So sieht der Tagesablauf der kleinen Eisbären aus: Fünfeinhalb Wochen alt, sind die Kleinen hauptsächlich damit beschäftigt, an Masse zuzulegen“, sagt Kuratorin Beatrix Köhler. Die Zwillinge verschwenden kaum überflüssige Energie – den meisten Tag schlafen sie. Sie blinzeln jetzt, erkennen die Zitze der Mama, statt sie nur zu riechen. „Vier davon gibt es für zwei“, sagt Köhler. „Trotzdem raufen sie gern darum – was das eine schon hat, ist natürlich interessanter.“

Wenn die Bäuchlein prall gefüllt sind, schlummern die Babys wieder. Mama Giovanna trinkt zwei, dreimal täglich an ihrer Wassertränke, sonst ruht auch sie. Dabei formt sie meist mit Hinter- und Vorderpfote einer Seite eine Kuhle, in die sich ihre Babys kuscheln. Wenn es kälter wird, legt sie ihre anderen beiden Pfoten über die Kleinen. Sie warm zu halten und zu nähren ist ihre Hauptaufgabe. „Aber die Kleinen werden immer mobiler – jetzt, wo die Augen aufgehen, geht das Leben richtig los.“

Die Bedeutung für die Wissenschaft: Eine Kamera filmt die junge Familie. „Früher haben wir mit dem Ohr an der Tür gehorcht – die Kleinen sind unheimlich laut, wenn ihnen etwas nicht passt“, sagt Beatrix Köhler. Das zufriedene Surren und Brummen – „wie aufgeregte Bienen“ – beim Saugen, das empörte Geschrei, wenn das Geschwisterchen die Zitze streitig macht: Das ist jetzt der Soundtrack zu dem wonnigen Livestream, der auf Beatrix Köhlers Rechner läuft. Natürlich starrt sie nicht 24 Stunden am Tag auf die Eisbären, seit klar ist, dass Mama Giovanna sich kümmert, aber sie checkt immer wieder, ob alles in Ordnung ist.

Es ist auch Glück, dass die Kamera in der Wurfbox hängt, denn die letzte – etwa 2000 Euro teure – räumte die mächtige Eisbärin mit einem Tatzenhieb ab und nahm sie mit raus ins Wasser, zum Spielen. Die jetzige, angebracht bevor die Babys zur Welt kamen, ist so aufgehängt, dass Giovanna sie nicht erreicht. So kam es, dass ihre Geburt die weltweit erste Eisbärengeburt in farbigen, bewegten Bildern darstellt.

„Die Zwillinge nehmen sich zum Einschlafen in den Arm“, sagt Köhler. „Das und vieles andere haben wir bisher noch nicht gesehen. Da gab es höchstens Infrarotkameras in Geburtshöhlen, und auf denen erkennt man so etwas nicht – da sieht alles aus wie ein Wattebausch im Tunnel.“

Die kritische Phase: Nach fünfeinhalb Wochen ist das Schlimmste ausgestanden. „Die kritischen Fragen sind: Sind die Kleinen fit und gesund, ist die Mutter entspannt und kümmert sich, und hat sie genug Milch?“, so Köhler. Der ganze erste Monat gilt als schwierig.

Aber: „Giovanna hat das wirklich super gemacht“, sagt Köhler.

Männlein oder Weiblein? „Wir haben den Verdacht, dass es sich um ein Pärchen handelt“, sagt die Kuratorin. „Aber darauf würden wir uns auf keinen Fall festlegen lassen.“ Die Kleinen drehen sich noch nicht wirklich viel, Gewissheit wird erst eine erste Untersuchung geben. Das etwas fittere, stärkere Baby, glaubt Köhler, könne ein Weibchen sein, das andere ihr Brüderchen.

Namen: Ganz klar: Ohne eindeutiges Geschlecht auch kein Name. Aber einige Firmen haben schon Interesse an Patenschaften gezeigt.

Wann kommen die beiden ins Freigehege? „Anfang März halte ich für zu früh, ich denke eher gegen Mitte oder Ende des Monats“, sagt die Biologin. „Spätestens, wenn Giovanna vor dem Schieber steht.“ Da trauen die Biologen den Mutterinstinkten des Tiers, ebenso wie mit der Zeit, die die Kleinen dann draußen verbringen. „Wir hoffen, dass sich ein regelmäßiger Rhythmus einpendelt, in dem Giovanna mit den Kleinen nach draußen geht“, so Köhler.

Sie ist auch froh um die Erweiterung des Eisbärengeheges vor drei Jahren: „Der Zugang zum Wasser ist jetzt abgeflacht. Da kommen die Kleinen auch sicher von allein wieder raus, wenn sie sich reintrauen.“

Untersuchung: Wenn die Bärenbabys so weit sind, dass sie mit Mama Ausflüge nach draußen unternehmen, werden sie auch das erste Mal kurz mit Menschenhand in Berührung kommen. „Da geht die Klappe dann hinter Giovanna wieder runter, wenn sie im Freien ist und die Babys noch drinnen“, sagt Köhler. „Die Veterinäre checken die Kleinen schnell, vor allem nach Geschlecht.

Wenn die Eisbärenmutter wütend gegen die Klappe schlägt, das ist ein Geräusch – da brauchen Sie nicht länger als nötig.“

Die Beziehung der Eltern: Yoghi ist ein sehr liebes Männchen“, sagt Köhler. „Und er ist momentan etwas traurig. Eisbären sind Einzelgänger, die man aber gut zusammen halten kann. Und er mag Giovanna sehr, man merkt, dass sie ihm fehlt.“ Die wiederum ist eine selbstbewusste Eisbärendame, die weiß wo ihre Grenzen sind und das auch durchaus aufzeigt: „Einmal hat Yoghi Giovanna, als sie im Wasser war, in den Hintern gezwickt – da drehte sie sich um und watschte ihn kräftig ab. Dabei wiegt er als Männchen ungefähr das doppelte. Er hätte sie runtermachen können – aber er hat sich das gutmütig gefallen lassen.“

Kontakt zum Vater: Auch den werden die Zwillinge erst im Freigehege bekommen. „Wir sind guter Hoffnung, dass man die vier zusammentun kann, weil Yoghi so einen lieben Charakter hat“, sagt Beatrix Köhler. Aber auch hier wird Mama Giovanna entscheiden. Papa Yoghi wird in der Felsanlage sein, die Zwillinge mit ihrer Mutter in der Tundra-Anlage: Durch ein Gitter können sich die Eisbären dann sehen und beschnuppern, ohne sich etwas zu tun.

„Wenn Giovanna da allerdings signalisiert, dass sie mit Yoghi momentan nichts zu tun haben möchte, dann tun wir sie auch nicht zusammen“, sagt Köhler. Eisbären sind Kannibalen und Männchen sehen Jungtiere oft als Futter. Die Gefahr ist im Zoo aber geringer als in der Natur: „Unser Yoghi wird gut gefüttert.“

Der Ansturm: Beatrix Köhler rechnet natürlich mit vielen Besuchern, die die goldigen Babys sehen wollen. „Das Kindchenschema ist einfach zu hundert Prozent erfüllt: Der runde Kopf, das plüschige, unschuldige Weiß, die Knopfaugen...“. Trotzdem glaubt sie nicht an einen Mega-Hype, wie es ihn um Knut gab: „Wenn Tierbabys mit der Flasche aufgezogen werden, versetzen sich die Menschen ganz anders hinein. Das weckt Mutterinstinkte.“

Aber schon jetzt sind Nachrichten über die Kleinen weltweit gefragt: Sogar die US-amerikanische NBC-Today-Show berichtete.

Wenn sie erwachsen sind: Eisbären bleiben in freier Natur eineinhalb bis dreieinhalb Jahre bei der Mutter, „wovon das abhängt, weiß man nicht genau“, sagt Köhler. „Wir haben damals Lars einen Tag vor seinem zweiten Geburtstag weggegeben, und man hat gemerkt, dass Mutter Lisa da schon erleichtert war.“ Lars war 1994 das letzte Münchner Eisbärenbaby.

Wohin die Zwillinge kommen, wenn sie einmal ausgewachsen sind, entscheidet das Artenschutzprogramm, Hellabrunn hat ein Mitspracherecht.