München: Eklat bei Bürgerversammlung - Bürger wehren sich

Nach der geplatzten Bürgerversammlung läuft den Haidhausern die Zeit davon – doch sie geben nicht auf.
von  Lisa-Marie Albrecht
Die Haidhausener wehren sich gegen die Verunglimpfung als "Wutbürger".
Die Haidhausener wehren sich gegen die Verunglimpfung als "Wutbürger". © Sigi Müller

Haidhausen - Es waren Bilder, wie man sie vielleicht aus dem Hofbräuzelt kennt, aber nicht aus dem Hofbräukeller am Wiener Platz: Menschenströme, die sich gegen die Türen des Festsaals mit 400 Plätzen drücken und Ordner, die sie zurückdrängen.

So sah es am Mittwochabend bei der Bürgerversammlung zur zweiten Stammstrecke in Haidhausen aus. Am Ende ließ Verkehrsminister Joachim Herrmann (CSU) die Haidhauser abstimmen – sie entschieden, die Versammlung zu vertagen und in einem größeren Saal neu zu organisieren.

"Keine andere Möglichkeit"

"In diesem Moment ist ihm keine andere Möglichkeit geblieben", sagt Ingeborg Michelfeit, Vorsitzende der Bürgerinitiative Haidhausen, der AZ. Trotzdem ist sie über die Entscheidung nicht glücklich. Denn bereits am 5. April ist der erste Spatenstich für das Großbauprojekt geplant. "Uns läuft die Zeit davon", so Michelfeit. Die Bürgerinitiative wehrt sich seit vielen Jahren gegen die zweite Stammstrecke und präferiert einen Ausbau des oberirdischen Südrings, auf dem heute Fern- und Regionalzüge – aber keine S-Bahnen – zwischen Ostbahnhof und Hauptbahnhof verkehren

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Vor der geplanten Bürgerversammlung veranstaltete die Initiative eine Demo, auf der sie das Bauprojekt, das bis 2026 realisiert werden soll, mit Stuttgart 21 verglich. Auch Verkehrsplaner und Grünen-Stadtrat Paul Bickelbacher nahm daran teil. "Der Südring wurde zu früh auf die Seite getan", sagt Bickelbacher der AZ. "Außerdem ist die endgültige Finanzierung der Stammstrecke noch nicht geklärt. Im Stadtrat ist leider keine Bereitschaft zur Diskussion mehr vorhanden. Doch es lohnt sich noch, zu protestieren"

Auf den Vorwurf, die Haidhauser verträten nur ihre eigenen Interessen, erwidert Michelfeit: "Wir sind keine Wutbürger. Die Initiative beschäftigt sich seit zwölf Jahren mit dem Projekt, kennt es wahrscheinlich sogar besser als Minister Herrmann selbst." Die Haidhauser wollen nicht aufgeben, obgleich die Stammstrecke als beschlossen gilt: Noch sind sechs Klagen gegen das Projekt anhängig, eine Online-Petition der Bürgerinitiative ist innerhalb von 11 Tagen von 500 auf 5000 Unterschriften gestiegen. Es scheint ein letztes Aufbäumen zu sein – was und ob es noch etwas bringt, wird sich zeigen.


Kein Stuttgart 21

AZ-Lokalchef Felix Müller über die Proteste gegen die Stammstrecke.

Der Protest gegen die Stammstrecke ist gescheitert. Nicht nur parteipolitisch im Landtag, wo Kämpfe gegen die CSU eh kaum zu gewinnen sind. Sondern vor allem: auf der Straße, bei den Münchnern. Es ist nie gelungen, eine nennenswerte Zahl an Menschen außerhalb Haidhausens für den Protest zu begeistern. Das heißt: Den meisten Münchnern waren die guten Gegenargumente wurscht.

Ganz anders als in Stuttgart, wo jahrelang die ganze Stadt um den Bahnhof stritt. In München entstand der Eindruck, dass es den grün-bürgerlichen Haidhausern doch nur um die Ruhe vor der eigenen Haustür geht. Jetzt ist es zu spät.