Gemäldefund: Das internationale Echo

Gibt es noch mehr heimliche Lager mit Nazi-Raubkunst in Deutschland? Und warum darf die Bilder niemand sehen? In internationalen Medien ist der spektakuläre Münchner Kunstfund ein Topthema
von  dpa
...ein Selbstportrait von Otto Dix.
...ein Selbstportrait von Otto Dix. © AFP

Gibt es noch mehr heimliche Lager mit Nazi-Raubkunst in Deutschland? Und warum darf die Bilder niemand sehen? In internationalen Medien ist der spektakuläre Münchner Kunstfund ein Topthema – nicht zuletzt, weil viele Familien nun auf die Rückgabe von Beutekunst hoffen.

München – Der Umgang der bayerischen Behörden mit dem hochkarätigen Münchner Kunstfund stößt in der internationalen Presse auf Verwunderung. Bisweilen wird sogar kritisiert, dass die Staatsanwaltschaft die Sammlung unter Verschluss hält, in der auch viele von den Nazis geraubte Bilder vermutet werden.

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In den USA, Großbritannien, Griechenland, Österreich, Polen und den Niederlanden ist die Entdeckung jedenfalls ein Topthema. Manche Zeitungen zeigen Verständnis für die schwierige Aufgabe der Experten, die Herkunft der Kunstwerke zu klären. Trotzdem wünschen sich viele mehr Informationen.

Die Presse-Reaktionen:

- USA: In den US-Zeitungen nimmt das Thema breiten Raum ein. Die „New York Times“ setzte es sogar auf ihre Titelseite und befragte in mehreren ausführlichen Artikeln zahlreiche US-Experten. Der Fall habe „die Kunstwelt in Aufruhr versetzt“, schreibt die Zeitung. Auch unter anderem die „Washington Post“ und die „Los Angeles Times“ berichten breit über den Bilderfund. „Es könnte der größte von den Nazis gestohlene Bilder-Schatz sein, der jemals in Privatbesitz gefunden worden ist“, schreibt die „Los Angeles Times“.

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- ÖSTERREICH: Die „KronenZeitung“ interessiert sich vor allem dafür, wo sich Cornelius Gurlitt aufhält. „Wo steckt das Kunst-Phantom?“, fragt das Boulevard-Blatt auf dem Titel. Auch wenn das Salzburger Haus von Gurlitt wohl keine weiteren Schätze berge, sind sich die Österreicher sicher: „Es sind sicher Werke österreichischer Provenienz dabei“, zitiert „Die Presse“ den Mitbegründer des Wiener Auktionshauses im Kinsky, Otto Hans Ressler. Er geht davon aus, dass es Jahre, vielleicht Jahrzehnte dauern wird, die Bilder ihren Eigentümern zuzuordnen.

- POLEN: Die polnischen Medien berichten ausführlich und fragen, ob auch Beutekunst aus Polen unter den sichergestellten Bildern sei. Der Nachrichtensender TVN 24 berichtete, dass die Generalkonsulin Justyna Lewanska aus München bereits bei der Staatsanwaltschaft eine Liste der Bilder beantragt habe. Damit wollten die Behörden prüfen, ob Bilder der Sammlung in Polen geraubt wurde.

- GROSSBRITANNIEN: Die britischen Medien widmen der Sammlung seit Tagen Analysen und Titelbilder. „Man könnte ein ganzes Museum damit aufbauen“, sagte etwa BBC-Kunstexperte Will Gompertz. Aber: „Es scheint immer noch ein Mantel der Verschwiegenheit um die ganze Affäre zu liegen.“ Die „Times“ äußerte Verständnis angesichts der Aufgabe, die Herkunft der Werke zu klären. „Das ist aber kein Grund zum Zögern“, hieß es im Leitartikel. „Die Schuld des Nazi-Regimes wird durch die Jahre nicht getrübt. Genauso wird auch der Anspruch auf Gerechtigkeit für die, die es beraubt hat, nicht schwächer.“

Der konservative „Daily Telegraph“ befand: „Europa, und nicht zuletzt Deutschland, hat riesige Fortschritte dabei gemacht, das Erbe der Nazi-Zeit und des Zweiten Weltkriegs zu bewältigen. (...) Aus Sicht der Kunst wird noch viel Zeit vergehen, bevor der Geist der Mitte des 20. Jahrhunderts endlich zur Ruhe gelegt werden kann.“ Und der „Guardian“ mutmaßte: „Gurlitts geheimes Lager zeigt, dass viele Annahmen über die Nazis und Kunst einfach falsch sind.“ Es sei gut möglich, dass in anderen Wohnungen in Deutschland ähnliche Schätze lagerten. Michael Glover von der linksliberalen Zeitung „The Independent“ meinte dagegen: „Interessant? Ja. Aber ein Erdbeben? Das ist einfach lächerlich“, schrieb er. „Es gibt keinen Grund zu glauben, dass wir Aspekte der Arbeiten dieser Künstler sehen, die dazu führen würden, dass wir alles radikal neu bewerten müssen, was wir wissen. Solches Gerede ist dummer Quatsch.“

- GRIECHENLAND: Sämtliche Medien berichten ausführlich über den Bilderfund, viele auf der ersten Seite. Die größte Zeitung „Ta Nea“ widmet dem Thema sogar zwei ganze Innenseiten. Darin wird unter anderem gefragt, ob tatsächlich alle Kunstwerke wirklich Originale sind und warum die Behörden die Informationen zu dem Fund so lange nicht publik gemacht haben. Auch Einzelheiten über das Leben Gurlitts interessieren. Die Griechen sind in Sachen Kulturerbe und Kunstraub sehr sensibilisiert wegen unzähliger Gegenstände aus der Antike, die aus Griechenland entwendet wurden.

- ISRAEL: Die Zeitung „Haaretz“ zitiert einen Experten, der mit der Rückgabe von in München gefundenen Bildern an jüdische Erben rechnet, sollte es sich um Beutekunst handeln. „Die in München gefundenen Werke sind nur die Spitze des Eisbergs“, sagte der Rechtsanwalt Joel Levy dem Blatt. Nach seinen Informationen gab es unter den deutschen Kunsthändlern damals etwa 40, die ähnlich wie Hildebrand Gurlitt vorgingen. Wenn jeder von diesen etwa 40 Kunsthändlern über etwa 2000 Werke verfüge, „dann kommen wir auf eine riesige Anzahl von Bildern, die immer noch auf der ganzen Welt versteckt sind“, meinte Levy.

- NIEDERLANDE: Die Zeitungen berichten ausführlich und fasziniert. „Gestohlen von den Nazis – Gefunden in einer Wohnung“ schreibt das NRC Handelsblad neben einem Foto Adolf Hitlers bei der Nazi-Ausstellung „Entartete Kunst“. Auch Fernsehen und Radio rekonstruieren die Geschichte, und auf den sozialen Medien fragen viele Niederländer: Was geschieht mit den Werken? „Das unbehagliche Glücksgefühl der Kunsthistoriker“ beschreibt am Mittwoch die Tageszeitung De Volkskrant. Bart Rutten, Konservator am Stedelijk Museum für moderne Kunst in Amsterdam, ist vor allem von dem gefundenen Gemälde von Henri Matisse begeistert. „Das ist phänomenal, das Stedelijk würde das gerne haben.“ Er zieht zugleich auch die Parallele zu der Raubkunst, die noch immer im Besitz niederländischer Museen ist. Das Gemälde Odalisque von Matisse etwa gehört dazu. Es befindet sich noch im renommierten Stedelijk. „Es ist die Frage, ob wir es behalten können.“

- FRANKREICH: Für großes Interesse, aber keinen Hype sorgte die Sammlung in Frankreich. „Nazi-Kunstschatz von 1500 Werken in München entdeckt“ oder „Deutschland: Unbekannte Werke unter den in München entdeckten Bilder“ titelten die Medien. Die Tageszeitung „Liberation“ wunderte sich über die erstaunliche Verschwiegenheit der deutschen Behörden. „Es fehlt an völliger Transparenz. Wir hoffen, dass sie in den nächsten Tagen eine Liste und einen Zeitplan veröffentlichen werden, um die Werke wieder ihren Besitzern zurückgeben zu können“, zitiert das linksliberale Blatt die Leiterin der Kommission für geraubte Kunst in Europa Anne Webber.