Spazieren zu Münchens Künstlerhäusern: Villen und ihre Spuren in der Maxvorstadt

Hier wohnten und wirkten Künstler, die weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt sind. Geschichtsträchtige Orte sind das, die Sie ganz einfach bei einem Spaziergang zu Fuß besuchen können.
von  Karl Stankiewitz
Im Stil einer toskanischen Landvilla erbaut: das Lenbachhaus.
Im Stil einer toskanischen Landvilla erbaut: das Lenbachhaus. © Fabian Nitschmann/dpa

München - Für 220.000 Mark hat der Maurersohn Franz Lenbach aus Schrobenhausen (1836 - 1904) das freie Gelände vor den Propyläen von der Künstlerfamilie Heß erworben. Es waren seine auf Reisen gereiften Ideen, die sein Freund Gabriel von Seidl bis 1890 architektonisch umsetzte: Wohnhaus, Atelier und Sammlung in einem, im Stil einer toskanischen Landvilla, verziert mit Loggien, Freitreppe, Säulen, Brüstungen, Belvedere-Türmchen, eingerichtet mit römischen Skulpturen, sakralen Plastiken, englischen Möbeln, flämischen Gobelins, orientalischen Teppichen, dekoriert mit Gold und Edelsteinen und Kardinalsmänteln. Bis heute säumen die ockergelben Flügelbauten einen herrlichen Park mit mächtigem Springbrunnen.

Fußläufig zu erreichen: die (verschwundenen) Villen.
Fußläufig zu erreichen: die (verschwundenen) Villen. © Google/anf

München sprach vom "Zuberschloss"

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war Lenbach der meistgefragte deutsche Porträtmaler. Industrielle, Geheimräte und Professoren, die ihr Abbild in Öl wünschten, mussten sich schon zu ihm in die Briennerstraße bemühen und den Launen des Künstlers anpassen. Auch Reichskanzler Bismarck kam, einmal ließ er sich mit silbernem Kürassierhelm abbilden. Sogar Kaiser Wilhelm II. porträtierte der Oberbayer, obwohl er ihn für einen "verdammten Hanswursten" hielt. Wenn er nicht wie besessen arbeitete, feierte der Malerfürst. Sein Palast war Treffpunkt der Künstler. Immerhin war Lenbach Präsident der "Allotria", für die er das Künstlerhaus an dem Platz, der nach seinem Tod 1904 seinen Namen bekam, gegen Widerstand sparsamer Lokalpolitikern erfocht.

Franz von Lenbach, ein Selbstporträt.
Franz von Lenbach, ein Selbstporträt. © ho

1924 verkaufte die Witwe das Anwesen der Stadt, die hier ihren Plan einer Städtischen Gemäldegalerie verwirklichte. Trotz schwerer Kriegsschäden konnten die historischen Räume im Originalzustand wiederhergestellt und mit Lenbachs Hinterlassenschaft ausgestattet werden. Der Erwerb einzigartiger Sammlungen (Blauer Reiter) machte das Palais zu einem der wichtigsten Kunstmuseen Europas - und zum beliebtesten in München. 1994 kam ein 120 Meter langer "Kunstbau" für Wechselausstellungen dazu. Nach einer Kandinsky-Retrospektive wurde das "Lenbachhaus", wie es sich heute nennt, von Norman Foster in ein "Museum des 21. Jahrhunderts" verwandelt.

Poccis Zweitwohnsitz, Maximiliansplatz 5: Graf Poccis Pissoir

Am Maximiliansplatz tummelten sich vor Corona die Partygäste, nun steht das Pacha seit Monaten still. Vor den Feiermünchnern hatte Graf von Pocci hier seinen Stadtwohnsitz.
Am Maximiliansplatz tummelten sich vor Corona die Partygäste, nun steht das Pacha seit Monaten still. Vor den Feiermünchnern hatte Graf von Pocci hier seinen Stadtwohnsitz. © Thomas Stankiewicz

Auf dem Dultplatz 5 (heute Maximiliansplatz, wo zwei Tanzclubs seit März 2020 coronabedingt geschlossen sind) hatte er seinen zweiten Wohnsitz: der in Ammerland residierende Graf Franz von Pocci (1807 - 1876), Hofmusikintendant und Zeremonienmeister Ludwigs I. 1853 setzte ihm die Stadt München eines ihrer ersten 40 Pissoirs vor den Garten. Als geübter Karikaturist ließ der "Kasperlgraf" im ersten deutschen Humorblatt seine "Staatshämorrhoidarius" genannte Witzfigur über die neue "Erfindung" lästern, um danach die Behörden jahrelang mit der anrüchigen Sache zu beschäftigen.

Graf von Pocci gezeichnet von Kaulbach.
Graf von Pocci gezeichnet von Kaulbach. © Allitera-Verlag dpa/lby

Elvira-Atelier, Von-Der-Thann-Strasse 15: Die Drachenburg

Von dem Elvira-Atelier ist heute nichts mehr übrig.
Von dem Elvira-Atelier ist heute nichts mehr übrig. © Thomas Stankiewicz

Die Frauenrechtlerin Anita Augspurg eröffnete 1889 mit ihrer Lebenspartnerin Sophia Goudstikker in der Von-der-Tann-Straße 15 ein Fotoatelier. Nach großem Erfolg ließen sie es von dem Designer und Architekten August Endell umbauen und im Jugendstil schmücken. Besonderes Aufsehen erregte ein 13 Meter breites, grünliches Drachenrelief über dem Eingang.

Das Drachenrelief an der Hausfassade fiel auf.
Das Drachenrelief an der Hausfassade fiel auf. © ho

1933 wurde es von der SA, die sich einquartierte, abgeschlagen. Dem geplanten Abriss kamen 1944 Bomben zuvor. Anstelle der "Drachenburg" entstand das US-Generalkonsulat.

Gärtners Villa, Ludwigstraße 18: Gärtners Eigenheim

Gärtners Villa steht neben der von ihm erbauten Kirche.
Gärtners Villa steht neben der von ihm erbauten Kirche. © Thomas Stankiewicz

Die Villa Friedrich von Gärtners (1792 - 1847), Ludwigstraße 18, ist anders als das Domizil des Rivalen Leo von Klenze (1784 - 1864) vollkommen wiederaufgebaut worden. Sie steht rechts neben der von ihm erbauten Ludwigskirche. Um 1847 bewohnte sie ein Jahr lang der Dichter Victor von Scheffel, der eigentlich Professor werden wollte, und schrieb sein bekanntes Lied: "Behüt dich Gott, es wär so schön gewesen..." Seit 1961 betreut hier das Staatliche Bauamt München 2 sämtliche Bauplanungen und Maßnahmen für die Münchner Hochschulen, den Landtag und andere staatliche Bauten.

Kaulbach-Villa, Kaulbachstrasse 15: Kaulbachs Künstlerhof

Fast gleichzeitig mit der Lenbach-Villa entstand das ebenfalls von Gabriel von Seidl im Stil italienischer Palazzi entworfene Wohn- und Atelierhaus für den ebenfalls geadelten Maler Friedrich August von Kaulbach (1850 - 1920) ebenfalls in der neu geplanten Maxvorstadt, Oberer Garten Nr. 4, heute Kaulbachstraße 15 (der Name bezieht sich auf den ebenfalls malenden Großonkel Wilhelm von Kaulbach). Der Hausherr war gerade Direktor der Kunstakademie geworden, als Nachfolger Carl von Pilotys. In der "von reinstem Licht erhellten Halle", wie Louise von Kobell berichtet, oder in der Loggia oder im großen Garten empfing er prominente Gäste, im Arbeitsraum, der über zwei Stockwerke reichte, porträtierte er vorzugsweise Damen der besten Gesellschaft.

In der Kaulbachvilla waren oft prominente Gäste eingeladen.
In der Kaulbachvilla waren oft prominente Gäste eingeladen. © Thomas Stankiewicz

Sein Programm war international, es reichte von der "Schützenliesl", die ihn populär machte, über den "Schlächter aus Chicago" bis zu den "Zarenkindern". Auch Erotik, literarisch verbrämt, war ihm genehm. Einen Sommersitz, heute Museum, besaß Kaulbach in Ohlstadt bei Murnau. Die nächsten Eigentümer dieses Münchner "Künstler-Hofs", so eine frühe Zuschreibung, waren eine Studentenverbindung und ab 1945 der NS-Staat, der hier den Gauleiter Adolf Wagner wohnen, regieren und feiern ließ. Das über zwei Geschosse reichende Atelier wurde zum Festsaal umgebaut. Nach Kriegsende quartierte sich der amerikanische Soldatensender AFN Munich ein, während die Amerikanerin Jella Lepman im Hintergebäude die heute in der Blutenburg befindliche Internationale Kinder- und Jugendbuchsammlung einrichtete.

Friedrich August von Kaulbach.
Friedrich August von Kaulbach. © ho

Otto Meitinger, der den Wiederaufbau der Residenz geleitet hatte, konnte bei einer Generalsanierung bis 1988 den ursprünglichen Zustand der Hauptfassade samt kleiner Freitreppe und zwei dorischen Säulen wiederherstellen und sogar einen Teil der ursprünglichen Inneneinrichtung (Mosaikböden, Kassettendecke) freilegen. Nunmehr hat das Historische Kolleg der Universität seinen Sitz in der Kunstvilla. Das Atelier dient als Bibliothek und Konferenzsaal.