Sophie Scholls Schwester Elisabeth ist tot

Elisabeth Hartnagel hat die Geschichte ihrer Familie ein Leben lang nicht losgelassen. Jetzt ist sie mit 100 Jahren in Stuttgart gestorben.
von  Felix Müller
Elisabeth Hartnagel 2005 in der ehemaligen Wohnung ihrer Eltern in Ulm vor Fotos ihrer berühmten Geschwister Hans (links) und Sophie Scholl.
Elisabeth Hartnagel 2005 in der ehemaligen Wohnung ihrer Eltern in Ulm vor Fotos ihrer berühmten Geschwister Hans (links) und Sophie Scholl. © Stefan Puchner/dpa

Die große Schwester von Sophie Scholl kann nur noch sehr mühsam gehen. Doch im Mai 2011, sie ist schon 91 Jahre alt, empfängt Elisabeth Hartnagel noch alleine Besuch bei sich daheim in ihrem von Weinstöcken umwucherten Häuschen im Stuttgarter Osten. Weil es ihr wichtig ist, das Erbe ihrer berühmten Geschwister bewusst zu halten. Und: Weil sie die Letzte aus der Generation ist, die das tun kann. Seit ihre Schwester Inge Scholl, die Interviews gab, in Schulen ging, aus ihrer Familiengeschichte erzählte, 1998 gestorben ist.

Jetzt ist nur noch Elisabeth Hartnagel da. Um aus ihrer Kindheit im schwäbischen Forchtenberg zu erzählen – und ihre mutigen Geschwister zu würdigen. Sophie, erzählt sie, habe schon als Kind ein "großes Gerechtigkeitsgefühl" gehabt. Der Vater ist Bürgermeister im Ort, sie sind drei Mädchen und zwei Buben. "Mir waret alle bissle schüchtern", schwäbelt Elisabeth Hartnagel, "mir sind halt vom Land gekommen."

Sophie Scholl weihte ihre Schwester nicht in Pläne ein

Elisabeth bleibt im Schwäbischen, lernt Kindergärtnerin, die Geschwister Hans und Sophie gehen zum Studium nach München. Elisabeth besucht sie in der Wohnung in der Schwabinger Franz-Joseph-Straße. Noch 2011, viele Jahrzehnte später, schwärmt Elisabeth Hartnagel von der Atmosphäre dort. "Es hat sich alles um Politik gedreht", sagt sie. "Sie haben sich vorgestellt, wie ein künftiger Staat aussehen soll." Und zwar ein demokratischer, wie sie sagt. Dass ihre Geschwister sie nicht einweihten? Das habe sie ihnen nie übelgenommen. "Selbst Mitwissen konnte ja für ein Todesurteil genügen", sagt Elisabeth Hartnagel bestimmt.

Von der Verhaftung ihrer Geschwister erfährt Elisabeth aus der Zeitung. Am 18. Februar 1943 werden Hans und Sophie im Gefängnis Stadelheim hingerichtet. Die anderen Scholls kommen nun auch ins Gefängnis, die "Schutzhaft" der Nazis ist in Wahrheit eine Sippenhaft. Elisabeth Hartnagel sagt, sie sei in diesen Tagen voller Bewunderung für den Mut ihrer Geschwister gewesen. Elisabeth wird in der unbeheizten Zelle krank – und ist nach zwei Monaten die erste aus der Familie, die wieder entlassen wird. Doch die schwere Zeit ist noch lange nicht vorbei. Nachbarn meiden die Scholls, die Gestapo bespitzelt sie weiterhin.

Elisabeth heiratet Verlobten von Sophie Scholl

In diesen schweren Zeiten steht den Scholls Fritz Hartnagel bei, der Verlobte Sophie Scholls, ein Wehrmachtsoffizier, der sich unter den Eindrücken der Front immer weiter von den Nazis abgewandt hatte. "Der gemeinsame Schmerz um Sophie und Hans hat uns zusammengebracht und bildete erst die Grundlage unserer Freundschaft – aus der dann Liebe wurde", hat Elisabeth Hartnagel einem Historiker erzählt.

Die Hochzeit wird im Herbst 1945 gefeiert, Elisabeth Hartnagel bringt vier Söhne zur Welt. Die beiden kämpfen in vielen der politischen Kämpfe der Bundesrepublik mit, demonstrieren gegen Wiederbewaffnung, Nachrüstung, mit der Ostermarschbewegung. Die Briefe ihres 2001 verstorbenen Mannes an Sophie hat Elisabeth Hartnagel auf der Schreibmaschine selbst abgetippt, 2005 sind sie als Buch erschienen.

Auch im Alter hat sie sich nie mit ihrer Familie schmücken mögen. Klare Thesen zur Interpretation des Widerstands hat sie aber nicht gescheut. Dass ihre Geschwister aus christlicher Motivation heraus handelten zum Beispiel, glaubte sie nicht. Und Autogrammwünsche hat sie immer abgelehnt. "Das ist doch lächerlich. Ich war doch nicht im Widerstand."

"Für mich ist Sophie immer noch jung"

Zuletzt lebte Elisabeth Hartnagel altersbedingt zurückgezogen. Am Sonntag teilte die Weiße-Rose-Stiftung mit, dass sie am Freitag kurz nach ihrem 100. Geburtstag gestorben ist. "Wir bewundern die Zeitzeugin und zollen ihr unseren großen Respekt für die besonnene und würdigende Art der Erinnerung an ihre von den Nazis ermordeten Geschwister", sagte die Stiftungs-Vorsitzende Hildegard Kronawitter am Sonntag.

An dem Maitag 2011 in Stuttgart war der 90. Geburtstag Sophie Scholls kurz bevorgestanden. Ob das eine Bedeutung habe? "Wissen Sie", sagte Elisabeth Hartnagel, die letzte Überlebende der Geschwister Scholl, "für mich ist Sophie immer noch jung. Sie könnte jetzt meine Enkelin sein."

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