So erlebte ein Münchner Schüler den Zweiten Weltkrieg

Maximilian Radlmayr ist 13 Jahre alt, als der Krieg beginnt. Tagsüber drückt er in der Au die Schulbank, nachmittags geht's in die Kaserne in Unterbiberg.
von  Lea Kramer
In der Kaserne in Neubiberg üben Radlmayr und seine Kameraden 1943 Luftschutzrettung.
In der Kaserne in Neubiberg üben Radlmayr und seine Kameraden 1943 Luftschutzrettung. © privat

München - Wie lebt es sich als Münchner Schüler zur Zeit des Zweiten Weltkriegs? Warum meldet sich ein junger Mann freiwillig zum Kriegsdienst? Maximilian Radlmayr ist kein Widerstandskämpfer gewesen, aber auch kein glühender Nationalsozialist.

Seine Erinnerungen an die Kriegsjahre zwischen 1942 und 1945 hat er in einem Büchlein festgehalten. Es sind persönliche Erinnerungen aus einer Zeit, die eine Generation und ihre Nachfahren bis heute prägt.

Während die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) im Juli 1926 in Weimar plant, wie die deutsche Jugend am besten zu treuen und gehorsamen Soldaten erzogen werden kann, wird einer, den das alles stark betreffen wird, gerade erst in München geboren.

Die Münchner Burschen lernen, Karten zu lesen.
Die Münchner Burschen lernen, Karten zu lesen. © privat

Mit zwölf Jahren im Jungvolk der Hitlerjugend

Seine Eltern handeln mit Düngemitteln. Vom Krieg bekommt Radlmayr zunächst nicht viel mit. Mit zwölf Jahren ist er im Jungvolk der Hitlerjugend organisiert, mit 13 boxt er eine Zeit lang für den MTV 1879 München. Als die Bombenangriffe auf die städtische Infrastruktur ab 1942 intensiver werden, muss er seinen Dienst beim sogenannten Luftschutz antreten.

Zu dem Zeitpunkt ist er 16 Jahre alt und besucht die Maria-Theresia-Oberrealschule in der Regerstraße. Die Schüler schlafen alle zwei Tage auf Feldbetten im Polizeirevier am Max-Weber-Platz. Wenn es brennt, müssen sie löschen. Im Januar 1943 entscheidet Adolf Hitler, dass Schüler der Jahrgänge 1926 und 1927 zu Hilfsdiensten bei der Luftwaffe einberufen werden.

Maximilian Radlmayr wird der Heimat-Flak-Batterie 203/VII im Flak-Regiment 55 München-Süd von Kommandeur Oberst Heinrich Schweisguth zugeteilt. Am Nachmittag nach dem Unterricht geht es mit dem Zug in die Kaserne nach Unterbiberg. Dort ist er nicht mehr der Max, sondern "K3", der Ladekanonier.

Maximilian Radlmayr als Kanonier, kurz: K3.
Maximilian Radlmayr als Kanonier, kurz: K3. © privat

Dienst nur nachts, "am anderen Morgen wieder in die Schule"

K3 muss Granaten ins Rohr schieben, die Hände geschützt durch dicke Stulpenhandschuhe aus Leder. Vier bis fünf Stück von den 14,7 Kilo schweren Granaten lädt er ins Rohr, bis er eine Pause braucht. Je länger ein Angriff dauert, desto müder werden die 17-jährigen Buben.

Und am darauffolgenden Tag müssen sie schon wieder zum Unterricht in die Schule. Dem ein oder anderen fallen die Augen während der Probe zu. Maximilian Radlmayr muss eine Klasse wiederholen.

Bei den restlichen Aktivitäten sind die Münchner Buben mit Eifer dabei. Die Luftwaffenuniform tragen die Flakhelfer stolz zum Tanzkurs. Nachts bewachen sie russische Gefangene. Bei Kameradschaftsabenden gibt es Schnaps, das Morgengrauen erlebt Radlmayr im Rübenacker.

In der Uniform der Luftwaffe fühlt sich der 16-Jährige erwachsen.
In der Uniform der Luftwaffe fühlt sich der 16-Jährige erwachsen. © privat

"Faulheit oder Überanstrengung? Ich weiß es nicht mehr"

Bei einem nächtlichen Bombenangriff auf München schießt seine Gruppe eine britische Maschine ab. Aus Abenteuerromantik und Kameradschaft wird also bitterer Ernst. 1944 meldet sich der junge Oberschüler freiwillig zum Militär. Die Eltern sind entsetzt. Den 17-Jährigen freut's. Er will zur Luftwaffe.

Das Kinderzimmer tapeziert er mit Bildern von Jagdfliegerpiloten wie Werner Mölders oder Adolf Galland. Weil die Pilotenplätze rar sind, meldet sich Radlmayr bei den Funkern.

Die Karriere im Flugzeug beginnt für den Münchner zunächst am Boden. Im Sommer 1944 geht es zum Reichsarbeitsdienst nach Zell im Landkreis Weilheim. Dort fällen die Arbeiter Bäume, bauen Straßen oder lassen politischen Unterricht über sich ergehen.

An der Westfront erlebt der junge Soldat die Gräuel des Krieges. In seiner Niederschrift beschreibt er die Kampfhandlungen nur schemenhaft – auch, um die fürchterliche Zeit nicht wieder aufzuwühlen.

Wache halten mit Spaten in der Hand: So müssen die jungen Burschen auch bei Paraden Haltung bewahren.
Wache halten mit Spaten in der Hand: So müssen die jungen Burschen auch bei Paraden Haltung bewahren. © privat

"Für mich gab es nichts anderes mehr als Soldat zu werden"

Zum Begräbnis des Gauleiters Adolf Wagner, ein alter Hitler-Kumpan und brutaler Antisemit, fahren die jungen Männer im Arbeitseinsatz nach München. Maximilian Radlmayr bleibt mit verstauchter Hand im Lager zurück.

Die Parade bekommt er nicht mit. Im Juni 1944 geht es für ihn in die Kaserne Pfersee am Rande von Augsburg und von dort nach Frankreich. In der Luftnachrichtenabteilung wird aus K3 der Funker Radlmayr. Er verguckt sich in eine Französin und verzweifelt fast am Drill der Offiziere.

Weil er einen Führerschein hat, kämpft Maximilian Radlmayr nicht an der Front, sondern wird Fahrer eines Leutnants. Der tauscht ihn einige Monate später allerdings durch einen Freund aus. Radlmayr schlägt sich mit den Überbleibseln seines Regiments von Ostfrankreich nach Hamburg durch.

In Deutschland angekommen, meldet sich der Rückkehrer bei den Fallschirmjägern. Dort wird er nicht aufgenommen. Er meldet sich bei den Fernschreibern. In Freimann beginnt Radlmayr seine Ausbildung.

"Heute denke ich, dass das Wort Befehl keine Entschuldigung sein kann.

Am 12. Februar 1945 wird die Stadt Jawor (deutsch: Jauer) von der Roten Armee eingenommen. Funker Radlmayr, 18 Jahre alt, ist nun sowjetischer Gefangener: Woina Pleni, Radlmayr. Über verschiedene Stationen geht es zu Fuß nach Krakau, später weiter Richtung Lemberg und dann mit dem Zug nach Kiew.

Radlmayr arbeitet als Heizungsinstallateur, erkrankt an der Ruhr und wird schließlich zurück nach Hause geschickt. Von Frankfurt an der Oder geht es in ein britisches Entlassungslager in Berlin, später zu den Amerikanern.

Inzwischen ist es November 1945. Anfang Dezember, um fünf Uhr in der Früh, kommt Max Radlmayr zurück nach München. Die Familie hatte ein Jahr lang nichts von ihm gehört. Sie erwartet den verloren geglaubten Sohn im Wochenendhaus. Das elterliche Geschäft geht in der folgenden Zeit in Konkurs.

Nach dem Krieg wird Max Radlmayr Kaufmann. Gemeinsam mit seiner Frau Ute führt er ein Geschäft für Tierbedarf in der Ismaninger Straße. Im Jahr 2008 stirbt er im Alter von 82 Jahren.

Der Färbergraben 1945 nach den Bombenangriffen der Alliierten – als Max Radlmayr im Dezember 1945 wieder nach Hause kommt, erkennt er seine Heimat fast nicht wieder.
Der Färbergraben 1945 nach den Bombenangriffen der Alliierten – als Max Radlmayr im Dezember 1945 wieder nach Hause kommt, erkennt er seine Heimat fast nicht wieder. © Stadtarchiv München

Erinnerungen an den Krieg: München in der NS-Zeit

75 Jahre nach Kriegsende leben kaum noch Menschen, die den Weltkrieg miterlebt haben – und nachfolgenden Generationen von ihm erzählen können. Tagebücher, Notizen oder andere Erinnerungen sind deshalb nicht nur für Forscher wichtige historische Quellen.

Warum haben sich so viele Deutsche für Hitler und den Krieg begeistern lassen? Und was hat München damit zu tun? Um diese Fragen geht es auch in der Dauerausstellung im NS-Dokuzentrum. Jeden Sonntag finden dort nun wieder um 10.30 und 11.15 Uhr offene, kostenlose Rundgänge statt. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt, Anmeldung unter buchung.nsdoku@muenchen.de.

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