Sion: Das selbstladende Elektroauto von Sono Motors

Seit 2012 tüfteln Laurin Hahn und Jona Christians an einem Elektroauto für jedermann, das sich auch per Solarstrom auflädt. Bald soll der Sono Sion produziert werden.
von  Hüseyin Ince
Stolze, hartnäckige Gründer aus Pullach: Jona Christians und Laurin Hahn von Sono Motors, vor ihrem fast serienreifen E-Auto-Prototyp Sono Sion.
Stolze, hartnäckige Gründer aus Pullach: Jona Christians und Laurin Hahn von Sono Motors, vor ihrem fast serienreifen E-Auto-Prototyp Sono Sion. © Daniel von Loeper

München – Gute Freunde kann niemand trennen. Das sang Franz Beckenbauer schon im Jahr 1966. Und der Mann muss es wissen. Er hat schon einige Sätze geschaffen, die zu einer unangreifbaren Formel gereift sind ("Die Schweden sind keine Holländer"). Bei den Kindheitsfreunden und Abiturkollegen Jona Christians und Laurin Hahn, den Gründern von Sono Motors, muss man ergänzen: Wenn gute Freunde zu guten Geschäftspartnern werden, lassen sie sich offenbar erst recht nicht so leicht trennen.

248 Solarzellen werden im Sono Sion verbaut, sie sind kaum zu erkennen

Seit 2012 basteln die beiden Münchner an einem Elektroauto für jedermann, das sich selbst aufladen kann. Die erste Bastelei begann in einer Garage in Pullach. 2016 gründeten sie dann ihr Unternehmen Sono Motors. Entstanden ist seither in mühevoller Entwicklungsarbeit das minimalistische Fahrzeugmodell namens Sion.

Von weitem kaum zu erkennen: Auf Türen, Dach sowie Motorhaube befinden sich die Solarpaneele. Sie sollen Strom für bis zu 16 Kilometer am Tag erzeugen.
Von weitem kaum zu erkennen: Auf Türen, Dach sowie Motorhaube befinden sich die Solarpaneele. Sie sollen Strom für bis zu 16 Kilometer am Tag erzeugen. © picture alliance/dpa/Sono Motors GmbH



Eine Farbe, eine Ausstattung, eine Karosserie, ein Motor, eine Batterie (35 kWh), null Variationen. Immer werden die gleichen 248 Solarzellen verbaut. Sie sind das selbst entwickelte Herzstück bei Sono: flexibel und leicht anzupassen, "auch auf komplexen Geometrien", wie Hahn betont. SEV nennen die Gründer ihr Auto: "Solar Electric Vehicle". Familien- und alltagstauglich soll es sein.

Sono Motors will ab 2023 43.000 Autos jährlich herstellen

Jetzt konnten Hahn und Christians nach einer weiteren Finanzierungsrunde mit über 43 Millionen Euro einen neuen Zwischenstand melden, als sie Anfang Juni eine Presseveranstaltung in der Münchner Konzerthalle Zenith organisierten. "Wir haben Verträge mit dem Auftragshersteller NEVS in Schweden unterschrieben", sagt Christians, "vereinbart sind 43.000 Fahrzeuge pro Jahr, ab 2023". Die Fabriken sind besser bekannt als die ehemaligen Saab-Werke.

Über sieben Jahre sollen so bis zu 257.000 Fahrzeuge in Schweden entstehen.
In München ist Sono Motors auf 150 Mitarbeiter gewachsen. In den neuen Größenordnungen werden aber 150 Mitarbeiter bald nicht mehr ganz reichen. "Bis 2023 rechnen wir mit bis zu 500 Beschäftigten", sagt Hahn.

Sono Motors will "völlig neues Mobilitätskonzept"

Was Sono Motors dann anbieten will, führt gedanklich über das eigene Auto hinaus. "Es ist ein völlig neues Mobilitätskonzept", sagt Hahn. Es gehe nicht darum, dass jeder seinen eigenen Sono Sion vor der Türe stehen hat, sondern darum, dass man das Fahrzeug durch eine App untereinander teilen kann - oder mitfahren.

Und noch mehr: Ist mal die Handy-Batterie leer und man hat ein Ladegerät dabei, ist es möglich, das Gerät am Sion aufzuladen, falls sonst keine Steckdose in Reichweite ist. "Sions" können sich so auch untereinander aufladen oder auch ein anderes E-Auto mit Strom versorgen, damit es bis zur nächsten Ladesäule fahren kann.

Klappe auf: Unter der Blende über dem vorderen Kennzeichen verbergen sich allerlei Steckdosen: Strom laden, Strom abgeben, schnell oder langsam laden. Alles möglich.
Klappe auf: Unter der Blende über dem vorderen Kennzeichen verbergen sich allerlei Steckdosen: Strom laden, Strom abgeben, schnell oder langsam laden. Alles möglich. © Hüseyin Ince

Die Solartechnologie soll den Unterschied machen. "Wer mit dem Sion 16 Kilometer pro Tag pendelt, braucht das Fahrzeug nie aufladen", sagt Christians. Das erledigen die 248 Solarzellen auf der Außenhaut, die bis zu 1,2 Kilowatt erzeugen. 112 Kilometer pro Woche, oder anders gerechnet, 5800 Kilometer pro Jahr sind laut Christians und Hahn nur durch Solarstrom möglich. Vier Mal weniger laden, das versprechen sich die Entwickler durch die Sonne. Das ist den beiden Freunden wichtig. Denn ihr elektrisches Abenteuer begann 2012 mit der Frage: Wie kann man erreichen, dass weniger kostbares Rohöl verbraucht wird, um auch den CO2-Ausstoß zu verringern?

Maximalgeschwindigkiet des Sono Sion: 140 km/h

120 kW oder etwa 163 PS hat der Sono Sion und fährt maximal 140 km/h. Derzeit verbauen die Ingenieure eine 35-kWh-Batterie. Mit ihr sind laut Hersteller bis zu 255 Kilometer möglich. Wahrscheinlich wird daraus im Serienfahrzeug eine 54-kWh-Batterie. Mit ihr dürfte das Fahrzeug mehr als 300 Kilometer Reichweite haben. Bei vorausschauender Fahrweise vielleicht sogar mehr.

Der Sion wiegt 1,7 Tonnen und beschleunigt - elektroautotypisch - kraftvoll. Das zeigt eine Probefahrt, die Sono Motors im Vorserienmodell Anfang Juni auf einem abgesperrten Gelände angeboten hat. Der Innenraum hat zwei Displays: eines hinter dem Lenkrad, das den Fahrer mit den wichtigsten Infos versorgt, ein zweites, das als Touchdisplay alle Komponenten des Fahrzeugs bedienen lässt, wie etwa die Klimaanlage. Wird es nicht genutzt, zeigt der Bildschirm an, wie viel Energie gerade die einzelnen Solarpaneele erzeugen, um die Batterie laufend zu laden.

Der Sion wirkt bereits recht reif, trotz einer Vorversion. "Im nächsten Schritt werden wir die Verarbeitungsqualität steigern", sagt Sono-Chefentwickler Markus Volmer. Man müsse an Details schleifen, wie etwa an den Spaltmaßen der Polymer-Außenhaut.

AZ-Redakteur Hüseyin Ince bei einer Testfahrt im Vorserienfahrzeug, das im Freimanner Zenith vorgestellt worden ist.
AZ-Redakteur Hüseyin Ince bei einer Testfahrt im Vorserienfahrzeug, das im Freimanner Zenith vorgestellt worden ist. © Daniel von Loeper

Die Karosserie des Sono Sion: Rostfrei und leicht zu reparieren

Auf die sind Hahn und Christians besonders stolz. "Sie kann nicht rosten. Und Parkrempler kann man damit unkompliziert ausbeulen, statt den ganzen Kotflügel zu tauschen", sagt Christians. Auf solche verbraucherfreundlichen Details achten die beiden. Auf der Webseite von Sion steht, dass man Einzelkomponenten auch als ungeübter Schrauber problemlos austauschen können soll - außer natürlich Teile an der Hochvoltanlage. Hierfür braucht man schon eine spezielle Ausbildung.

25.500 Euro soll der Sono Sion am Ende kosten.
Ende 2023 soll er auf der Straße sein. Bereits jetzt kann jeder einen Sion vorbestellen und so das E-Auto aus München auch mitfinanzieren. 3.000 Euro kostet so eine Vorbestellung. 13.000 Mal wurde der Sion bereits mit so einer Anzahlung reserviert.

Die nächsten Jahre werden also spannend für die beiden Freunde aus Pullach - auch für Beobachter sowie Investoren. Am Ende lässt sich noch mal Franz Beckenbauer mit einer weiteren Weisheit zitieren, trotz aller Pläne und Verträge: "Erfolg ist ein scheues Reh", sagte mal der "Kaiser". Stimmt.