Sind Sie auch so müde?

Endlich ist der Frühling da – trotzdem fühlen sich viele derzeit schlapp. Oder gerade deswegen? Die AZ geht dem Phänomen Frühjahrsmüdigkeit nach: Was Wissenschaftler und Ärzte sagen
von  Rudolf Huber

München - Gerade jetzt nach der Umstellung auf die Sommerzeit: Viele Münchner fühlen sich schlapp, klagen über Antriebs- und Lustlosigkeit. Ein Fall von Frühjahrsmüdigkeit – oder bloß eine Erfindung von chronischen Faulpelzen und Hypochondern? Die AZ geht der Frage nach.

Medizinisch gesehen steht fest: Der Körper hat es in diesen Tagen und Wochen wirklich nicht leicht. Der Übergang von langen Nächten zu langen Tagen, dazu die steigenden Temperaturen: Das schlaucht. Die lang erwartete Sonne scheint – und man hängt in den Seilen, möchte sich am liebsten auf dem Sofa verkriechen.
„Es handelt sich hierbei um keine Krankheit im eigentlichen Sinne”, beruhigen Mediziner. „Sondern um eine durch den Jahreszeitenwechsel hervorgerufene Erscheinung.”
Und zwar um eine, die ganz schön viele Münchner zu spüren bekommen: Rund die Hälfte der Bevölkerung – Männer etwas weniger, Frauen etwas mehr – leiden jetzt wegen des deutlichen Temperatursprungs unter massiver körperlicher und geistiger Antriebsschwäche.
Professor Angela Schuh, medizinische Klimatologin am Lehrstuhl für Public Health und Versorgungsforschung der Ludwig-Maximilian-Universität, weiß genau, warum das so ist: „Weil im Frühjahr die Temperaturen steigen und es gerade jetzt oft schnelle Temperaturwechsel gibt. Dazu variieren die Tages- und Nachttemperaturen stark.”

Das schlägt auf den Kreislauf: „Viele Menschen fühlen sich unwohl, müde und erschöpft,” sagt die Wissenschaftlerin.
Ein kleiner Trost für Frühjahrsmüdigkeits-Geplagte: Die Symptome treten nur rund zwei Wochen lang auf, dann hat’s der Körper kapiert. Aber: Bei kräftigen Wetterkapriolen kann das Phänomen auch zweimal zuschlagen. Auslöser ist laut Professor Schuh die Tatsache, dass sich der menschliche Körper bis in den Frühfrühling quasi in einem Mini-Winterschlaf befindet. Das beweist eine etwas niedrigere Körperkerntemperatur, die jetzt langsam ansteigt.
Nicht so ganz an das noch etwas unrunde Zusammenspiel des Müdemachers Melatonin und des Glücksbotenstoffs Serotonin mag die Ärztin Gabriele Oberdoerster von der Techniker Krankenkasse (TK) glauben: „Die Produktion beider Hormone hängt eng mit dem Licht zusammen: Melatonin wird vermehrt in der dunkleren Jahreszeit gebildet, während unser Serotonin-Pegel ansteigt, sobald die Sonne scheint. Warum sollten wir uns also gerade dann schlapp fühlen, wenn die Tage wieder länger werden?", gibt die Medizinerin zu bedenken.

Ihr leuchtet viel eher eine andere Erklärung ein: Dass die Frühjahrsmüdigkeit durch Wetterschwankungen verursacht wird. Der März ist bekannt für sein Rauf und Runter auf dem Thermometer. Oberdoerster: „Das kann dem Kreislauf ganz schön zusetzen. Besonders die wärmeren Tage verursachen eine Erweiterung der Gefäße und lassen den Blutdruck derart abfallen, dass Schwindelgefühle und Kopfschmerzen auftreten können.”