Münchner Schule hat kein WLAN: Unterrichtsmaterial muss abgeholt werden

An einer Grundschule im Münchner Osten holen Schüler ihre Unterlagen aus einer Box ab. Online-Unterricht findet gar nicht statt. Eine enorme Last für alle Eltern.
von  Hüseyin Ince
Die Boxen vor der Schule mit Unterrichtsmaterial.
Die Boxen vor der Schule mit Unterrichtsmaterial. © privat

München - München hat 137 staatliche Grundschulen, mit etwa 44.000 Schülern. Seit dem zweiten Lockdown wird hier häufig online unterrichtet. Doch an mindestens einer relativ neuen Grundschule in einem Übergangsbau im Münchner Osten gibt es das Gegenteil von vollwertigem digitalem Unterricht. Das kann die Grundschule nicht leisten. Sie hat kein drahtloses Internet.

Schule ohne drahtloses Internet: Kein Online-Unterricht

Claudia und Stephan Kapser lässt das verzweifeln. Ihr Sohn Maximilian ist Drittklässler dieser Schule. Der Lockdown wird bei ihnen zur Zerreißprobe. "Eigentlich gehen wir regelmäßig auf dem Zahnfleisch", sagt Stephan Kapser, der sich mit der Lehrerrolle - wie so viele Eltern - oft überfordert fühlt. "Eltern sind eigentlich nie die besten Lehrer", sagt Claudia Kapser.

Claudia und Stephan Kapser leisten bis zu fünf Stunden täglich Homeschooling, neben der Arbeit im Homeoffice.
Claudia und Stephan Kapser leisten bis zu fünf Stunden täglich Homeschooling, neben der Arbeit im Homeoffice. © Daniel von Loeper

Neben dem Job bis zu fünf Stunden Homeschooling täglich - so sieht der Familienalltag seit Wochen aus. "Wir sind noch in der glücklichen Lage, das leisten zu können, weil wir zu zweit im Homeoffice arbeiten. Wie sollen das Alleinerziehende neben dem Beruf stemmen?", fragt sich Stephan Kapser.

Unterrichtsmaterial muss abgeholt werden

Die Umstände wirken steinzeitlich. Mathe, Deutsch, Heimat- und Sachunterricht: Einmal die Woche holen sie sich die Unterrichtsmaterialien aus einer Box ab, die bearbeiteten Bögen legen sie zurück. "Unsere Nachbarin ist berufstätige Alleinerziehende im Homeoffice", erzählt Claudia Kapser, "daher nehmen wir natürlich auch ihre Tochter mit, damit sie ihre Unterlagen holen kann."

Das alles sei keine Kritik an den Lehrern, betont die Familie. Stephan Kapser lobt die Klassenleiterin sehr. "Mit ihrem eigenen Laptop, Smartphone und ihrem Internetanschluss versucht sie alles Menschenmögliche, um den Kindern den bestmöglichen Unterricht zu geben", erzählt er.

"Wo ist der Online-Unterricht, wo sind die staatlichen Endgeräte für die Lehrer?"

Mindestens einmal die Woche rufe sie persönlich an, um sich zu erkundigen. "Aber wo ist da der Online-Unterricht, wo ist die Infrastruktur, wo sind die staatlichen Endgeräte für die Lehrer?", fragen sich die Kapsers. Das einzige digitale Element sei derzeit eine Dropbox mit geringer Kapazität. Hier können sich Eltern Unterrichtsinhalte herunterladen, auch private Erklärvideos der Lehrer. Derzeit stellt die Schule auf einen Microsoft Teams Account um, wegen der größeren Speicherkapazitäten.

Schule im Münchner Osten will sich nicht äußern

Die Schule möchte sich auf AZ-Anfrage nicht äußern. Aus dem Umfeld heißt es, es gebe fünf Endgeräte für 25 Lehrer, bei fast 230 Schülern. Die Lehrer improvisierten täglich, wie die Eltern.

Das Kultusministerium teilt auf Nachfrage mit: Maßnahmen und Mittel des Distanzunterrichts könnten die Schulen individuell entscheiden. Das Vorgehen der betroffenen Grundschule entspreche grundsätzlich den Empfehlungen des Kultusministeriums.

Kultusministerium: Schulen können individuell entscheiden

Das Ministerium betont, mehrere hundert Millionen Euro bayernweit an die jeweiligen "Schulaufwandsträger" weitergeleitet zu haben - also auch dem städtischen Bildungsreferat, das für die digitale Infrastruktur der Münchner Schulen zuständig ist. Auch von bayernweit 180 000 verteilten Schülerleihgeräten ist die Rede.

Aus dem Bildungsreferat heißt es, die Schule der Kapsers habe bereits Leih-Tablets angefordert, vor allem für sozial benachteiligte Schüler. Ein Teil sei ausgeliefert. Sobald es möglich sei, wolle man die Schule mit drahtlosem Internet "ausleuchten". Widersprüchlich ist nur, dass die Grundschule bereits die Möglichkeit des digitalen Distanzunterrichts habe - behauptet das Bildungsreferat. Grundsätzlich sei die Stadt dabei, Tausende von Endgeräten an Lehrer und Schüler weiterzuleiten - und zudem ein zentrales Rechenzentrum für Digitalunterricht aufzubauen. Bau-Ende: 2025.

Maximilian Kapser wäre dann 13 Jahre alt. So bleibt der Familie eigentlich nur eine Hoffnung: baldiger Präsenzunterricht, "zumindest Wechselunterricht, um all die betroffenen Familien zu entlasten", sagt Claudia Kapser.