Münchner Handwerker berichten: So hart trifft uns die Corona-Krise

Der Lockdown trifft vor allem kleine Betriebe hart. In der AZ berichten Friseure, Schneider und Kosmetiker.
von  Eva von Steinburg
Friseurmeister Christian Kaiser in seinem Laden in der Implerstraße.
Friseurmeister Christian Kaiser in seinem Laden in der Implerstraße. © Daniel von Loeper

München - Textilreinigungen haben zwar geöffnet, bekommen aber keine Aufträge mehr von Hotels und Gaststätten. Fotografen dürfen im Studio keine Kunden porträtieren. Der Corona-Lockdown trifft viele stark, an die im ersten Moment nicht gedacht wird.

Private Dienstleister und Handwerker, wie Friseure, Kosmetiker, Masseure und Goldschmiede leiden besonders unter unverschuldet geschlossenen Geschäften. "Das Handwerk ist stark belastet", sagt Franz Xaver Peteranderl, Präsident der Handwerkskammer München und Oberbayern. Obwohl die gute Baukonjunktur die Umsätze der Baugewerke stabilisiert, wodurch die Gesamtlage im Handwerk nicht so dramatisch aussieht.

Doch in einzelnen Handwerksberufen kippt die Stimmung. Frust macht sich breit, wenn Umsätze über Monate auf null fallen. Franz Xaver Peteranderl: "Friseure und Kosmetiker haben viel Geld in Hygienemaßnahmen investiert und sind trotzdem geschlossen — obwohl sie keine Corona-Hotspots darstellen."

Christian Kaiser: "8.000 Friseure warten auf ihren Einsatz"

Keine Brautfrisur, keine Abifrisur, keine Wiesnfrisur, keinen frischen Haarschnitt für Weihnachten. Rund 2.000 Friseursalons gibt es in der Stadt. Christian Kaiser (52) betreibt einen davon. Der Obermeister der Münchner Friseurinnung beklagt für 2020 einen Umsatzrückgang um rund 20 Prozent in seinem Salon "Hair Kaiser" in der Implerstraße. Er fordert eine Öffnungsperspektive.

Der Innungsmeister erklärt: "Die Damen kennen es. Früher, wenn bei ihnen die Haarfarbe eingewirkt hat, habe ich dazwischen einen Herren geschnitten. Wegen dem Hygienekonzept waren 2020 unsere Plätze im Salon aber von sieben auf drei reduziert." Deshalb sei sein Umsatz im ganzen Jahr zurückgegangen, nicht nur durch den Lockdown.

Viele Unternehmer haben 2020 kaum einen Unternehmerlohn erwirtschaftet. Und Überbrückungshilfe gibt es nur für mindestens 30 Prozent Umsatzrückgang zum Vorjahr. Für Januar hatte er Kurzarbeit beantragt für seine drei Mitarbeiter. Wer Azubis hat, muss sie normal weiterzahlen. "Viele leben von Rücklagen und verbrennen derzeit ihr Kapital", sagt Kaiser.

"Was ich fordere? Wir Friseure fordern eine wöchentliche Betrachtung der Überbrückungshilfe, keine monatliche. Schließlich haben wir unverschuldet geschlossen und für den halben Dezember und den halben Februar kann ich nicht beantragen. Außerdem ist klar, wir sind eine körpernahe Dienstleistung aber kein Pandemietreiber. Eine Haarwäsche, kann jemand mit einer gebrochenen Hand nicht selber vornehmen. Ein Haarschnitt ist ein Grundbedürfnis."

Der Friseur bekommt Anrufe von Familien: "Mensch, die Oma braucht nach Wochen wieder eine Haarwäsche." Leider floriere die Schwarzarbeit. "Aber die Fußballer und Frau Merkel sind frisch geschnitten...", so Kaiser.

Kaisers Prognose für die Zeit nach dem Lockdown: "Es geht verhalten los"

"Ich plädiere für eine baldige Öffnung der Friseursalons, denn wir haben keine Ausweichmöglichkeiten wie Läden mit Click & Collect oder die Gastro mit einem Lieferservice." Und es trifft viele: Rund 8.000 Friseure arbeiten in München, davon 620 Azubis. Denn nach Kauffrau und Medizinischer Fachangestellter ist Friseurin für Frauen einer der beliebtesten Ausbildungsberufe. Von einer Stundung der Gewerbesteuer durch die Stadt München hält er persönlich nicht viel: "Bei Liquiditätsengpässen kann sie vorübergehend helfen - ansonsten ist es nur ein aufschieben von Schulden."

Eine passgenaue staatliche Hilfe für Betriebe die unverschuldet schließen mussten und eine zügige Zahlung der Gelder wäre angebrachter, meint der Friseurmeister: "Bislang kann ein Antrag für Überbrückungshilfen noch nicht einmal gestellt werden." Christian Kaisers Prognose für die Zeit nach dem Lockdown: "Es geht verhalten los."

Natalie und Maxyne Lippert: "Die Talfahrt geht an die Psyche"

Trotz des Lockdowns haben Natalie und Maxyne Lippert, die den Promi-Salon Lippert's Friseure am Lenbachplatz (30 Mitarbeiter) führen, keine ruhige Sekunde. Maxyne Lippert zur AZ: "Wir müssen Kunden beruhigen, die durchdrehen, weinen und uns Geld bieten, heimlich zu schneiden oder Extensions anzubringen. Dazu die Mitarbeiter, die Angst haben. Es ist heftig."

Natalie (l.) und Maxyne Lippert.
Natalie (l.) und Maxyne Lippert. © ho

Das Schlimmste? "Das Gefühl, in eine Verschuldung zu rutschen, ohne etwas dafür zu können. All unser Erspartes ist weg, jetzt geht es um unsere Existenz", so Lippert. "Was nach dem Februar kommt? Keine Ahnung. Ein Kredit? Lohnt das? Die Miete wird gestundet, muss bezahlt werden - nur: von was? Die Dezemberhilfe wird nicht ausbezahlt, weil bis zum Lockdown gearbeitet wurde. Die Talfahrt geht an die Psyche, verursacht Schlafstörungen."

Schneider Robert Häberle: "Wenn nötig, länger durchhalten"

In der Nachbarschaft des Münchner Liebfrauendoms fertigt Robert Häberle Maßanzüge, feine Smokings für die Oper und den Frack für den großen Ball, auch Priesterkleidung, wie Soutanen und Roben für Richter. Doch im Laden "Willi Fischer, der Schneider am Dom", darf der 59-jährige Häberle keine Anproben machen. "Der Kunde darf meine Geschäftsräume und die Werkstatt nicht betreten. Es kommt kein Geld rein, aber die Miete läuft weiter", sagt der Schneidermeister.

Der Münchner Schneidermeister Robert Häberle (59) in seiner traditionellen Schneider-Werkstatt am Frauenplatz.
Der Münchner Schneidermeister Robert Häberle (59) in seiner traditionellen Schneider-Werkstatt am Frauenplatz. © Daniel von Loeper

Über seinen Steuerberater hat er Coronahilfen beantragt und etwas ausbezahlt bekommen. Als stellvertretender Obermeister der Schneiderinnung denkt Häberle auch an viele Mitgliedsbetriebe, denen es ähnlich geht. "Die Politik versucht, einen möglichst guten Weg zu finden. Wir versuchen das auch. Wichtig für über 400 Münchner Schneiderbetriebe ist es jetzt, dass Fördergelder zeitnah ausbezahlt werden, sonst wird es für viele Kollegen sehr eng." Doch Robert Häberle findet es wichtig, jetzt Geduld zu haben - und wenn nötig, länger durchzuhalten, als vorschnell zu öffnen und einen dritten Lockdown zu riskieren.

Kosmetikerin Angelika Baur-Schermbach: "Es ist eine Katastrophe"

Die 1704 Münchner Kosmetik-Studios, sie waren eine blühende Branche mit guten Umsätzen: Doch die Kosmetikerinnen mussten schon am 1. November ihre Studios schließen, sechs Wochen vor den Friseuren. Die Kosmetikerinnen dürfen seit drei Monaten weder Gesichtsbehandlung noch Wimpernverlängerung machen, weder Maniküre noch Pediküre. "Wobei bei der Körpermassage alle Mundschutz tragen können. Ein Friseur ist, weil er über dem Kopf des Kunden steht, mehr in Mitleidenschaft gezogen durch mögliche Aerosole als wir bei einer Pediküre", sagt Angelika Baur-Schermbach, Inhaberin des Face & Body Day Spa in Nymphenburg.

Angelika Baur-Schermbach.
Angelika Baur-Schermbach. © privat

Die Kosmetikerin und Leiterin einer Kosmetikerschule ist im Vorstand der Handwerkskammer München und Oberbayern. Auch aus Online-Foren kennt sie die Lage der Kolleginnen; "Es ist eine Katastrophe." Für ihr Day Spa mit Sauna hat sie ein Haus gemietet, für das sie mehrere 1000 Euro Miete im Monat zahlt: "Von der Novemberhilfe habe ich bis jetzt keinen Cent gesehen. Die Dezemberhilfe kam auch noch nicht und wann die Unterstützung für Januar kommt, steht in den Sternen."

Um das Kurzarbeitergeld für die Angestellten zu bezahlen, musste sie in Vorleistung treten. Ihr Vermieter wartet schon seit drei Monaten auf die Miete. Ihr junges Team von zehn Mitarbeiterinnen ist völlig gestresst und bekommt Depressionen: "Wir wollen arbeiten, dürfen aber nicht!" Gäste mit Hautproblemen, die durch das Maskentragen schlimmer werden, schicken Fotos: "Was soll ich machen?" Der Schwiegersohn hat als "Beauty-Taxi" schon Cremes ausgefahren.

Angelika Baur-Schermbach: "Der Lockdown bringt uns nicht weiter"

Bei ihr rufen sogar jeden Tag Kundinnen und Kunden an, die vorschlagen, heimlich zum Hintereingang hineinzuschlüpfen und verschleiert aus dem Haus hinauszugehen. Aber da gibt es kein Verhandeln. Ihr Institut hat geschlossen. Weil aber Beauty-Pannen passieren, Gel-Nägel unschön herauswachsen, künstliche Wimpern verrutschen und graue Haaransätze nachgefärbt sein wollten, blüht in ihrer Branche die Schwarzarbeit. "Wie schön die Nägel sind. Wie schön die Frisuren. Ich frage mich, wohin die Frauen gehen", so Baur-Schermbach.

Zur Corona-Politik hat sie eine klare Meinung: "Man muss Menschenleben schützen, vor allem die Risikogruppen. Es ist traurig, wenn jemand stirbt. Aber dass dieser Kollateralschaden in der Wirtschaft hingenommen wird, ist für mich nicht nachvollziehbar. Täglich stirbt weltweit alle zehn Sekunden ein Kind an den Folgen von Hunger. Das lässt man geschehen", wundert sie sich. Die Geschäftsfrau kritisiert, dass die Anträge auf Coronahilfen "nicht sofort online waren und die Industrie- und Handelskammern jetzt nicht in der Lage sind, die Anträge abzuarbeiten".

Der Lockdown bringe einen Rattenschwanz mit sich, auch für ihre Kosmetikschule. Angelika Baur-Schermbach: "Nur wenige Schülerinnen trauen sich, sich anzumelden. Im September hatten wir 65 Anmeldungen, für das Frühjahr sind jetzt nur 20 Plätze besetzt." Ihre Überzeugung: "Der Lockdown bringt uns nicht weiter. Corona wird bleiben. Wir werden damit leben müssen, wie wir das seit 100 Jahren mit allen Mutanten der Influenza tun."