Interview

Münchner Flüchtlingsherbst 2015: Stephanie Jacobs erinnert sich

Die noch amtierende Gesundheitsreferentin Stephanie Jacobs - sie wechselt am 15. September ins Ministerium für Gesundheit - erzählt im AZ-Interview von ihrem Amtsbeginn am 1. September 2015.
von  Emily Engels
Gesundheitsreferentin Stephanie Jacobs (parteilos) am Starnberger Flügelbahnhof. Hier kamen im September 2015 Tausende Geflüchtete an.
Gesundheitsreferentin Stephanie Jacobs (parteilos) am Starnberger Flügelbahnhof. Hier kamen im September 2015 Tausende Geflüchtete an. © Bernd Wackerbauer

München - Vor etwa zwei Wochen hatte die AZ Stephanie Jacobs (43) in ihrem Büro im Gesundheitsreferat besucht und mit ihr über ihre Anfänge im Amt gesprochen. Denn die fielen zufällig in die Zeit, in der täglich Tausende Geflüchtete in München ankamen. 

Zum Zeitpunkt, zu dem dieses Interview geführt wurde, war noch nicht öffentlich bekannt, dass Stephanie Jacobs zum 15. September ihr Amt verlassen und ins Gesundheitsministerium wechseln wird. Sie werde ihre Expertise dorthin mitnehmen, erklärte sie am Dienstag.

AZ: Frau Jacobs, Sie waren am 1. September 2015 neu im Amt, als die Geflüchteten ein paar Hundert Meter vom Referat für Gesundheit und Umwelt (RGU) entfernt am Starnberger Flügelbahnhof ankamen. Waren Sie da sehr nervös?
STEPHANIE JACOBS: Ich hatte ehrlich gesagt gar keine Zeit dazu, nervös zu werden. Ich bin damals mit der U-Bahn zum Hauptbahnhof gefahren und von dort in die Trambahn eingestiegen, um zum RGU weiterzufahren. Und habe auf dem Weg dahin schon gesehen, wie der damalige Kreisverwaltungsreferent Wilfried Blume-Beyerle mit wehendem Jackett über den Bahnsteig gelaufen ist Richtung Starnberger Flügelbahnhof. Und ich habe mir da schon gedacht: Irgendetwas scheint da passiert zu sein. Doch ich bin erstmal tapfer weiter ins Amt. Und da war ich dann genau fünf Minuten.

Stephanie Jacobs: "Es war ein Sprung mitten ins kalte Wasser"

8. September 2015: Nach der medizinischern Untersuchung verlassen ein Mann und ein Junge eines der Zelte vor dem Hauptbahnhof.
8. September 2015: Nach der medizinischern Untersuchung verlassen ein Mann und ein Junge eines der Zelte vor dem Hauptbahnhof. © Andreas Gebert (dpa)

Und dann?
Dann hat mein damaliger Vertreter mir erklärt, dass unangekündigt viele Flüchtlinge eingetroffen sind und dass wir als Gesundheitsamt zuständig sind fürs gesundheitliche Erstscreening. Ich bin dann so schnell wie möglich zurück an den Hauptbahnhof gefahren – und war die ersten Wochen kaum in meinem damals neuen Büro, das ich noch nicht einmal richtig bezogen hatte.

Wie sah es dann bei Ihnen im Büro aus?
Ein paar Kisten standen unausgepackt herum. Die ersten Pressekonferenzen, die ich zu Beginn meiner Amtszeit gegeben habe, waren auch sehr improvisiert und fanden zwischen dem Starnberger Flügelbahnhof und dem Krisenstabstreffen statt. Es war ein Sprung mitten ins kalte Wasser – und zwar ohne Neopren. Aber so lernt man das Schwimmen.

Sie haben schon sehr bildlich Blume-Beyerles wehenden Mantel beschrieben. Was ist Ihnen noch aus diesen Tagen im Kopf geblieben?
Diese vielen vielen Menschen, offensichtlich gebeutelt von der Flucht, die werde ich nie vergessen. Diese Augen, diese Dankbarkeit. Einerseits auch diese wahnsinnige Erschöpfung, die man gesehen hat. Mütter mit ihren Kindern. Schwangere, die von unseren Vorschriften her in ein Krankenhaus hätten gehen müssen, um einen Ultraschall zu bekommen. Und die Ängste, die in den Menschen erzeugt worden sind, als wir Untersuchungen angeboten haben.

Stephanie Jacobs: "Man trifft auf die Staatsgewalt"

12. September 2015: Flüchtlinge kommen mit einem Zug aus Budapest am Hauptbahnhof an. Dort nehmen sie (auch) Polizisten in Empfang.
12. September 2015: Flüchtlinge kommen mit einem Zug aus Budapest am Hauptbahnhof an. Dort nehmen sie (auch) Polizisten in Empfang. © Andreas Gebert (dpa)

Wovor hatten sie Angst?
Weil sie sich dann von ihren Familien oder ihren Kindern hätten trennen müssen. Und das war sicherlich auf dieser langen Flucht auch nicht leicht, zusammenzubleiben. Zudem waren Menschen in Uniform da. Polizei und Feuerwehr. Man trifft auf die Staatsgewalt. Und weiß nicht genau, was passiert.

Wie sind Sie diesen Ängsten begegnet?
Wir haben zum Beispiel ein mobiles Ultraschallgerät am Starnberger Flügelbahnhof organisiert. Damit die Schwangere nicht in ein Krankenhaus oder eine Praxis gehen muss für einen Ultraschall, sondern die für das Ungeborene wichtige Untersuchung am Bahnhof, im engsten Kreis ihrer Familie, erhalten kann. Ich erinnere mich auch an das Baby, das am Budapester Bahnhof zur Welt gekommen ist. Und dann in München völlig unterernährt angekommen ist. Das haben wir dann erstmal in ein Wärmebettchen legen müssen. Etwas später habe ich die Familie dann noch im Krankenhaus besucht und mit Freude gesehen, wie gut sie sich erholt haben und wie fröhlich und zuversichtlich sie waren. Das sind die Einzelschicksale, die aus der Masse herausstechen – und die einen einfach wahnsinnig berühren, aber auch antreiben: Verzweifelten Menschen wieder Zuversicht geben, geschwächten Menschen wieder Stärke und Kraft.

Stephanie Jacobs: So lief das mit dem neuen Fachgebiet

Wie ging es dann weiter?
Wir haben ein neues Fachgebiet gegründet: Gesundheitsvorsorge für Menschen in Unterkünften, mit besonderem Fokus auf Kinder. Wir haben schnell gemerkt, dass die traumatischen Erlebnisse in der Heimat oder auf der Flucht bei Vielen — besonders bei Kindern und unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen — Spuren hinterlassen haben. Daher haben wir eine spezielle Versorgung, unter anderem mit psychiatrischen Sprechstunden, organisiert. Auch haben wir die Asyluntersuchungen durchgeführt, ein Impfangebot etabliert und den Geflüchteten erklärt, wie das Gesundheitssystem in Deutschland funktioniert.

War das für sie sehr anders?
Schon. Zum Beispiel unser zweigeteiltes System mit den Krankenhäusern und dem ambulanten Bereich, also, dass man außer in akuten Notfällen immer zuerst eine Arztpraxis aufsuchen muss, bevor man in ein Krankenhaus gehen kann. Das kennen viele andere Länder nicht. Dort lautet die Gleichung: Ich bin krank, also gehe ich ins Krankenhaus.

Wie wurde da die Sprachbarriere überwunden?
Wir haben einen Dolmetscherdienst nach Vorlage im Stadtrat finanziert bekommen, zunächst für die Leistungen des öffentlichen Gesundheitsdienstes und der städtischen Zuschussnehmer, inzwischen auch in besonderen Fällen bei unüberwindbaren Sprachbarrieren in bestimmten Praxen und Therapieformen.

Jacobs: "Für viele war eine Impfung eine Art Zaubertrank"

Stephanie Jacobs am Bahnsteig: Im September 2015 "war ich die ersten Wochen kaum in meinem damals neuen Büro, das ich noch nicht einmal richtig bezogen hatte".
Stephanie Jacobs am Bahnsteig: Im September 2015 "war ich die ersten Wochen kaum in meinem damals neuen Büro, das ich noch nicht einmal richtig bezogen hatte". © Bernd Wackerbauer

Wurde das medizinische Angebot gut angenommen?
Für viele war es erstaunlich, ein solches Angebot kostenfrei zu erhalten, für manche sogar ein Segen. Für diejenigen nämlich, die aus Ländern kamen, bei denen Impfen der oberen Klasse vorbehalten ist. Viele Geflüchtete waren begeistert, dass es hier gratis möglich ist. Für viele war eine Impfung eine Art Zaubertrank, der stärker macht.

Was für gesundheitliche Probleme traten bei den Geflüchteten häufig auf?
Beim Erstscreening waren es Begleiterscheinungen von der Flucht. Offene Wunden, kaputte Füße, viele Menschen waren dehydriert. Es war auch Fieber dabei, klassische Infekte eben, die durch die Strapazen einer Flucht leichteres Spiel haben.

Jacobs: "Natürlich gab es Momente der Überforderung"

12. September 2015: Flüchtlinge kommen mit einem Zug aus Budapest am Hauptbahnhof an. Dort nehmen sie (auch) Polizisten in Empfang.
12. September 2015: Flüchtlinge kommen mit einem Zug aus Budapest am Hauptbahnhof an. Dort nehmen sie (auch) Polizisten in Empfang. © Andreas Gebert (dpa)

Waren Sie damals jemals wütend auf die Bundespolitik?
Wir hatten dafür gar keine Zeit. Die vielen Menschen waren da und mussten gut versorgt werden. Natürlich gab es Momente der Überforderung. Aber – und da kann ich glaube ich für alle Beteiligten sprechen — in allererster Linie haben wir es als unsere Aufgabe gesehen, diesen Menschen nach Kräften zu helfen.

Inwiefern hat der Zustrom München als Stadt verändert?
Wir sind im positiven Sinn großstädtischer, multikultureller geworden, sind bereichert worden um neue Blickwinkel, Perspektiven und Kulturen. Wir im Gesundheitsamt haben strukturell einiges verändert. Zum Beispiel haben wir neue Aufgaben wie die Asylgesetzuntersuchung erhalten und ein Impfzentrum aufgebaut. Diese Strukturen und Kompetenzen können hoffentlich bald, sobald ein Impfstoff gefunden ist, bei der Eindämmung der Coronapandemie verstärkt zum Einsatz kommen. Und wir sind insgesamt multikulturell sensibler geworden, denken beispielsweise früher daran, unsere Informationen und Flyer mehrsprachig zu verfassen. Oder jetzt ganz aktuell, dass es nicht für alle Frauen okay ist, wenn ein Mann bei ihnen einen Corona-Test durchführt und umgekehrt.