Mode namens Mama

Designerin Sonja Kiefer in der AZ-Serie "Was mir wichtig ist" über ihren Sohn Jake, die alte Handtasche ihrer Mutter und den Stil von First Ladys wie Bettina Wulff.
von  Abendzeitung
Leidenschaft treibt sie an, Unentschlossenheit bringt sie auf die Palme: Sonja Kiefer.
Leidenschaft treibt sie an, Unentschlossenheit bringt sie auf die Palme: Sonja Kiefer. © Hans-Günther Kaufmann

Designerin Sonja Kiefer in der AZ-Serie "Was mir wichtig ist" über ihren Sohn Jake, die alte Handtasche ihrer Mutter und den Stil von First Ladys wie Bettina Wulff.

Mode ist für mich ein Stück Lebenskultur und Lebenswert. Ich möchte die Schönheit darstellen, die in jeder Frau steckt – und ihre Lust beflügeln, sich über ein Kleid, einen Stoff oder eine Farbe zu definieren. Ich bin froh, dass es seit einiger Zeit einen Gegenpol zu dem Alles-wird-noch-billiger- Trend gibt. Nicht nur bei meinen Kundinnen. Wertschätzung und Nachhaltigkeit sind wieder gefragt.

Mein privates Herzstück ist eine alte Python-Handtasche meiner Mutter, die sie mir anvertraut hat. Für sie war der Kauf einst eine große Investition. Für mich ist die Tasche unbezahlbar, weil sie voller Erinnerungen steckt. Und so lasse ich sie jedes Mal, wenn sie wieder auseinander gefallen ist, flicken. Sie hat kein Verfallsdatum.

Genau das möchte ich auch mit meinen Designs erreichen. Dass sie gerade in unseren digitalen Zeiten Herzstücke sind, die man aufhebt. Die ewigen Grenzdefinitionen: Diese Saison ist lila, die nächste kurz, die übernächste alles Spitze – die sind nur was Fashion Victims, die jedem Trend hinterher laufen. Die Mischung, der Mehrwert aus alt und neu macht's. In der Mode und vielen anderen Bereichen.

Machen Kleider Leute? Das werde ich häufig gefragt. Ja. Schöne Kleider sind Glamour, Lifestyle, Wohlfühlen. Mode kann Sinnsuche sein oder ein Spiel. Undnatürlich auch schöner Schein, Leichtigkeit. Das Verkleiden darf man nicht immer zu tiefgründig hinterfragen. Die einen wollen sich abgrenzen, andere sich Zielgruppen zuordnen. Dazu kommen die Selbstdarsteller und Paradiesvögel, die kaum einen roten Teppich auslassen, und die Ü50-Mütter, die sich in Nietenjeans und zerrissenem Top cool fühlen, während ihre Töchter ganz bieder Schluppenbluse und runde Pumps tragen.

Bei Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, ist Mode ein besonderes Statement. Die Robe, die Bettina Wulff beim Sommerempfang im Schloss Bellevue trug, war aus dschungelgrünem Satin – und aus meinem Atelier. Die First Lady weiß ziemlich genau, was ihr steht. Mini und lange Stiefel könnte sie mit ihren Beinen zwar gut tragen, sind aber nicht angemessen. Ebenso provokante Dekolletees. Wie viel Haut in der Politik erlaubt ist, darüber haben sich ja die Amerikaner bei Michele Obama die Köpfe heiß geredet, als sie ärmellos im Kongress erschien. Ich habe die Aufregung nicht verstanden. Aber ich verstehe, dass Bettina Wulff ihr Tattoo bei offiziellen Anlässen verdeckt. Das ist ihr privates Statement.

Etwas aus Stoffen gestalten, das hat mich schon als Kind fasziniert. Meine Puppen waren meine ersten Models. Ab zwölf habe ich dann für mich selbst geschneidert. Ichwollte mich modisch absetzen von den anderen Mädels, mich individualisieren. Wenn ich mal etwas von der Stange hatte, habe ich es sofort mit Noppen und Pailletten verändert.

Heute nähe ich unserem fünfjährigen Sohn Jake gern mal einen anderen Kragen an die Jacke oder peppe seine Jeans auf. Bevor er auf die Welt kam, hatte ich bereits eine Firma, war Chefin. Mutter zu sein, ist etwas anderes, eine 100-prozentige Verantwortung. Dieser kleine Mensch, hat mich weicher gemacht, mir ein neues Zeitgefühl gegeben. Vor ihm dachte ich halbjährlich in Kollektionen. Jetzt plane ich in Stunden, bis ich Jake um 16.30 Uhr aus dem Kindergarten abhole.

Ich wünsche ihm, dass er später mal alles von ganzem Herzen macht, voller Leidenschaft. Das ist mir das Wichtigste. Ich freue mich jeden Tag darauf, kreativ zu sein. Das gibt mir Energie. Aber die meiste Kraft gibt mir unser Jake. Mama zu sein – das kommt nie aus der Mode.

Aufgezeichnet von Renate Schramm

Zur Person: Nach dem Abitur studierte Sonja Kiefer an der Münchner Esmod-Modeschule und gründete hier – nach Praktika in Paris und New York u.a. bei Oscar de la Renta – 1996 mit ihrem Mann die Sonja Kiefer Design GmbH. Ihre Mode gefällt auch Deutschlands First Lady Bettina Wulff. Heuer möchte die SK-Label- Chefin nicht nur glamourös, sondern auch warm anziehen, entwirft eine Kuschel-Strick-Kollektion – und privat ab und an was für Sohn Jake (5).