Kirchenaustritt im Akkord: Keine Termine beim Standesamt mehr

Für den Kirchenaustritt gibt es zwei Möglichkeiten: per Online-Termin beim Standesamt oder per Termin beim Notar. Laut KVR kostet das immer rund 25 Euro. Eine Austritts-Bescheinigung kostet zehn Euro extra.
von  Hüseyin Ince
Die Bänke bleiben leer - so wie hier in der Christkönig-Kirche am Romanplatz.
Die Bänke bleiben leer - so wie hier in der Christkönig-Kirche am Romanplatz. © imago images/Ralph Peters

München - Wer im Standesamt Ruppertstraße einen Termin zum Austritt aus der Kirche vereinbaren möchte, kann das gar nicht. Der Kalender ist bis Ende Juli voll, der August noch gar nicht aufgeführt.

Missbrauchte Kinder, mit Kirchengeldern finanzierte goldene Bäder, eine ablehnende Haltung zur Homosexualität und gleichgeschlechtlichen Partnerschaft: Viele Münchner entscheiden sich seit Jahren zum Kirchenaustritt. Fast 16.000 Abtrünnige waren es 2019. Pandemiebedingt sank die Zahl 2020 etwas: 13.549.

Kirchenaustritt: Keine Termine beim Standesamt mehr 

Wer heute beim Standesamt einen Termin zum Austritt vereinbaren möchte, braucht Geduld. Denn man findet keinen. Ist etwa das Standesamt an der Ruppertstraße zuständig, reicht der Terminkalender bis Ende Juli. Frei sind exakt: null Termine - und der August ist noch nicht aufgeführt.

Das heißt: Allerfrühestens in mehr als drei Monaten ist ein Termin frei. Rechnet man die Zahlen der Münchner Kirchenflucht hoch, kommt man bei einer Fünf-Tage-Woche - ohne die Feiertage zu berücksichtigen - auf etwa 1.300 Austritte pro Monat oder 307 Austritte pro Woche.

Anders gesagt: Zu üblichen Geschäftszeiten unterschreibt alle fünf bis spätestens zehn Minuten ein Münchner oder eine Münchnerin das Formular, mit dem man sich aus der katholischen oder evangelischen Kirche verabschiedet. Ein anderes Gedankenspiel: Würde man Zu- und Abwanderung, Todesfälle sowie Konfession vernachlässigen, wären in 90 bis 100 Jahren alle Münchner keine Kirchenmitglieder mehr.

Zahl der Kirchenaustritte jedes Jahr fünfstellig

Spielt der sogenannte Woelki-Effekt eine Rolle, also die Unzufriedenheit, wie die Kirche vor allem den Kindesmissbrauch vergangener Jahrzehnte aufarbeitet? Zuletzt sorgte es für Aufregung, dass das hochrangige Mitglied der katholischen Kirche, Kardinal Rainer Maria Woelki, trotz aller Vertuschungsvorwürfe im Amt blieb und keinen Rücktritt anbot. Woelki stützt zudem das Segnungsverbot für gleichgeschlechtliche Paare.

Möglicherweise gibt es gar keinen Effekt. Die Zahl der Münchner Kirchenaustritte befinde sich seit Jahren in fünfstelliger Höhe, so das Kreisverwaltungsreferat (KVR): Bis zum Jahrtausendwechsel reicht die Statistik, mit 8.934 Austritten im Jahr 2.000. Eine interessante Frage ist, ob hauptsächlich Katholiken austreten. Doch hierauf kann das KVR keine Antwort geben. "Eine Aufschlüsselung nach Konfessionen ist uns statistisch nicht möglich", schreibt KVR-Sprecher Johannes Mayer.

Münchner Pfarrer Schießler: "Jeder einzelne Austritt tut weh" 

Bereits in den ersten zwei Monaten des Jahres 2021 traten 2.606 Kirchenmitglieder aus. Derzeit sind pandemiebedingt etwa 13.000 Termine im KVR möglich, sagt Mayer. Blickt man auf den Online-Kalender, scheint die Nachfrage viel höher zu sein als das Terminangebot.

Für den stadtweit bekannten Münchner Pfarrer der Gemeinde St. Maximilian, Rainer Maria Schießler, ist die Entwicklung besorgniserregend. Er kann zwar den Unmut nachvollziehen. Aber: "Vom Beiboot aus lässt sich das Schiff nicht retten", sagt er bildhaft und: "Jeder einzelne Austritt tut weh." Er appelliert an alle Mitglieder, die Kirche mitzugestalten, statt von Bord zu springen. "Wenn mir etwas nicht passt, dann muss ich protestieren. Wir sind doch alle mündige Menschen." Die Kirche sei einfach seit Jahrhunderten eine Dauerbaustelle.

Auch gleichgeschlechtliche Paare können sich bei Schießler trauen lassen

Wie Schießler mit Ausgetretenen umgeht? "Natürlich betreue ich auch Ausgetretene, selbstverständlich taufe ich ihre Kinder oder betreue sie bei Todesfällen. Keine Frage." Schießler trennt hier klar zwischen Kirchenmitgliedschaft und Religion. "Ich würde niemandem den Glauben absprechen, weil er oder sie austritt", sagt er.

Seine etwas liberalere Haltung zum Katholizismus möchte er in Zukunft nicht aufgeben. Er machte zuletzt Schlagzeilen, weil er auch gleichgeschlechtlichen Paaren den Segen ausspricht und eine Regenbogenfahne an die Kirche gehängt hatte. "Ich werde natürlich weiterhin bei allen Paaren den Segen sprechen", sagt Schießler.