Kein Schnapsverkauf nach 0 Uhr?

Die AZ-Redakteure Timo Lokoschat (l.) und Michael Schilling über den Plan des Münchner Polizeipräsidenten.
von  Michael Schilling/Timo Lokoschat
Kein Schnapsverkauf mehr nach 0 Uhr? (Symbolbild)
Kein Schnapsverkauf mehr nach 0 Uhr? (Symbolbild) © dpa

Die AZ-Redakteure Timo Lokoschat (pro) und Michael Schilling (kontra) über den Plan des Münchner Polizeipräsidenten.

Als die AZ neulich in einem Lärm-Report die Lautstärken an Baustellen, Straßen und in Kaufhäusern maß, wurde eine der größten Krachquellen unserer Stadt vergessen: Sturzbetrunkene, die nach Mitternacht grölend umherziehen – egal, ob in Giesing oder am Gärtnerplatz, in der Sendlinger oder der Schwanthalerstraße – und laut über Dinge wie „Hassuballaballagngng“ und „Alterichbinsofertigrallalalalala“ debattieren. Für Anwohner nervig. Und für Menschen, die ihnen über den Weg laufen, oft nicht ungefährlich, wie die (völlig nüchterne) Statistik beweist.

Dass sich der Polizeipräsident traut, dieses Tabu anzutasten, ist mutig. Noch konsequenter wär’s, den Konsum nach Mitternacht auch auf der Straße zu stoppen. Klar, dass das nichts wird in einer Stadt, die das größte Massenbesäufnis der Welt – die Älteren kennen es noch als „Volksfest“ im Wortsinne – zur Folklore (v)erklärt hat.

Immerhin löst es wie andernorts eine Debatte aus. Idealerweise wird sie mit klarem Kopf geführt. Timo Lokoschat


Hat der Begriff „Schnapsidee“ jemals besser gepasst als hier? Und was kommt als nächstes: Fahrverbot in der Dunkelheit (unfallträchtig)? Hundeverbot in der Innenstadt (Minengefahr)? Rauchverbot in der eigenen Wohnung (ungesund – plus: Brandrisiko)?

Natürlich gilt es, Gröl- und Gewaltexzessen in der Stadt entschieden entgegen zu treten. Den Spirituosenverkauf um Mitternacht einzustellen, ist als Präventionsmaßnahme allerdings ungeeignet. Wer sich in die Hemmungslosigkeit saufen will, kann so ein Verbot mühelos umgehen. Dazu muss er kein Genie sein.

Gewaltbereitschaft entsteht nicht durch Alkohol; er senkt nur die Hemmschwelle. Gewalt beginnt im Denken. Hier kann Prävention wirksam sein: in der Erziehung, in der Schule, über Medien. Das ist nachhaltiger als ein Verbot. Erst recht eines, das nicht realisierbar ist.

Oder mag sich in München jemand vorstellen, wie im Hotel um 23.55 Uhr der Zimmerservice klopft: „Wir räumen jetzt die Minibar!“ Gute Nacht. Michael Schilling