Jazz, Rotlicht & Mafia: Münchner Nächte waren heiß

Schlagzeilen aus dem Striplokal, Nachtclubs im römischen Stil und frivole Beat-Clubs: AZ-Reporterlegende Karl Stankiewitz zur Geschichte des Feierns.
von  Karl Stankiewitz
Sammy Davis Jr. 1972 in München.
Sammy Davis Jr. 1972 in München. © Dimitri Soulas

München - Zu den Olympischen Spielen 1972 erreichte die Lustbarkeit in Münchens Nachtlokalen einen Rekord. Eher primitiver Ausdruck der neuen Liberalität: die "Schönheitstänze", Striptease genannt, in vielen neuen Nachtlokalen, Nightclubs genannt.

Gewissermaßen über Nacht hatte München gleichgezogen mit dem Glitzer anderer Großstädte. Dies hatte auch fatale Folgen: Die internationale Mafia bedrohte reich gewordene Wirte mit Schutzgeldzahlungen. Die Leiche eines Barbesitzers wurde im Chiemsee gefunden.

Kurz nach Kriegsende etablierten sich die Nachtlokale

Schon bald nach Kriegsende hatten sich in Kellern und zwischen Ruinen zahlreiche Nachtlokale etabliert. Das Angebot erstreckte sich vom neonbeleuchteten "Moulin-Rouge" in der Herzogspitalstraße bis zur "Motte" in Schwabing. Nachdem Bomben seinen alten "Simplicissimus" zerstört hatten, machte der Kabarettist Theo Prosel 1946 einen "Neuen Simpl" auf, dem die Währungsreform zwei Jahre später ein Ende machte. 1960 folgte Toni Netzle mit ihrem "Alten Simpl" in der Türkenstraße, der zum Treffpunkt von Journalisten, Filmleuten und anderen Adabeis wurde.

Da sich einige Nachtlokale unweit des Pressehauses in der Sendlinger Straße befanden, waren sie für gestresste Reporter und Jungredakteure willkommene Stätten der Entspannung. Boten sie doch mehr als die gewöhnlichen Kneipen und dienten manchmal auch als Nachrichtenbörse, zum Beispiel die "Bongo-Bar" am Altheimer Eck.

Während sich spärlich bekleidete Damen um Stangen schlängelten, informierten mich ehemalige Geheimdienstler der SS im Herbst 1949 über einen "Menschenschmuggel nach Südamerika" - die AZ-Schlagzeile schlug ein wie eine Bombe.

Auch Schwarzmarktgeschäfte gediehen im Rotlicht. In einer für ihre "Schönheitstänze" bekannten Bar im Dachgeschoss des BeckHauses am Marienplatz, deren Name ich vergessen habe, und später im Bayerischen Hof, dessen "Nightclub" erstaunlicherweise immer noch existiert, schlug unser Kollege Hannes Obermaier erste Beobachtungsstände auf. Unter dem Namen "Hunter" wurde er zum ersten deutschen Gesellschaftskolumnisten nach amerikanischem Muster. Die AZ-Spalte "Ganz privat" gehörte zum beliebtesten Lesestoff. Auch Sigi Sommer, Blasius der Spaziergänger, belieferte die AZ gern als Nachtwandler mit Schmankerln aus der "Haisosaiiti". Weitere Klatschreporter hatten in Münchens Bars reichlich zu tun, für die Abendzeitung vor allem Michael Graeter, der täglich eine Seite "Leute" füllte.

Auf gute Manieren wurde Wert gelegt

An einige Nachtlokale erinnere ich mich besonders. Lange Zeit blühte das "Eve" am Karolinenplatz. In dem ockerfarbigen Pavillon hatte sich nach dem Krieg zuerst ein Gourmetrestaurant "Obelisk" eingenistet. Der nächste Betreiber, Alfred Mayr, machte daraus ein anspruchsvolles Striplokal und verbreitete die Mär, hier habe einmal Lola Montez gewohnt. Tatsächlich hatte König Ludwig I. seine Mätresse auf der anderen Seite des Platzes feudal einquartiert.

Um 23.10 Uhr begann ein "Erotisches Theater", noch um 2.30 Uhr eine "Revue intim". In den Pausen gesellten sich die Damen zu den Herren an die Tische, plauderten nicht ohne Stil, blieben auch in gewöhnlicher Situation höflich und zogen sich artig wie Geishas zurück, wenn ihnen dies bedeutet wurde. Auf gute Manieren legte Mayr Wert; immerhin war er Bundesvorsitzender seines Berufsverbandes. Einmal erschienen die Tänzerinnen, bekleidet und etwas müde, frühmorgens in Starnberg, um den ersten deutschen 50 Kilometer-Massenlauf rund um den See anzuführen. Auf Einladung des AZ-Chefs, Udo Flade, damals ein gern gesehener Gast im Eve.

Im Dezember 1969 eröffnete der Industrielle Günther Lützendorf am Schwabinger Nicolaiplatz ein "Atrium", das er für 3,3 Millionen Mark von einem beim Bau orientalischer Paläste erfahrenen Team als "Europas ersten Night-and-Day-Club" ausstatten ließ.

Venezianische Wandspiegel zierten die Bars, die ab 11 Uhr vormittags geöffnet hatten. Mittelpunkt war ein Pool im Stil antiker Thermen, dessen Beckenrand mit Blattgold ausgelegt war. Unterwasserscheinwerfer beleuchteten das Treiben. Auf einem rollenden Laufsteg führten nackte Girls sündteure Nerzroben vor. Als Barsänger wurden die Herren Charles Aznavour, Gilbert Bécaud und Herb Alpert eingeladen. Lange hielt sich der Lusttempel allerdings nicht, danach nistete sich ein Irish Pub ein.

Ein bisserl weniger fein als in der Maxvorstadt ging's im damals noch schäbigen Haidhausen zu. Ganze Trupps US-Soldaten, gemischt mit superblonden Froileins und Stenzen der östlichen Vorstadt hörten im "Birdland" in der Kirchenstraße bis in den Morgen hinein Dixieland, gemischt mit Beat und Soul.

Punkt 22 Uhr brüllte der Bandleader: "Jugendliche raus"!

Propeller ventilierten den Tabaksqualm. Der Wirt sorgte für zivile Preise (das Bier 2 DM, der doppelte Whisky 4 DM) sowie für Ordnung: Mehr als 120 Personen wurden nicht eingelassen. Punkt 22 Uhr brüllte der Bandleader: "Jugendliche raus"!

Noch 1970 pries ein Reiseführer das "Birdland" als "eines der originellsten Lokale Münchens", wo man allerdings keine Ansprüche an Ausstattung und Service haben sollte. Heute kocht dort ein Grieche.

In der heutigen Wolfgangstraße 19 gab es den "Blauen Engel". Unter Nachtbummlern und der reiferen Jugend östlicher Vororte gehörte dieser Club zu den Geheimtipps. Zunächst war nur Beat angesagt, laut und nächtelang. Dann testete der britische Schlagersänger und Karl-May-Star Chris Howland hier seine neuesten Späße. Später unterhielt der Wirt, der nur Bairisch sprach, seine Gäste mit Sexfilmchen, g'scheerten Witzen und gelegentlichen Einspielungen von Strauß-Reden. Am späteren Abend zogen die Kellnerinnen auf sein Geheiß hin ihre Dirndl aus und tanzten auf den Tischen. Am 31. Mai 1993 machte das Lokal nach dem letzten "Jodel-Strip" dicht. Nach vielen Pächterwechseln befindet sich hier heute ein indisches Restaurant.


Der Beitrag verwendet Textteile aus dem "Münchener Sittenbuch" und "Aus is und gar is" von Karl Stankiewitz.