Interview

Gleichgeschlechtliche Partnerschaft: Pfarrer Schießler trinkt "ein Halleluja-Bier" auf den Papst

Pfarrer Schießler spricht über die Kehrtwende des Papstes in Sachen gleichgeschlechtlicher Partnerschaften - und er erklärt, warum es ein friedliches Miteinander braucht.
von  Kimberly Hagen
Pfarrer Rainer Maria Schießler vor "seiner" Pfarrkirche St. Maximilian.
Pfarrer Rainer Maria Schießler vor "seiner" Pfarrkirche St. Maximilian. © Daniel von Loeper

München - AZ-Interview mit Rainer Maria Schießler: Der Münchner Pfarrer (60, St. Maximilian) gehört zu Bayerns populärsten Geistlichen - und ist für seine äußerst unkonventionelle Art bekannt.

AZ: Herr Pfarrer Schießler, wie überrascht sind Sie, dass sich Papst Franziskus plötzlich für gleichgeschlechtliche Partnerschaften ausspricht?
RAINER MARIA SCHIESSLER: Sehr! Für mich ist das wirklich ein historischer Tag. Mein Telefon stand nicht mehr still, ich wurde mit Nachrichten, Mails überhäuft. Hätte er das nur mal zehn Jahre früher gemacht, dann wären mir viele Shitstorms erspart geblieben.

"Jetzt habe ich mit dem Papst einen neuen Mitstreiter"

Vor wenigen Tagen wurden Sie angefeindet, weil Sie die Ringe von Schlagersänger Patrick Lindner und seinem Mann Peter Schäfer gesegnet haben. Jetzt die Kehrtwende des Papstes - wie fühlt sich das an?
Ich stand all die Jahre alleine da, als regelmäßig - um es deutlich zu sagen - Scheißkübel über mir ausgeleert wurden. Jetzt habe ich plötzlich einen neuen Mitstreiter - und das ist der Papst. Natürlich ist das auch eine Bestätigung. Der Wirbel um Patrick Lindner hat mir gerade erst gezeigt, was für ein harter Weg noch vor uns liegt. Erzkatholische Menschen haben mich beschimpft, wie ich so etwas nur tun kann. Die Äußerung des Papstes zu gleichgeschlechtlichen Partnerschaften ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Die Richtung haben Sie bereits vor 28 Jahren eingeschlagen - wie kam es damals dazu?
Ich fing im Glockenbachviertel als Pfarrer an, damals lebten hier noch mehr Homosexuelle als heute. Es hat keine vier Wochen gedauert, bis das erste gleichgeschlechtliche Paar auf mich zukam und fragte, ob ich es segnen könnte. Da kann man nicht Nein sagen. Das ist, wie wenn dein Kind dich fragt, ob du eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen kannst. Da ist es egal, wie todmüde man gerade ist, man macht es sehr gerne. Gleichgeschlechtliche Paare sehnen sich, genauso wie heterosexuelle, nach einer Anerkennung ihrer Liebe vor Gott - und sie haben das Recht darauf.

"Vielleicht ist der Papst nur deutlicher geworden"

Wie erklären Sie sich die Kehrtwende des Papstes?
Ich weiß gar nicht genau, ob es überhaupt eine Kehrtwende ist. Schon auf dem Rückflug vom Weltjugendtag hat er gesagt: "Wieso soll ich einen Gay verfluchen, wenn er Gott sucht?" Vielleicht hat der Papst seine Meinung nicht geändert, er ist nur deutlicher geworden.

Wie werden Sie diesen wichtigen Schritt feiern?
In meinen Messen schließe ich ihn ja eh regelmäßig in meine Gebete ein. Ich werde ein Halleluja-Bier auf den Papst trinken. Wir brauchen in dieser Sache endlich Frieden - und wir müssen verstehen, dass wir als Gesellschaft nur miteinander funktionieren und eine Zukunft haben können.

Prost! Schießler beim Kellnern auf der Wiesn - hier im Jahr 2011.
Prost! Schießler beim Kellnern auf der Wiesn - hier im Jahr 2011. © imago/Michael Westermann

Hat Corona den Schritt des Papstes beschleunigt?
Gut möglich, das Virus ist wie ein Brennglas. Kürzlich erzählte mir ein Lehrer, dass das meistgebrauchte Schimpfwort in der Grundschule "schwule Sau" ist. Was das in Menschen anrichtet, die sich erst vor sich selbst, dann vor Gott bekennen müssen, ist unbeschreiblich. Es gibt noch viel zu tun.