Fischer: „Wir machen bessere Spiele als Korea!“

Kontroverse Debatte um Kosten und Nutzen, um Umwelt, Bürgerentscheid und IOC – am Ende waren sich (fast) alle einig, dass es 2018 in Bayern ein Sportfest der Superlative geben soll.
von  Matthias Maus

München - Es ging hoch her in der BMW-Welt. 62 Tage vor der Entscheidung über Olympia 2018, drei Tage vor dem Bürgerentscheid in Garmisch, prallten die Kontrahenten aufeinander.

Die Bilder von der Debatte in der BMW Welt:

Organisiert von AZ und BMW trafen sich hochkarätige und wortmächtige, versierte und profilierte Kenner der Materie zum sportlichen Wortstreit: Katarina Witt, Gesicht und Chefin der Bewerbungsgesellschaft und Joschka Fischer, Ex-Obergrüner und Ex-Außenminister; Münchens OB Christian Ude und Münchens Grünen-Chefin Katharina Schulze; und als kulturelle Abrundung Theater-Regisseur Christian Stückl. Moderiert von TV-Moderatorin Ursula Heller und AZ-Chefredakteur Arno Makowsky war es ein gelungener Wettbewerb der Argumente: Fair und aufschlussreich, informativ und unterhaltsam. Die AZ schildert Kontroversen und Höhepunkte der Debatte.

Die AZ hat die spannende Diskussion übrigens live im Internet übertragen. Falls Sie den Livestream verpasst haben gibt's hier einen Mitschnitt.

 


 

Kosten

Die Aussichten sind gewaltig. „Die Kosten von drei Milliarden Euro sind erschreckend“, sagt OB-Christian Ude, „und sie sind nicht mal falsch.“ Fast die Hälfte davon müsse das IOC erwirtschaften, 1,6 Milliarden seien für sinnvolle Infrastruktur-Maßnahmen aber „ein Konjunkturprogramm“ für München. Auch Katarina Witt sieht die Kosten als überschätztes Problem: „Wenn wir den Zuschlag bekommen, dann stehen die Firmen in den Startlöchern. Sie werden die Kosten übernehmen.“

Das Video von der Diskussion in der BMW Welt gibt's hier

Katharina Schulze, die Münchner Grünen-Chefin, argumentiert anders: „Nicht das IOC, sondern der Steuerzahler wird das Defizit übernehmen.“ Bei früheren Bewerbungen sei das Finanzkonzept nicht aufgegangen. Ihr Parteifreund Joschka Fischer hält das finanzielle Argument nicht für entscheidend: „Wir sind kein armes Land. An den Kosten kann die Bewerbung nicht scheitern.“ Es sei vielmehr „eine politische Entscheidung“.

 


 

Bürgerentscheid

In der Tat: Die politische Dimension ist auch für OB Ude enorm wichtig: „Am Sonntag muss die Mehrheit, die es in Garmisch gibt, auch so abstimmen“, sagt der bekennende Wintersportmuffel, der sich „die Spiele wünscht“. Und: „Eine Abstimmungsniederlage wäre ein schlimmer Rückschlag“, auch wenn sie juristisch an der Bewerbung nichts ändere. „Das wäre fast so, als würde uns der Boden unter den Füßen weggezogen.“ Der ehemalige Eishockey-Nationaltorwart Peppi Heiß (Garmisch) meint, die Diskussion werde „ohnehin nur von außen hineingetragen“. Nicht ganz so optimistisch sieht das Passionsspielregisseur und Garmisch-Versteher Christian Stückl: „Die Leute fürchten, dass sie am Ende mit alpinen Ruinen zurückbleiben. Da wurde in der letzten Zeit zu wenig Überzeugungsarbeit geleistet.“ In Oberammergau sei eine 20:1-Stimmenmehrheit im Gemeinderat verspielt worden, weil die Bedenken der Bevölkerung nicht ernstgenommen wurden. Laut Umfrage seien zwei Drittel der Garmischer für Olympia. 21000 Wahlberechtigte haben am Sonntag das Wort. Das Interesse an den Wahlunterlagen ist sehr hoch.

 


 

Umwelt

Umstritten, vor allem in Garmisch, ist der Umwelt-Aspekt: „Das Tal ist zu klein für die Wettbewerbe“, sagt Olympia-Kritikerin Schulze und stößt damit auf harten Widerspruch: „Der Eindruck, hier würden Berghänge abgeholzt, ist abwegig“, sagt OB Ude. 70 Prozent der Einrichtungen „inklusive Hotellerie und Eröffnungsstadion“ seien bereits vorhanden. Allerdings gibt Olympia-Befürworter Christian Stückl zu bedenken: „Wir leben nicht mehr so stark vom Wintersport.“ Olympia-Kämpfer Joschka Fischer wehrt sich gegen das Klimaschutz-Argument der Gegner. „Das gilt in Südkorea auch.“ OB Ude bemüht den künftigen grünen Verkehrsminister in Stuttgart, Winfried Herrmann, der die Münchner Bewerbung gelobt hat, als „die Nachhaltigste, die er je gesehen hat“. Ob sie denn angesichts der Flut der Gegenargumente „nicht ein schlechtes Gewissen bekommt“, will BR-Moderatorin Ursula Heller von der Münchner Grünen Schulze wissen. Die 25-Jährige bleibt freundlich und hart: „In Zeiten des Klimawandels sind Winterspiele auf Höhen zwischen 650 und 1650 Metern nicht mehr zeitgemäß.“ Der grüne Anstrich der Bewerbung sei „Greenwashing“, eine Art Feigenblatt. „Das einzig Grüne an München 2018 werden die Hänge sein.“ Joschka Fischer reagierte auf seine Parteifreundin etwas gönnerhaft mit der Frage: „Gibt es eine solche Diskussion auch in Korea?“ Nein, die gebe es nicht, und deshalb seien „die Kritiker die Garanten, dass es hier kein Greenwashing gibt“.

 


 

Begeisterung

Bei so viel Hin und Her: Wo bleibt da die Stimmung? „Olympia sollte doch kein Streitpunkt sein“, hat Rosi Mittermaier vorher zur AZ gesagt. „Da kommen doch Menschen zusammen!“ Und auch Katarina Witt findet, die Begeisterung für Olympia sei anderswo mehr zu spüren als hier. Was allerdings OB Ude zurechtrücken will: Er könne den Eindruck mangelnder Begeisterung „überhaupt nicht teilen. Wir haben 70 Prozent Zustimmung in München, in Garmisch, in Bayern und in Deutschland“, sagt das Stadtoberhaupt. „Wo bitte gibt es so viel Zustimmung für ein Projekt, das erst in sieben Jahren Gestalt annehmen wird?“ Die Erwartung, „dass die Leute heute schon ausgeflippt sind vor Begeisterung, dass sie heute schon schlaflose Nächte wegen 2018 verbringen, die ist etwas übertrieben“. Seit 1936 warte „die führende Wintersportnation der Welt“ auf die nächsten Olympischen Spiele, sagt Gold-Rosis Ehemann Christian Neureuther: Junge Sportler sollten ein Ziel haben, auf das sie hinarbeiten. Und: „Auf keinen Fall will ich, dass es auf der Landkarte einen Ort gibt, von dem die Sportler der Welt sagen könnten: Da wollen sie uns nicht!“ „Wenn das Ding politisch gewollt ist, dann wird es auch ein Erfolg“, gibt sich Joschka Fischer sicher. Auch Kati Witt streicht die Gefühlsgeige, wenn sie sagt: „Nur zwei Ereignisse bringen die Menschen der Welt zusammen: Die WM und die Olympischen Spiele.“ Begeisterung fühlt auch Christian Stückl, „deswegen bin ich dafür!“ Deutlich nüchterner sieht das die Grüne Münchnerin Katharina Schulze: „Ich brauche keine Olympischen Spiele, um zu zeigen, dass wir toll sind, dass München toll ist.“ Die andere Katarina bleibt unbeeindruckt: „Mein Herz schlägt für den Sport“, sagt die frühere Eisprinzessin. Und schließlich: „An Emotionen kann man kein Preisschild machen.“

 


 

Nutzen für München

Das sieht OB Ude ein wenig pragmatischer: „Schon jetzt ist das alles eine Riesenwerbung für uns“, sagt er über die Bewerbung. Es geht noch konkreter: „Eine Erweiterung des Olympiaparks wird es ohne Olympia nicht geben“, erklärt Ude. 1300 Wohnungen entstünden nur dann, wenn die Bundeswehr die Grundstücke für das Olympische Dorf herausrückt. Und für die zweite Stammstrecke der S-Bahn entstünde „der Zeitdruck haargenau wie 1972, als es dann mit Olympia wahnsinnig schnell“ gegangen sei.

 


 

Der Deal mit dem IOC

„Man muss da schon aufpassen, dass es keine Knebelverträge gibt“, fordert Christian Stückl, der 2006 die Eröffnung der WM künstlerisch inszenierte und damals so seine Erfahrungen mit Funktionären gesammelt hat. „Ich vertraue da doch auf die parlamentarische und mediale Kontrolle, dass da nichts verhandelt wird, was nicht vertretbar ist“, meint Joschka Fischer, während seine Parteifreundin Schulze erwidert: „Alle Rechte bleiben beim IOC, alle Kosten beim Veranstalter.“ Kati Witt verweist auf die realen Kräfteverhältnisse: „Die Olympischen Spiele sind ein Schatz des IOC. Die sagen ,Take it or leave it’.“ Nimm es oder lass es bleiben.

 


 

Konsens?

„Ich finde die Diskussion gut und die Kritiker auch“, bilanziert Joschka Fischer und ist ganz Chefdiplomat: „Warum setzt man sich nicht zusammen und sagt: Machen wir bessere Spiele als Korea.“ Am Schluss verspricht 2018-Kritikerin Schulze: Nein, sie werde sich nicht an Bäume ketten, wenn der Zuschlag nach München kommt. „Ich hoffe nur, das all die tollen Versprechen eingehalten werden, die sie uns jetzt machen.“