Erbschaftssteuer-Belastung: Diese Münchner bangen ums eigene Haus

Da die Immobilienpreise in München so hoch sind, ist es auch die Erbschaftssteuer. Eine Familie fürchtet deshalb, das Eigentum zu verlieren, das sie selbst gebaut hat.
von  Maria Heßlinger
Sie möchten ihr Haus behalten (v.l.): Heinz, Jurek, Florian und Matthias S. Weil die Erbschaftssteuer so hoch ist, fürchtet die Familie, verkaufen zu müssen.
Sie möchten ihr Haus behalten (v.l.): Heinz, Jurek, Florian und Matthias S. Weil die Erbschaftssteuer so hoch ist, fürchtet die Familie, verkaufen zu müssen. © Daniel von Loeper

München - Ein Mädchen lehnt an einer Straßenlaterne. Die Gegend um sie herum wirkt ländlich: Vor ihr Schotterweg, hinter ihr Gartenzaun, ein Haus mit Fensterläden aus Holz. "Das Mädchen da ist meine Oma im Alter von zehn Jahren", sagt Heinz S. und tippt auf das Fotoalbum. Das Haus steht nicht etwa in einem Dorf, sondern in der Hörwarthstraße, mitten in Schwabing.

Eigenes Haus in München gebaut

Seit 1912 wohnt Heinz' Familie auf diesem Grundstück. Einige Wohnungen vermieten der 74-Jährige und seine beiden Söhne, in den anderen wohnen sie selbst. Und so soll es, wenn es nach ihnen geht, auch bleiben. Jedoch: Die Bodenrichtwerte, also die Werte, an denen sich die Preise für Immobilien orientieren, sind immens hoch in München. Und das wird Familie S. zum Verhängnis - wegen der Erbschaftssteuer.

Vor 62 Jahren baute Familie S. ein neues Haus auf dem Grundstück in der Hörwarthstraße, es steht noch heute da, mit zwölf Wohnungen. Als Heinz' Großmutter starb, wurde das Haus gedrittelt: Heinz' Mutter und seine beiden Onkels erbten.

Das alte Haus in der Hörwarthstraße.
Das alte Haus in der Hörwarthstraße. © privat

Hohe Erbschaftssteuer: Kann Familie das Haus mit Mietwohnungen halten?

Neben Heinz am Wohnzimmertisch sitzt sein Sohn Jurek. Es ist dessen 50. Geburtstag. Nach Feiern ist ihm nicht zumute. "Das hier ist wichtiger", sagt Jurek. "Oberster Tenor: Das Haus muss in der Familie bleiben." Nicht nur sein Bruder und sein Vater, auch seine beiden Söhne wohnen im Haus.

Als Jureks erster Großonkel in ein betreutes Wohnheim zog und seinen Besitz dafür verkaufte, sprangen Jurek und sein Bruder ein und kauften dessen vier Wohnungen im Haus - sie nahmen hohe Kredite dafür auf. Als der zweite Großonkel im vergangenen Winter starb, erbten Heinz und seine beiden Söhne dessen vier Wohnungen.

Millionen-Anteil am Haus: Steuer bei fast 400.000 Euro

Er wünschte, seine Heimat wäre irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern und nicht hier, mitten in München, sagt Jurek immer wieder. Denn: 9.000 Euro pro Quadratmeter ist der Bodenrichtwert für das Grundstück.

Jureks Anteil am Erbe soll demnach mehr als eine Millionen Euro wert sein. 381.270 Euro Steuer muss er dafür zahlen. Ähnliche Beträge fallen für seinen Vater und seinen Bruder an. Bloß: Der errechnete Wert, so sieht es die Familie, entspricht nicht dem tatsächlichen Wert der Wohnungen.

Keine Option: Erbschaftssteuer durch Mieterhöhung bezahlen

Das Haus sieht alles andere als modern aus, viele Renovierungsarbeiten stehen offenbar an. Familie S. findet auch, dass sie wenig Miete verlangt. "Unter 20 Euro pro Quadratmeter", betont Jurek. Und selbst wenn er wollte, dürfte er die Mietpreise nicht einfach plötzlich verdoppeln, um die Erbschaftssteuer finanzieren zu können, sagt der 50-Jährige.

Um die Erbschaftsteuer zahlen zu können, muss Jurek nun einen weiteren Kredit aufnehmen. Er ist IT-Spezialist. "Du arbeitest dein ganzes Leben lang darauf hin: nämlich, dass du deinen Kindern etwas übergibst." Er fährt sich mit beiden Händen durchs Gesicht. Das, worauf er hingearbeitet hat, scheint ihm zu entrinnen. "Ich dachte immer, das Haus gehört meiner Familie." Für Jurek besteht ein Freibetrag von 20.000 Euro, die er nicht versteuern muss. Alle zehn Jahre wäre eine Schenkung möglich.

Kredit-Aufnahme, um Steuer begleichen zu können

"Mein Onkel hätte also, um mir 1,2 Millionen steuerfrei zu schenken, vor 600 Jahren anfangen müssen", rechnet Jurek. "Mir geht's um die Erbschaftssteuer: Dass die in meinen Augen sowas von ungerecht ist!"

Isabel Klocke vom Bund der Steuerzahler kennt ähnliche Fälle aus Städten wie Hamburg oder München. "Das Problem ist bekannt", so Klocke. "Das kann zu sehr extremen Fällen führen", sagt sie über Heinz' und Jureks Geschichte. "Der Bund der Steuerzahler hat sich bereits für Nachbesserungen in Fällen ausgesprochen, bei denen die geerbten Wohnungen weiterhin günstig vermietet werden."

Wie (un)gerecht ist die aktuelle Erbschaftssteuer?

Es bestehe nach geltendem Recht die Möglichkeit, die Steuerschuld für zehn Jahre zu stunden und die in dieser Zeit eingenommenen Mieteinnahmen dafür zu verwenden. Hat der Steuerzahler jedoch ausreichend Vermögen oder kann er leicht einen Kredit erhalten, kann die Stundung verweigert werden. Auch könnte Familie S. vor Gericht ziehen, sagt Klocke.

Nur dass sich das Gesetz in absehbarer Zeit ändern würde, dafür stünden die politischen Zeichen nicht. Eine der zwölf Wohnung zu verkaufen, um Geld für die Erbschaftssteuer einzunehmen, kommt für Jurek nicht infrage: "Es soll das ganze Haus in der Familie bleiben."

Warum aber muss es für Jurek ausgerechnet dieses Haus sein? Warum verkauft er es nicht und zieht woanders hin, wo es billiger ist? "Weil ich zum Beispiel auf so ein Foto stolz bin", sagt er, und zeigt auf die Wand mit den Schwarzweißbildern hinter sich. Dann nickt er dem Mädchen auf dem Fotoalbum zu, das vor seinem Vater liegt. "Meine Familie war hier, da war hier noch nichts."