Drinnen rauchfrei, draußen laut

Der Volksentscheid zum Nichtraucherschutz ist zwei Jahre her. Zeit für eine Bilanz mit Münchner Wirten. Manche klagen, manche haben ein neues Problem: Lärm vor der Tür.
von  V. Assmann, S. Thyssen

Der Volksentscheid zum Nichtraucherschutz ist exakt zwei Jahre her. Zeit für eine Bilanz mit Münchner Wirten. Manche klagen, manche haben ein ganz neues Problem: Lärm vor der Tür.

München - Was haben den Bayern die Köpfe gequalmt. Am 4. Juli 2010 stimmten 61 Prozent der bayerischen Wähler für das strikteste Rauchverbot Deutschlands – nachdem jahrelang ein ziemliches Hickhack geherrscht hatte und einst strenge Regeln Stück für Stück aufgeweicht worden waren. Doch nach dem Volksentscheid konnten sich viele nicht vorstellen, wie es nun weitergehen würde. Vom Ende der bayerischen Wirtshauskultur war die Rede, vom Dolchstoß für Nachbarschaftskneipen und die Liberalitas Bavariae. Die AZ hat sich umgehört.

„Es gibt Gewinner und Verlierer”, sagt Frank-Ulrich John, Sprecher vom Bayerischen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga). Die Gewinner, das sind größere Wirtschaften, die mit der Neuregelung gut zurecht kommen und bei denen sogar die Umsätze gestiegen sind. Die Verlierer sind kleinere Gaststätten, die ihr Geld vor allem mit Getränken machen. Die typischen Eckkneipen, in denen bis zum Volksentscheid Rauchen erlaubt war. Seit August 2010 müssen auch sie ihre Gäste zum Rauchen ins Freie schicken. John: „Wir haben eine Umfrage in Lokalen bis zu 100 Quadratmeter gemacht. Heraus kam, dass 30 Prozent weniger Gäste kamen. Von denen, die kamen, blieben zwei Drittel kürzer.” Fazit: Der Umsatz sank um 28 Prozent. Zwar hat der Dehoga keine Zahlen, wie viele Kneipen deswegen schließen mussten. Für John aber ist klar: „Gut zu wirtschaften, ist unter diesen Bedingungen sehr schwer, manchen geht’s an die Existenz.”

Eine Umfrage unter Münchner Wirten ergibt ein ähnliches Bild. Stephanie Spendler, Tochter von Wiesn-Wirt Wiggerl Hagn und Chefin vom „Unionsbräu” in Haidhausen, sagt zur AZ: „Im Restaurant im ersten Stock wird das Rauchverbot sehr gut angenommen. Im Braukeller haben wir allerdings starke Umsatzeinbußen, weil die Leute nicht 40 Stufen steigen wollen, um zum Rauchen vor die Tür zu gehen: Die bleiben dann nicht mehr so lange.” Stammgäste, die vorm Volksentscheid bis Mitternacht blieben, machten sich jetzt um halb zehn auf den Heimweg. Die Zukunft vom Unionsbräu ist ungewiss: Womöglich muss das Traditionslokal im Herbst schließen (AZ berichtete), die entscheidenden Gespräche laufen derzeit.
Schwierige Zeiten mit wenig Umsatz hatte auch Anda Majic, Besitzerin vom „William Shakespeare” in der Seidlstraße, zu überbrücken. „Inzwischen haben sich meine Gäste aber an das Rauchverbot gewöhnt und kommen wieder – wenn auch nicht ganz so zahlreich wie früher”, sagt sie.

Einer, der nicht über Umsatzeinbußen klagt oder über Ärger mit Gästen, ist Florian Schönhofer vom „Café Kosmos”. „Es geht auch ohne Rauchen,” sagt er. Und: „Warum soll ich meinen Angestellten Arbeitsbedingungen zumuten, die schlimmer sind als in jedem chinesischen Bergwerk?”


„Das Rauchverbot finden eigentlich alle gut, sogar die meisten Raucher”, sagt Otmar Mutzenbach, Geschäftsführer vom „Weissen Bräuhaus”. Sein Umsatz sei gleich geblieben. „Es kommen jetzt sogar wieder mehr Leute zum Essen, die vorher nicht mehr kamen.” Ähnliche Erfahrungen hat Frank Zörner, Pächter vom Görreshof in der Görresstraße gemacht: „Die Stimmung ist insgesamt besser, niemand beschwert sich mehr über Gestank.” Er habe keine Gäste verloren: „Die gesetzliche Regelung hat den Vorteil, dass unsere Stammkunden wissen, dass wir das Rauchverbot durchsetzen müssen und selber nichts dafür können, so verlieren wir keine Gäste"

Problematischer sieht das Rauchverbot Markus Ciletti, Chef vom „Schall & Rauch” in der Schellingstraße. „Für mich bedeutet das Rauchverbot vor allem höheren Aufwand und gestiegene Personalkosten. Ich brauche jetzt Türsteher, die draußen aufpassen." Und wer spätabends mal an der beliebten Kneipe vorbei kommt, weiß warum: Auf dem Bürgersteig und selbst auf der Straße, wo sich seit längerem eine Baustelle anschließt, drängen sich dutzende Bargäste. Er müsse ständig Anzeigen wegen Lärmbelästigung fürchten, sagt Ciletti. Einige Male habe er schon Bußgelder gezahlt. Das ärgert ihn: „Ich kann den Leuten doch nicht verbieten, nach draußen zu gehen."

Das Thema Lärm gehört mancherorts zum neuen Rauchverbot wie die Glut zur Kippe. Denn in vielen Stadtteilen gibt es Kneipen, vor denen sich regelmäßig Raucher sammeln – und wo mit dem Alkohol- auch der Lärmpegel steigt. Einige davon liegen in der Maxvorstadt, wo sich im Bezirksausschuss Beschwerden über Lärm mehren. Natürlich habe das Rauchverbot seinen Anteil, sagt BA-Vorsitzender Oskar Holl. „Das Problem ist, dass es keine Rücksichtnahme gibt und es vielen Leuten leider egal ist, wie es den Anwohnern ergeht.”

 Was für die einzelnen Anwohner eine große Belastung bedeutet, ist stadtweit jedoch eher die Ausnahme, wie KVR-Chef Wilfried Blume-Beyerle berichtet: „Wir haben anfangstatsächlich befürchtet, dass die Beschwerden über Ruhestörungen zunehmen, doch eine dramatische Zunahme blieb aus.” Auch sonst zieht Blume-Beyerle, der stets betont hatte, keine „Raucherpolizei” einführen zu wollen, eine positive Bilanz. „Wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht”, sagt er. Und das liege nicht daran, dass besonders intensiv kontrolliert würde. „Mein Eindruck ist, dass das Rauchverbot sehr gut akzeptiert wird. Die soziale Kontrolle ist sehr hoch.” Das heißt: Sollte doch mal ein Gast zur Zigarette greifen, würden Wirt und andere Gäste ihn auf das Verbot hinweisen. Die Fälle, in denen es anders läuft, sind laut KVR selten. Kommt es jedoch vor, dass einer der insgesamt 60 zuständigen Bezirksinspektoren Raucher in einem Lokal erwischt, droht dem Wirt ein Bußgeld zwischen fünf und 1000 Euro.

Im gesamten Jahr 2011 gingen 183 Bußgeldbescheide im Schnitt à 250 Euro an Münchner Wirte, 114 davon im ersten Halbjahr. Und auch heuer scheint die Tendenz abnehmend: Im ersten Halbjahr 2012 wurden bislang 73 Bußgeldentscheide zugestellt.

 


 

Was macht eigentlich Sebastian Frankenberger?

 

Er war 2009 der Initiator des Volksbegehrens „Für echten Nichtraucherschutz!“: Sebastian Frankenberger aus Passau, damals 28Jahre alt, ÖDP-Stadtrat, Fremdenführer, Notfallseelsorger, abstinent, Single – und natürlich Nichtraucher. Für die einen war er ein Volksheld, für die anderen eine „Hassfigur“.

Er erhielt Morddrohungen, mehr als 4000 beleidigende E-Mails, stand zeitweise unter Polizeischutz und wurde bei Restaurantbesuchen immer wieder von anderen Gästen oder den Wirten attackiert. Er habe deshalb einen Burnout gehabt, sagte der Politiker später: „Ich habe unter Angstzuständen gelitten, bin in ein tiefes Loch gefallen.“

Um sich selbst zu therapieren, schrieb Frankenberger das Buch „Volk, entscheide! Visionen eines christlichen Polit-Rebells“, das im August 2011 erschienen ist. Kurz vorher schaffte er es mit dem Weltrekord im Dauerdebattieren (44 Stunden) ins Guinness-Buch der Rekorde.

Politisch ging es mit dem Passauer seit 2009 bergauf: Er ist heute Bundesvorsitzender der ÖDP. Seine Zukunftspläne? „Ich hoffe, dass ich immer reflektiert bleibe. Daher kann es gut sein, dass ich in zehn Jahren Almbauer bin oder Entwicklungshilfe in Afrika leiste“, so Frankenberger. nk