Der Kobra-Kurs

Vor Auslandseinsätzen lernen Soldaten der Bundeswehr in der Münchner Auffangstation für Reptilien den Umgang mit Giftschlangen.
von  Natalie Kettinger
Markus Baur (Mitte) und sein Team schulen seit Jahren Bundeswehrsoldaten im Umgang mit Giftschlangen. Diesmal sind drei Veterinärinnen zu Gast.
Markus Baur (Mitte) und sein Team schulen seit Jahren Bundeswehrsoldaten im Umgang mit Giftschlangen. Diesmal sind drei Veterinärinnen zu Gast. © Petra Schramek

München - Sabine Sauer hat Schweißperlen auf der Stirn. Immer wieder windet sich die hellbraune Monokelkobra vom Schlangenhaken, spreizt drohend ihr Nackenschild und faucht die Soldatin an. Die Schlange ist extrem giftig. Und offensichtlich schlecht gelaunt.

„Wenn die beißt, fällt dir der Arm ab“, warnt Reptilien-Experte Markus Baur. Sabine Sauer lässt sich nicht einschüchtern. Behutsam schiebt sie den Haken erneut unter die Kobra, greift das Tier resolut am Schwanz und hebt es an. Drei Schritte bis zur blauen Tonne, Kobra hineingleiten lassen, Deckel drauf, geschafft!

Wenn ihr demnächst beim Auslandseinsatz eine Giftschlange begegnet, weiß die Oberfeldveterinärin, was zu tun ist.

Die Münchner Auffangstation für Reptilien ist die einzige Institution in Deutschland, die Bundeswehrsoldaten im Umgang mit Giftschlangen schult – und zwar am lebenden Objekt. Etwa 30 Kurse haben Stationsleiter Markus Baur und sein Team schon gegeben.

Jetzt stehen Sabine Sauer, Oberstabsveterinärin Julia Riehm und Stabsveterinärin Natalie Gohrke im Seminarraum und warten, welches Tier als nächstes aus der Tonne kriecht.

Es ist eine Kapkobra, „eine der giftigsten überhaupt“, sagt Baur. „Aber Kobras verschwenden ihr Gift sehr ungern an Menschen“, erklärt er. „Fast alle Giftschlangen fliehen oder verstecken sich, wenn sie können.“ Und wenn doch ein Tier Kurs auf die Schülerinnen nimmt? „Dann bewegen wir uns nicht und verwandeln uns in Bäume. Die sind für Schlangen uninteressant.“

Trotzdem ist es bemerkenswert, wie ruhig die Frauen bleiben, sobald eine Schlange in Richtung ihrer Stiefel schlängelt.

Die Kapkobra lässt sich vergleichsweise leicht einfangen. Als sie sich am Haken aufbäumt, schüttelt Julia Riehm sie leicht. Das entspannt die Muskeln und der Kopf des Tieres, der gerade noch argwöhnisch auf die Veterinärin gerichtet war, sinkt gen Boden. Gefahr gebannt.

Für die nächste Übung müssen die Soldatinnen Schutzhelme überziehen. Denn nun gilt es, zwei Asiatische Speikobras zu bändigen. Die schwarz-weiß-getigerten Tiere spucken, wenn sie sich in die Enge getrieben fühlen – daher der Name.

„Wer ihr Gift ins Auge bekommt, sollte direkt ins Krankenhaus fahren. Es kann schlimme Verätzungen bis hin zur Blindheit verursachen“, sagt Markus Baur. „Aber: Speikobras sind faire Tiere. Bevor sie spucken, warnen sie uns, indem sie posen und fauchen.“ Dem Reptilien-Experten geht es nicht allein darum, Soldaten den richtigen Umgang mit Giftschlangen beizubringen. Er will auch zeigen, dass seine Schützlinge keine Monster sind, sondern Tiere, deren Verhalten meist nachvollziehbar ist und denen der Mensch mit Respekt begegnen sollte. „Wer die Tiere traktiert, fliegt raus“, stellt er klar. Aber davon sind die Frauen weit entfernt.

Schleicht sich Unaufmerksamkeit ein, wird die Schulung unterbrochen. „Sonst passiert noch was“, sagt Markus Baur. Schließlich ist das Gift der Schlangen teils tödlich. „Aber wenn ich den Kurs mit einem Dummy mache, haben die Schüler nie das notwendige Adrenalin, um richtig mit der Schlange umzugehen.“

Nach zweieinhalb Tagen Theorie und Praxis sind die Soldatinnen zu Fans der Auffangstation geworden. „Am Anfang wusste ich nicht, ob ich mir das wirklich zutraue“, gesteht Natalie Gohrke. Doch dann ging es ihr wie Julia Riehm: „Ich habe mich jederzeit voll und ganz sicher gefühlt.“ Beide nicken, als Sabine Sauer sagt: „Der Kurs war ganz großes Kino.“

Die Münchner Auffangstation für Reptilien ist ein gemeinnütziger Verein und für ihren Fortbestand auf Spenden angewiesen. Wie Sie helfen können, lesen Sie auf www.reptilienauffangstation.de