Demo in München: Die Wirte als Wutbürger

Über 5000 Gastronomen demonstrieren in der Innenstadt gegen Bürokratie und Mindestlohngesetz. Der Wirte-Chef fordert: „Die Verordnungsflut muss gestoppt werden“
von  Annette Baronikians
„Der Hilferuf einer Branche, der Demonstrieren eher fremd ist“: Gastronomen bei ihrem Zug durch München.
„Der Hilferuf einer Branche, der Demonstrieren eher fremd ist“: Gastronomen bei ihrem Zug durch München. © Daniel von Loeper

München - Den bayerischen Wirten und Hoteliers langt’s! Über 5000 sind am Montag aus allen Teilen Bayerns mit ihren Mitarbeitern nach München gereist, um hier zu demonstrieren. Eine vergleichbare Veranstaltung gab es bislang noch nie.

Das erklärte Ziel der Branche: „Wir wehren uns gegen den Bürokratiewahn und die Verordnungsflut. Das muss gestoppt werden!“

Um elf Uhr versammelten sich die Vertreter des bayerischen Gastgewerbes am Odeonsplatz. Ulrich Brandl, Präsident des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands Bayern (BHG), zur AZ: „Damit ist eindrucksvoll bewiesen, dass wir dann, wenn es darauf ankommt, zusammenstehen und gemeinsam ein Zeichen setzen können“ – Traditionswirte und Szene-Gastronomen ebenso wie Kneipenbesitzer oder Hotelchefs.

 

„Wir wollen für unsere Gäste da sein, statt Formulare ausfüllen“

 

Der Demonstrationszug ging vom Odeonsplatz über den Stachus bis zur Theresienwiese. Dort, auf dem Frühlingsfest, verteilten sich die Teilnehmer auf die zwei großen (für die BHG-Veranstaltung vollends reservierten) Festzelte.

„Wir wollen für unsere Gäste da sein, statt Formulare ausfüllen“, so BHG-Präsident Brandl in seiner Rede, die in beiden Zelten zu hören war: „Die Demonstration ist ein Hilferuf einer Branche, der Demonstrieren eher fremd ist, die ganz bestimmt nicht auf Krawall aus ist, aber mittlerweile unter einer Last zu zerbrechen droht, die in diesem Land ein unerträgliches Maß angenommen hat.“

Eine immer größer werdende „Verordnungslawine“ ziehe immer mehr Betrieben den Boden unter den Füßen weg. Zugleich verhindere das Arbeitszeitgesetz, flexibel auf die speziellen Anforderungen einer Dienstleistungsbranche reagieren zu können. Brandl: „Ich spreche von einem Bürokratie-, Dokumentations- und Kontrollwahn, den kleine und mittelständische Familienbetriebe und damit in besonderem Maße unsere Branche so nicht mehr leisten können und die damit auch jegliche Rechtfertigung verloren hat!“

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Das Mindestlohngesetz und die damit einhergehende Dokumentationspflicht sei dabei „nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt“.

In beiden Festzelten gab es auch Applaus, als Brandl betonte, dass ordentliche Arbeit auch ordentliche Bezahlung erfordere. Ein geregelter Mindestlohn dürfe allerdings nicht losgelöst von der Kaufkraft einer Region sein. „Sicher sind 8,50 Euro hier in München kein Thema“, so Brandl, und viele Münchner Vertreter nickten.

Die Branche fürchtet, dass immer mehr Betriebe schließen müssen und so nicht zuletzt „das vielschichtige kulturelle und regionale Gesicht, für das Bayern auf der ganzen Welt bekannt und beliebt ist, verloren geht“, wie Brandl formulierte.

 

Aigner: „Meine Ohren und Türen stehen für Sie offen“

 

Fakt ist: Schon jetzt gibt es immer mehr Gemeinden, in denen es kein Wirtshaus mehr gibt – keine Begegnungsstätte, keinen Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens. Schon jetzt müssen jährlich rund weitere 500 Gaststätten schließen. Hoffnungsfroh wurde die anwesende bayerische CSU-Wirtschaftsministerin Ilse Aigner beklatscht, die dann auch erklärte: „Meine Ohren und Türen stehen für Sie offen.“

BHG-Präsident Brandl versicherte Aigner: „Sie sind ein prägnanter Repräsentant der Branche, der sich Gehör bei der Politik verschafft.“

Weitere Aktionen hat der Hotel- und Gaststättenverband jedenfalls schon geplant. Brandl rief den Mitstreitern am Ende zu: „Lasst uns eine starke Gemeinschaft für ein lebens- und liebenswertes Bayern sein – und wenn es nötig ist, auch dafür kämpfen!