Story

Das Silvesterchen: Zum Jahreswechsel unterwegs auf Münchens Straßen

Feuerwerk auf Straßen, auf denen keine Menschen sind, ratlose Polizisten - und plötzlich ein voller Reisebus: Eindrücke vom Jahreswechsel aus München.
von  Irene Kleber, Nina Job
Als das Glockengeläut losgeht in Sankt Maximilian, springen die Fenster auf im Glockenbachviertel. Ein Wunderkerzenmoment mit Neujahrsjubel.
Als das Glockengeläut losgeht in Sankt Maximilian, springen die Fenster auf im Glockenbachviertel. Ein Wunderkerzenmoment mit Neujahrsjubel. © Bernd Wackerbauer

München – Wann gab es das zuletzt, dass die Bavaria unbeleuchtet im Dunklen liegt? Tiefschwarz zeichnet sich ihre Silhouette ab gegen den Nachthimmel über der Theresienwiese. Der Mond, nicht mehr ganz voll in dieser Silvesternacht, bescheint die Säulen der Ruhmeshalle. Darüber funkelt das Sternbild des Orion. Würde nicht ein Generator brummen aus der Corona-Teststation, München wäre stumm.

Es ist kurz vor 23 Uhr, seit zwei Stunden schon herrscht Ausgangssperre, die Münchner haben sich längst eingedeckt mit Hummer und Raclette und Cocktails to go - auch eine Art Wirtschaftshilfe für die darbenden Gaststätten.

Vor 21 Uhr sind noch Leute draußen

In der Maxvorstadt kann man in den Minuten vor neun noch Kleinstgrüppchen antreffen, mit Wunderkerzen auf der Straße, wie die Studentin Angela (28), ihren Bruder Frank (34) und dessen Freundin Greta (32). Aus einer Box singt sich Helene Fischer "Atemlos" durch die Nacht. Ein bisserl Party müsse schon sein, sagt Angela schunkelnd, aber dass gleich alle in ihre Wohnungen verschwinden, das sei "absolut gerechtfertigt, das wäre bescheuert gewesen, die Leute heute auf die Straßen zu lassen bei den Coronazahlen."

Studentin Angela (28) mit Frank (34) und Greta (32) kurz vor 21 Uhr mit alkoholfreiem Sprutzel in der Maxvorstadt.
Studentin Angela (28) mit Frank (34) und Greta (32) kurz vor 21 Uhr mit alkoholfreiem Sprutzel in der Maxvorstadt. © Bernd Wackerbauer

Derweil juchzen drei Kleinkinder in der Türkenstraße, der Papa hat noch schnell Gold- und Silberfontänen abgebrannt auf der Schanigartenumrandung vorm Katzentempel-Café. "Hab ich noch im Keller gefunden", sagt der fröhlich, pfeift seine Kinder zusammen und verschwindet in der Einfahrt, die Polizei kurvt ja schon durch die Straßen.

Die Beamten sind gefühlt überall an diesem Abend. Nicht nur da, wo Silvester sonst Großkampftag ist wie am Wedekind-, Gärtner- und Baldeplatz, am Friedensengel und an den Isarbrücken. Man trifft sie, einsam, nahezu in jeder Wohnstraße. Und ein bisserl geballter im Bahnhofsviertel, wo vier KVR-Sicherheitsleute einen Spaziergänger aus dem Nußbaumpark gezogen haben, ohne triftigen Grund unterwegs sein, ist halt nicht erlaubt.

Der Papa einer kleinen Kinderschar zündet noch schnell ein paar Fontänen in der Türkenstraße.
Der Papa einer kleinen Kinderschar zündet noch schnell ein paar Fontänen in der Türkenstraße. © Bernd Wackerbauer

"Da san ja mehr Polizeiautos ois Taxis", brummt denn auch ein Taxler, der freudlos in seinem Wagen sitzt, weil die Straßen sich nach neun schnell geleert haben. Nix los für ihn ohne ein rauschendes Silvester, die paar Hundegassigeher, die noch legal draußen sind, taugen ja nicht als Fahrgäste. Fast nur noch Lieferdienste mit Radln, Rollern oder Kleinwagen sieht man sie durch die Straßen huschen. Und Männer vom Streudienst, es könnte noch glatt werden heute Nacht.

Nix los: Die Tram fährt so gut wie leer durch die Stadt

Kaum besser geht's dem Trambahnfahrer Andreas Morr, der Stunde um Stunde seine Tram leer durch die Stadt lenkt: "Da fragt man sich schon, wieso ma den Job überhaupt no macht." Oder einem Busfahrer, der Mühe hat, den Fahrplan einzuhalten ohne permanent zu früh dran zu sein. Nur für einen Fahrer lohnt wohl die Fahrt, er stoppt einen Reisebus am Ostbahnhof, heraus perlen drei Dutzend Menschen und huschen Richtung S-Bahn. Wo kommen die denn jetzt her, so kurz vor Mitternacht? "Schichtende im Corona-Testlabor", ruft einer müde, "da wird 24/7 gearbeitet."

Andreas Morr fährt seine Tram fast durchweg leer durch die Nacht.
Andreas Morr fährt seine Tram fast durchweg leer durch die Nacht. © Bernd Wackerbauer

Die Reichenbachbrücke, sonst tosende Silvesterpartymeile um diese Uhrzeit, liegt zauberhaft beschaulich da, wenige Minuten vor zwölf. Keine Menschenseele am Kiosk, der sonst an Silvester Hochbetrieb hat. Leise rauscht die Isar vor sich hin und übertönt ein paar einsame Böller, die aus der Au herüberhallen. Zwei Polizeibeamte schauen zur Kontrolle vorbei, und auch sie, so scheint's, genießen diesen Moment der Stille.

Kurz vor Mitternacht auf der Reichenbachbrücke: Zwei Beamte schauen zur Kontrolle vorbei - drunter rauscht die Isar. Und los ist: nichts.
Kurz vor Mitternacht auf der Reichenbachbrücke: Zwei Beamte schauen zur Kontrolle vorbei - drunter rauscht die Isar. Und los ist: nichts. © Bernd Wackerbauer

Um 0 Uhr gehen Fenster auf, stehen Menschen auf den Balkonen

Dann beginnt das Glockengeläut in Sankt Maximilian, Fenster springen auf, Wunderkerzen erhellen die Fassaden auf beiden Flussseiten, "Prost Neujahr", "Gutes Neues", schallt es aus den Häusern, und in der Fraunhoferstraße bekommen etliche Winkende von oben eine Schampusdusche ab.

Und dann bricht er doch ein bissl los, der Silvesterzauber über der Stadt. Aus einem Dach an der Fraunhofer schießt eine goldene Fontäne in den Himmel, hinten am Heizkraftwerk in Sendling funkelt es, es böllert aus Haidhausen herüber und aus der Altstadt kracht's her. Und in der Au hört der verbotene Feuerwerkszauber gar nicht mehr auf.

Die Ursache findet sich in der Claude-Lorrain-Straße, hier knallt und kracht und schießt eine Fontäne nach der anderen aus einer riesigen Pyrotechnik-Kiste, die einsam auf der Straße steht. Wumms um Wumms zischt es in den Nachthimmel. Profiarbeit, wie es scheint.

Verboten - aber freilich schön anzuschauen: Ein Feuerzauber in der Au, der über eine Viertelstunde dauert.
Verboten - aber freilich schön anzuschauen: Ein Feuerzauber in der Au, der über eine Viertelstunde dauert. © Bernd Wackerbauer

Geböllert wird vereinzelt - die Polizei kann nicht viel machen

Aus dem Nebel am Boden schält sich eine Viertelstunde später ein Mannschaftswagen der Polizei. Irgendwas zwischen Faszination und Ratlosigkeit liest man in den Gesichtern. Während Menschen in den Fenstern jubeln und klatschen, zuckt ein Beamter mit den Schultern. "Mir ham leider ned gsehn, wer die aufgstellt hat", sagt er, schiebt die qualmende Kiste an den Straßenrand, man rückt wieder ab, es ruft wohl anderswo ein Einsatz. Noch eine gute Stunde lang hört man hie und da einen Rumms durch die Nacht hallen, sieht ein Polizeiauto losflitzen, weil irgendwo mehr los ist, als los sein sollte.

Auf dem Heimweg gegen 2 Uhr liegt sie immer noch still da, die Bavaria, und der Orion leuchtet herunter, ungetrübt vom Feinstaubwolkenwahnsinn der letzten Jahreswechsel. Viele Fenster auf der Schwanthalerhöhe sind noch erleuchtet, auch die Maxvorstadt ist wach. "A guads Neis!" - man hört die Münchner noch von vielen Balkonen her lachen und scherzen. Ein Silvesterchen ist es immerhin geworden.

Die Stadt meint es ernst mit dem Silvesterverbot: Sogar die Bavaria auf der Theresienwiese, sonst immer nachts magisch erhellt, liegt zum Jahreswechsel im Dunklen.
Die Stadt meint es ernst mit dem Silvesterverbot: Sogar die Bavaria auf der Theresienwiese, sonst immer nachts magisch erhellt, liegt zum Jahreswechsel im Dunklen. © Bernd Wackerbauer

Bis hinter den Elisabethplatz hallen noch die letzten Knaller, aus versteckten Hinterhöfen vielleicht, denn die Straßen sind ausgestorben. A bissl was geht halt doch immer in dieser Stadt, das nicht erlaubt ist - aber das ein Ende markiert und einen neuen Anfang. Willkommen also, 2021.