Corona verstärkt soziale Ungleichheit in München: Mehr Rolex, mehr Tafel-Gäste

Die Corona-Krise hat die Kluft zwischen Arm und Reich noch einmal vertieft. Während sich wenige deutlich mehr leisten können, haben manche fast nichts mehr. Eine Gegenüberstellung der Münchner Gegensätze.
von  Laura Meschede
In München geht die soziale Schere immer weiter auseinander. (Archivbild)
In München geht die soziale Schere immer weiter auseinander. (Archivbild) © imago images/Fotostand

München - "Die Veränderungen, die die Krise gebracht hat, werden wir erst in den nächsten Monaten so richtig zu sehen bekommen", sagt Gerhard Mayer, Leiter des Amts für Wohnen und Migration im Sozialreferat. "Weil die Menschen in Krisen immer versuchen, erst einmal alleine klarzukommen und den Gürtel enger zu schnallen. Da dauert es, bis die Auswirkungen sichtbar werden."

Ganz unten: Ein Jahr nur Tütensuppe

So wie bei der alten Dame, die ein Jahr lang nur von Tütensuppen gelebt hat. Weil der Energieversorger ihr den Strom abgestellt hatte und weil sie weder Geld hatte, um ihre Stromrechnung zu bezahlen, noch Menschen, an die sie sich wenden konnte.

Also begann die Rentnerin, abends heimlich einen Tauchsieder an der Steckdose im Flur ihres Mehrfamilienhauses anzubringen. Darin kochte sie Tütensuppen, jeden Abend, ein ganzes Jahr lang. Der einzige Weg, um an etwas Warmes zu Essen zu gelangen.

Ganz oben: Die Villa am See

Gleichzeitig, am oberen Ende der Gesellschaft: "Es gab in der Krise schon viele Veränderungen", sagt der Luxus-Immobilienmakler Christian Ehbauer. "Die Menschen haben beispielsweise festgestellt, dass das Wohnen im Stadtgebiet überhaupt keinen Mehrwert bietet, wenn die Oper zu ist und Gastronomie und exklusive Läden geschlossen haben."

Seit dem Ende des ersten Lockdowns vermittelt er deshalb vor allem Villen im Grünen. Am Starnberger See, im Oberland, in Grünwald.

So mancher Käufer hat gar sein Haus in der Stadtmitte gegen eine Villa mit großem Garten in einem noblen Münchner Vorort getauscht. "Ein Außenpool", sagt Ehbauer, "konnte dabei für Kauf oder Absage durchaus entscheidend sein." Über konkrete Fälle möchte er nicht sprechen. Seine Kunden schätzen die Diskretion.

Veränderungen - die Corona-Krise hat viele davon gebracht. Für die Reichen, für die Armen - und für die Kluft, die zwischen ihnen liegt. Denn die, so viel scheint klar zu sein, ist in den letzten Monaten noch einmal tiefer geworden. Auch in München.

Wenn man auf den Durchschnitt schaut, dann ist München eine der reichsten Städte Deutschlands. Das Meinungsforschungsinstitut GfK hat kürzlich in einer Studie ermittelt, in welchen Regionen Deutschlands die Menschen durchschnittlich das meiste Geld zur Verfügung haben. Die Stadt München landete auf dem vierten Platz, der Landkreis München auf dem zweiten, nur Starnberg ist reicher. Aber der Durchschnitt sagt nichts über die Verteilung.

Auch in München: Die Reichen werden immer reicher

"In jeder Krise gibt es auch Gewinner", schreibt der Deutsche Gewerkschaftsbund in seinem Verteilungsbericht 2021. "Insbesondere Superreiche konnten ihr Vermögen im Jahr 2020 vermehren."

Um wie viel genau, darüber existieren zumindest für München keine Zahlen. Ebenso wenig, wie es aktuelle Zahlen zu der Frage gibt, wie viele Menschen in der Stadt unter der Armutsgrenze leben. Der letzte Münchner Armutsbericht stammt von 2017. Damals waren knapp 17 Prozent der Menschen in München von relativer Armut betroffen.

"In München trifft man auch dort viel auf Armut, wo man sie nicht erwartet", sagt Klaus Hofmeister, Leiter der Schuldner- und Insolvenzberatung im Sozialreferat München.

In der Schule seiner Tochter in Schwabing beispielsweise wurde kürzlich der Fall von zwei Geschwistern diskutiert, die für den Homeschooling-Unterricht nur ein Prepaid-Smartphone mit winzigem Bildschirm zur Verfügung hatten. Eines für beide Kinder. "Die Schule ist mitten in Schwabing, da erwartet man solche Probleme nicht", sagt er.

Bis zu 40.000 Anträge auf Sozialwohnung erwartet

Im Amt für Wohnen und Migration wächst der Stapel mit den Anträgen auf Sozialwohnungen derweil immer weiter an. Hatten 2019 noch 30.000 Münchner eine Sozialwohnung beantragt, waren es 2020 schon 35.000. "Für das Jahr 2021", sagt Gerhard Mayer, "rechnen wir mit 40.000 Anträgen." Etwa 14.000 davon, so die Schätzung, werden als "wohnberechtigt" eingestuft werden.

Nur: So viele Sozialwohnungen gibt es nicht. Die Stadt München hat dieses Jahr etwa 3.400 Wohnungen zu vergeben. Das bedeutet: Der Großteil der Antragsteller wird ohne Sozialwohnung bleiben. "Die wohnen dann weiter in Wohnungen, die zu klein für sie sind", sagt Mayer. "Mit vier Kindern auf zwei Zimmern beispielsweise."

Das Sozialreferat hatte in den letzten Monaten häufig mit solchen Fällen zu tun. Mit Kindern, die sich im Homeschooling-Unterricht nicht trauten, das Video einzuschalten, weil sie die beengte Situation bei sich zu Hause nicht in der Klasse zeigen wollten. Und mit Familien, in denen es irgendwann gekracht hat, weil der Hof gesperrt war und das Zusammenleben auf viel zu wenigen Quadratmetern irgendwann unerträglich wurde.

Penthouses ausverkauft

Die Mieten sind im vergangenen Jahr in München weiter angestiegen - trotz Krise. 12,05 Euro kostet der Quadratmeter aktuell im Schnitt, 2019 waren es noch 11,69 Euro gewesen. Und das sind die Durchschnittswerte, wer aktuell am Markt eine Wohnung sucht, muss fast immer deutlich mehr bezahlen.

Christian Ehbauer sagt, auch für die Wohlhabenden sei der Immobilienmarkt in den letzten Monaten nicht ganz einfach gewesen. "In manchen Stadtteilen", sagt er, "waren zeitweise überhaupt keine Villen, Grundstücke oder Penthouses mehr zu verkaufen."

Er sieht einen "absoluten Verkäufermarkt" im Bereich der Luxusimmobilien, das heißt: Es gibt viel mehr Menschen, die gerne eine Villa in und um München herum kaufen wollen, als es Villen auf dem Markt gibt.

Zu Wohnungslosigkeit führt diese Knappheit zwar nicht: "Gutverdiener haben ja oft mehrere Wohnsitze, zum Beispiel eine Villa in Bogenhausen und dann noch ein oder zwei Häuser am Starnberger See oder in den Bergen."

Aber die hohe Nachfrage drückt die Preise nach oben: "Auch in Pandemiezeiten wurden Preissteigerungen von sieben bis acht Prozent pro Jahr beobachtet."

Mehr Menschen bei den Tafeln

Gestiegen ist überhaupt so einiges in den letzten Monaten: Die Zahl der Verbraucherinsolvenzen in München beispielsweise ist heuer von Februar bis März um elf Prozent nach oben gegangen - der höchste Wert des letzten Jahrzehnts.

Oder die Zahl der Tafelgäste. "Wir haben seit Beginn der Pandemie knapp 2.000 Bedürftige hinzubekommen, die jede Woche Lebensmittel bei den Ausgabestellen der Münchner Tafel erhalten", sagt Angela Zacher, Pressesprecherin der Münchner Tafeln. Kürzlich hat die Tafel deswegen eine neue Ausgabestelle eröffnet, Ende Juni wird noch eine weitere in Pasing dazukommen.

An den Tafeln gibt es steigenden Bedarf.
An den Tafeln gibt es steigenden Bedarf. © dpa

Zacher geht davon aus, dass auch hier der Bedarf weiter steigen wird. "Um bei uns Lebensmittel zu erhalten, muss man erst seine Bedürftigkeit nachweisen", sagt sie. "Das baut bei manchen eine gewisse Hemmschwelle auf. Oft kommen die Leute erst, wenn sie all ihre Ersparnisse aufgebraucht haben und der Kühlschrank vollkommen leer ist. Davor ist die Scham zu groß."

22.000 Münchnerinnen und Münchner reihen sich aktuell jede Woche in die Schlange vor den Ausgabestellen der Tafel ein. Darunter Rentner, die bis zum Beginn der Pandemie nebenher gekellnert hatten; kleine Selbstständige, die durch die monatelangen Schließungen in die Verschuldung gerutscht sind, Bademeister, Zeitarbeiterinnen und arbeitslos gewordene Künstler.

Rolex verkauft mehr

Gefragter Luxus: Rolex-Uhren in einem Schaufenster.
Gefragter Luxus: Rolex-Uhren in einem Schaufenster. © dpa

München, Stadt der Gegensätze. In den Rolex-Geschäften der Stadt verzeichnen die Verkäufer seit Beginn der Krise einen stetig steigenden Absatz. "In den letzten Monaten sind unsere Preise explodiert, weil die Nachfrage so stark nach oben gegangen ist", sagt Tizian Kokott vom Juwelier Lun in der Augustenstraße.

"Unsere Uhren werden vor allem als Wertanlage gekauft, nicht, um sie zu tragen." Kurze Pause. "Aber seien wir mal ehrlich: Das ist ja inzwischen in jedem Bereich so. Das Einzige, was zählt, ist der Wertzuwachs."