Brotzeit von und mit Uschi Glas: "Die Kinder sind so dankbar"

Hungrig zur Schule- das ist für viele Buben und Mädchen trauriger Alltag. Heute beginnt nicht nur wieder der Präsenzunterricht. Der Verein Brotzeit von Uschi Glas kann armen Kindern wieder helfen.
von  Nina Job
Uschi Glas bei einem Besuch - vor Corona - in einer Schule in Haidhausen. Seit März 2020 durfte sie wie alle Schulfremden keine Schule mehr betreten
Uschi Glas bei einem Besuch - vor Corona - in einer Schule in Haidhausen. Seit März 2020 durfte sie wie alle Schulfremden keine Schule mehr betreten © Michael Tinnefeld

München - Die großen Ferien sind vorbei, mit Masken und Lollitests startet heute ein neues Schuljahr in Präsenz. Für rund 1.000 Münchner Grundschüler bedeutet das auch, dass sie morgens im Schulgebäude kostenlos ein Frühstück bekommen, zubereitet von den Seniorinnen des Vereins Brotzeit.

Uschi Glas und ihr Verein Brotzeit

Der Verein wurde von Uschi Glas gegründet. Vor zwölf Jahren hatte die Schauspielerin (77) im Radio eine Nachricht gehört, die sie erschütterte: Laut einer Studie ging damals jedes vierte Kind ohne Frühstück und ohne Brotzeit in die Schule. Uschi Glas wollte das nicht tatenlos hinnehmen.

Die Schauspielerin Uschi Glas.
Die Schauspielerin Uschi Glas. © Tobias Hase/dpa/Archivbild

Mittlerweile ist ihr Verein Brotzeit in 15 Regionen in Deutschland aktiv: Anfang des Jahres 2020 versorgten die ehrenamtlichen Helferinnen Kinder an 32 Schulen in München und 260 bundesweit. Doch Corona legte das Hilfsangebot monatelang lahm. Die AZ sprach mit Uschi Glas über ihre Sorgen um die "abgehängten" Kinder und ihre Zukunftspläne.

AZ: Frau Glas, Sie und Ihre vielen Helferinnen haben es geschafft, rund 11.000 Grundschulkinder täglich mit Frühstück zu versorgen. Im März war plötzlich Schluss. Sie beschlossen, die Brotzeitausgaben von einem Tag auf den anderen einzustellen.
USCHI GLAS: Wir haben das nicht beschlossen. Wir wurden dazu gezwungen. Wir konnten nicht mehr in die Schulen, sie waren gesperrt, die Kinder waren nicht mehr da.

Wie war das für Sie?
Es war ein Riesenschock. Ich war richtig am Boden - und nicht nur ich. Wir haben hin und her überlegt, ob wir nicht irgendwie weitermachen können. Wir dachten zum Beispiel an Frühstückstüten. Aber die Schulleiter sagten, das habe überhaupt keinen Sinn. In die Schulen durften die Kinder ja nicht. Die Tüten draußen hinstellen konnten wir auch nicht. Außerdem kommen unsere Kinder oft nicht einmal, um ihre Hausaufgaben abzuholen. Erst als die Notbetreuung eingerichtet wurde, konnten wir weitermachen: mit einem Büffet hinter einer Acrylscheibe. Die Kinder kamen in zwei Schichten, damit es nicht zu eng wurde. Es war alles improvisiert und entsprach nicht mehr der eigentlichen Idee.

Was ist die eigentliche Idee?
Ein Kind ist im Wachstum, es braucht Energie, um am Unterricht lebendig teilnehmen zu können. Aber es gibt Kinder in Deutschland, die schlafen aus Erschöpfung und Hunger ein im Klassenzimmer. Ein Kind, das immer hungrig ist, fühlt sich als Verlierer und wird aggressiv. Wir können heute nachweisen, dass Kinder durch das miteinander speisen sehr schnell Aggressionen abbauen und Angst voreinander verlieren. Es geht aber nicht nur ums Essen.

"Es geht auch um das Miteinander am Tisch"

Sondern auch ums Zusammensitzen am Tisch?
Natürlich. Es geht auch darum, dass die Kinder miteinander sprechen und sich kennenlernen. Wir möchten, dass sie erleben, wie in unserer Kultur miteinander gespeist wird. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir ganz viele Kinder haben, die noch nie an einem Tisch gesessen haben, die sich noch nie ein Brot geschmiert haben, die weder Teller noch Gabel kennen.

Wie viele Brotzeit-Kinder sind Migrantenkinder?
Wir haben ganz viele Schulen, an denen der Migrationsanteil bei über 90 Prozent liegt. In München haben wir die meisten verschiedenen Nationalitäten überhaupt in Deutschland. Das ist insofern ein Vorteil, als die Kinder miteinander Deutsch sprechen müssen, weil sie sich anders gar nicht verständigen können.

"In Berlin gibt es viele arabische Familien"

Wie unterscheidet sich München etwa von Berlin?
In Berlin haben wir zum Teil viele arabische Familien, wo man hinterher sein muss, dass sie untereinander Deutsch sprechen. Wir haben dort aber auch zwei Schulen, die zu 100 Prozent Deutsch sind - und trotzdem Brennpunktschulen.

Monatelang konnten sich die Brotzeithelfer nur um Kinder kümmern, die zur Notbetreuung in die Schule durften.
Monatelang konnten sich die Brotzeithelfer nur um Kinder kümmern, die zur Notbetreuung in die Schule durften. © ho

In der Notbetreuung hat das gemeinsame Mittagessen schon begonnen. Wie haben die Brotzeithelfer die Kinder nach der langen Pause erlebt?
Vor allem bei den Kleinen, die gerade erst angefangen hatten, Deutsch zu lernen, gab es große Rückschritte während des Stillstands. Wenn zu Hause das Deutschsprechen nicht geübt wird, vergessen Kinder es schnell wieder. Da ist nun enorm viel Nachholbedarf. Da muss man fast wieder von vorne beginnen. Diese Kinder werden sehr viel Förderung brauchen. Das können wir nicht leisten, wir sind ja nur ein Brotzeitverein.

Wie war es für die Kinder, wiederkommen zu dürfen?
Sie haben sich enorm gefreut, dass ihre Damen wieder da waren. Wir versorgen ja die Sechs- bis Zehnjährigen, die sind so dankbar, wenn jemand da ist für sie. Viele sind oft allein gelassen. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass viele wirklich sehr beengt wohnen. Es ist einfach sehr, sehr wichtig, dass diese Kinder in die Schule gehen dürfen. Sie gehen auch alle sehr gern.

Der Verein hat 2020 nicht mal halb so viele Brotzeiten austeilen können wie 2019, Spenden und öffentliche Zuschüsse sind trotzdem geflossen. Was machen Sie mit dem Geld?
Damit haben wir Mannheim und Ludwigshafen aufbauen können, auch Augsburg ist relativ neu. Je größer wir werden, umso höher ist der Aufwand. Ein insgesamt großer finanzieller Posten ist auch das kleine Entgelt, das die Seniorinnen bekommen: acht Euro pro Stunde. Da bekomme ich zwar oft zu hören, dass das ja kein Ehrenamt mehr sei, aber mir sagen viele der Frauen: Frau Glas, ich mach das so gern - aber ich brauch das Geld auch.

Der Verein wächst ständig, steigt auch der Bedarf?
Vor zwölf Jahren ging laut Bertelsmann-Stiftung jedes vierte Kind in Deutschland ohne Frühstück in die Schule, heute ist es jedes fünfte. Wir von Brotzeit können den Bedarf längst nicht abdecken. Wir schätzen, dass an etwa zehn Prozent der 15.000 Grundschulen Kinder nicht versorgt sind - oder mehr.

Müsste dann nicht der Staat diese Aufgabe übernehmen?
Ich finde schon, dass auch irgendwann die politische Entscheidung getroffen werden muss, die Grundschulkinder zu versorgen. Ich will mich nicht beschweren, aber es ist wahnsinnig viel Arbeit. Natürlich haben wir durch die Ehrenamtlichen auch Vorteile - denn die Stadt oder das Land müsste sie normal bezahlen. Trotzdem: Das muss doch drin sein. Jetzt hören wir wieder, dass Lehrstellen nicht besetzt werden. Die Gesellschaft hat eine Verpflichtung, diese Kinder zu versorgen. Damit sie gut integriert werden und einen Beruf ergreifen können. Und nicht schon von klein auf einen Stempel auf die Stirn gedrückt bekommen: Du kommst eh nicht mit.

In München ist der Verein mit 172 Seniorinnen an 32 Schulen aktiv, Ende 2021 sollen es 36 Schulen sein. Schaffen Sie das?
Ja. Es sei denn, es kommt noch ein Donnerschlag. Aber ich glaube, die meisten Menschen sind vernünftig genug, sich jetzt impfen zu lassen, damit wir die Pandemie in den Griff bekommen.

Hätten Sie gedacht, dass Ihr Verein mal so groß wird?
Niemals. Wenn mir das vorher jemand gesagt hätte, wäre mir himmelangst geworden.