Bettler-Masche: Jetzt putzen sie Scheiben

Jetzt auch in der City: Bettler putzen an Ampeln Autoscheiben. Viele Autofahrer in der Innenstadt reagieren zunehmend genervt auf die Scheibenputzer. Die AZ dokumentiert diese Masche.
von  Ralph Hub
Die Geste mit der offenen Hand lässt keinen Zweifel zu: Der Bettler will Geld für seine Dienste.
Die Geste mit der offenen Hand lässt keinen Zweifel zu: Der Bettler will Geld für seine Dienste. © Djordje Matkovic

München – Mit einer Flasche Glasreiniger in der einen Hand und einem Lappen in der anderen steht der Mann direkt vor dem alten Justizpalast. Jedes Mal, wenn an der Sonnenstraße die Ampel auf Rot schaltet, springt er auf die Fahrbahn und fängt ungefragt an, bei den Autos im Stau die Windschutzscheiben zu putzen.

Viele Autofahrer in der Innenstadt reagieren zunehmend genervt auf die Scheibenputzer. Manche winken energisch ab, sobald sich ihrem Auto ein Fremder nähert. Andere schimpfen zum Seitenfenster raus, sagen laut „Nein“ oder „No“. Das Ergebnis ist immer gleich – die Windschutzscheibe wird eingesprüht und dann geputzt. Im Anschluss hält der Fremde dem Autofahrer die offene Hand hin und bettelt um Münzen.

„Egal, was man macht, die fangen einfach an zu putzen“, erzählt Oliver B. (48). Der Versicherungsfachmann fährt einen schwarzen BMW X5, einen gut 90 000 Euro teuren Geländewagen. Um den hat er Angst. „Wenn ich den Scheibenputzern kein Geld gebe, verkratzen die mir den Lack und verschwinden dann von der Bildfläche“, befürchtet der Münchner.

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Anfangs waren es vor allem die Ring- und Einfallstraßen in München, an denen die Scheibenputzer meist standen. Unterhalb der Donnersbergerbrücke traf man sie an, gelegentlich auch an der Einsteinstraße – überall dort, wo sich im Berufsverkehr die Autos an den Ampeln stauen und die Fahrer kaum Chancen haben, dem unerwünschten Service zu entkommen.

Zuletzt suchten sich die Bettler die Altstadt als Jagdrevier aus. An der Kreuzung Sonnen- und Prielmayerstraße oder ein paar Meter oberhalb an der Elisenstraße standen die Putzer. „Am letzten Mittwoch wurde uns ein Fall vom Stachus gemeldet“, berichtet KVR-Sprecherin Daniela Schlegel. Ende letzter Woche beobachtete ein AZ-Mitarbeiter vor der Justiz einen der Bettler bei der Arbeit.

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Juristisch ist den Scheibenputzern schwer beizukommen. Streng genommen bräuchten sie einen Gewerbeschein. Doch den würden sie von der Stadt niemals ausgestellt bekommen, sagt Daniela Schlegel. „Es ist zu gefährlich im fließenden Verkehr Autoscheiben zu putzen.“ Außerdem wären dann auch Steuern fürs Scheibenputzen fällig. Die Bettler fordern deshalb auch keinen konkreten Lohn für ihren Service. Sie halten stattdessen lieber die Hand auf und bitten um eine Spende.

Die putzenden Bettler wissen, dass die Polizei sie im Auge hat. Der Mann, der vor ein paar Tagen am Justizpalast den Lappen schwang, versteckte sich deshalb blitzartig hinter einem Trafokasten, als ein VW-Bus der Polizei auf der Bildfläche erschien. Den Bettlern droht im Extremfall sogar Haft. Bisher hat die Polizei von der neuen Möglichkeit keinen Gebrauch gemacht. Die bis zu vier Wochen dauernde „Ersatzzwangshaft“ sei die Ultima Ratio im Kampf gegen organisierte Bettler-Banden, heißt es im KVR.