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Altern de luxe: Das Seniorenheim der Superreichen in München

Altern de luxe: AZ-Gespräch mit dem Münchner Tertianum-Chef über Kosten, Wartelisten, den Lockdown-Alltag und eine selbstbestimmte Zukunft.
von  Kimberly Hagen
Schöner und selbstbestimmter Wohnen im Alter: Im Highlight Penthouse im Tertianum im Glockenbachviertel gibt es genug Platz auf 144 Quadratmetern und einen traumhaften Blick über München. 13.000 Euro monatlich kostet diese Ruhestand-Residenz mit einem eigenen Lift.
Schöner und selbstbestimmter Wohnen im Alter: Im Highlight Penthouse im Tertianum im Glockenbachviertel gibt es genug Platz auf 144 Quadratmetern und einen traumhaften Blick über München. 13.000 Euro monatlich kostet diese Ruhestand-Residenz mit einem eigenen Lift. © Tertianum Premium Residences

München - Tertianum Residenz München – was wie ein Fünf-Sterne-Hotel klingt, ist es auch irgendwie. Nur dass der Altersdurchschnitt hier deutlich höher ist als in normalen Herbergen – und der Wohn-Preis auch.

Das Tertianum im Glockenbachviertel ist das Seniorenheim der Superreichen. Selbstverständlich all inclusive: eine schöne Wohnung, mit Garten oder Marmorbad, Rundum-Service, Wellness, hauseigene Kulturveranstaltungen, Essen von Zwei-Sterne-Koch Tim Raue, ein eigenes Weinregal im Keller und, falls nötig, mit (Komplett-)Pflege.

Die Nachfrage ist riesig: Es gibt immer mehr ältere Menschen, die sich nach einem schönen Ruhestand fernab eines konventionellen Altersheims sehnen. Aber nur die wenigsten können sich ein Zimmer im Tertianum leisten.

AZ-Gespräch mit Alois Koppensteiner (48), Direktor der Münchner Tertianum Residenz, über seinen Alltag zwischen Luxus und Leid.

Direktor: Alois Koppensteiner.
Direktor: Alois Koppensteiner. © ho

AZ: Herr Koppensteiner, ein Platz bei Ihnen ist begehrter als die neue Rolex. Wie lange ist aktuell die Warteliste bei Ihnen?
ALOIS KOPPENSTEINER: Lang. Aber natürlich kommt es ganz drauf an. Je größer die Wünsche, desto länger die Wartezeit.

Welche Wünsche?
Ob Garten- oder Straßenaussicht, mit Balkon oder ohne, dann das Stockwerk. Sagen wir so: Wer keinen Sonderwunsch hat, kann mit Glück in zwölf Monaten eine Wohnung bekommen. In anderen Fällen, wie bei unserem Highlight Penthouse, das gerade das erste Mal seit 20 Jahren frei geworden ist, musste deutlich länger gewartet werden.

20 Jahre - wer wartet so lange?
Viele, die vorplanen.

Und sehr wohlhabend sein müssen.
Wir haben mit zehn Interessenten Gespräche geführt, zwei sind aktuell in der engeren Auswahl.

Wie viel kostet das Highlight Penthouse?
Es ist 144 Quadratmeter groß, hat eine traumhafte 30 Quadratmeter große Dachterrasse mit Blick über München, und kostet im Monat 13.000 Euro. Dazu gibt es First-Class-Service, Fitness, Pool, Reinigung, eine tägliche Menü-Auswahl in einem unserer Restaurants, alles, was das Herz begehrt...

... und das Konto erschwert. Wer kann sich das leisten?
Die Mehrheit der Menschen leider nicht, nur die oberen Zehntausend. Unsere günstigste Wohnung startet bei 5.300 Euro. Auch das ist viel Geld. Unsere Bewohner haben eine super Karriere hinter sich in der Wirtschaft, Politik oder Show-Welt. Oder sie haben erfolgreiche Kinder in München, die möchten, dass ihre Eltern in der Nähe sind.

Der Penthouse-Grundriss.
Der Penthouse-Grundriss. © Tertianum Premium Residences

112 Mitarbeiter kommen auf 130 Bewohner

Wie viele Bewohner haben Sie momentan?
130 zwischen 72 und 100 Jahre, davon fünf Paare, verteilt auf 106 Wohnungen und 20 Einzelpflege-Appartements.

Und wie viele Mitarbeiter und Pflegekräfte haben Sie?
112.

Davon können die meisten Alten- und Pflegeheime nur träumen.
Das stimmt. Leider. Wir müssen auch nicht klagen, dass wir gut ausgebildetes Personal suchen. Wir sind bestens aufgestellt. Wobei wir flexibel sein müssen. Wir hatten eine Bewohnerin, die nicht allein sein wollte – und deshalb war 24 Stunden sieben Tage die Woche immer jemand bei ihr.

Nur zur Unterhaltung?
Ja. Wir versuchen, alle Wünsche zu erfüllen. Karten für die Staatsoper, ein Museumsbesuch ohne Warteschlange, ein Skat-Abend. Mit Corona fällt viel weg. Wir versuchen, die Bewohner bei Laune zu halten.

Noch kein einziger Corona-Fall in der Luxus-Residenz

Wie haben Sie den ersten Lockdown erlebt, als jeder Besuch verboten war?
Das war heftig. Wir haben glücklicherweise viele sehr aktive Bewohner. Eine 94-jährige Dame fährt gern mit dem Auto durch München, geht viel aus – plötzlich mussten alle daheim bleiben, durften niemanden mehr sehen. Die Bewohner, die eine große Vereinsamung im Frühjahr gespürt haben, haben wir den Sommer über wieder aufgebaut – durch viele Unternehmungen und Gespräche. Aktuell herrscht kein Besuchsverbot bei uns, aber wir passen extrem auf, testen jeden einmal pro Woche, alle tragen FFP2-Masken, und der Pool- und Spa-Bereich darf nur einzeln genutzt werden. Ich bin froh, dass wir keinen einzigen Corona-Fall hatten.

Generationenabend (vor Corona): Bewohner reden mit Studenten.
Generationenabend (vor Corona): Bewohner reden mit Studenten. © ho

Sie sind seit fünf Jahren im Tertianum, arbeiteten zuvor im Schloss Fuschl. Wie oft sehnen Sie sich im Alltag zurück?
Das erste Jahr war hart. Es gibt viele tolle Bewohner mit spannenden Leben. Leider gibt's auch Schicksale, die einem sehr nahe gehen. Wenn der Sohn aus London mir sagt, dass er nicht mehr oft kommt, weil ihn seine Mutter wegen Demenz nicht mehr erkennt: Das berührt einen total, da braucht man ein dickes Fell.

Die meisten Bewohner bleiben sechs bis acht Jahre

Ab wann sollte man am besten seine Zukunft planen?
Viele fangen zu spät an, wenn es ihnen nicht mehr gut geht. Bei uns rate ich: Ziehen Sie ein, wenn Sie - noch - keinen Pflegegrad haben. Die meisten Bewohner bleiben sechs bis acht Jahre. Niemand weiß, wie er selbst im Alter sein wird. Bin ich mit 80 noch fit? Mit 90? Wie will ich dann leben? Viele schieben das vor sich her. Diese Fragen beschäftigen mich.

Haben Sie Antworten?
Das Mehrgenerationenhaus von früher gibt es in Städten wie München nicht. Ich bin erstaunt, wie wenig die Wirtschaft in altersgerechtes Wohnen investiert, es betrifft alle. Vielleicht, weil es nicht sexy ist. Es wurden und werden so viele Hotels in München gebaut, dabei sollte man lieber einen Angehörigen-Pflege-Ersatz drüberstülpen und bezahlbares Wohnen im Alter schaffen.