Ärztemangel: Die Not in den Vierteln

In der Großstadt haben immer weniger Menschen einen Allgemeinmediziner. Die AZ zeigt, wo es viel zu wenige Praxen gibt – und, warum die Stadt jetzt um Hilfe ruft.
von  Felix Müller, E. Steinburg
Das Problem ist von ländlichen Regionen bekannt - nun erreicht der Ärztemangel auch Teile Münchens.
Das Problem ist von ländlichen Regionen bekannt - nun erreicht der Ärztemangel auch Teile Münchens. © dpa/AZ

München - Stephanie Jacobs stellt die Frage oft. „Haben Sie einen Hausarzt?“, fragt die Gesundheitsreferentin die Münchner. Die Antwort gefällt ihr meistens gar nicht. Denn viele Menschen haben keinen Hausarzt mehr. Jacobs hält nicht nur das fehlende Interesse der Patienten für ein Problem – sondern auch das fehlende Angebot an Hausärzten.

 
Münchens Gesundheitsreferentin Stephanie Jacobs. Foto: LHStM

Ein Problem, das vom flachen Land bekannt ist, wo der Dorfarzt ausstirbt. Aber in München, der reichen Großstadt? Das Problem ist die Versorgung in einzelnen Stadtteilen. Neueste Zahlen zeigen, wie groß die Unterschiede zwischen den Vierteln sind. So kommen in der Altstadt und im Lehel nur 201 Bewohner auf einen Hausarzt, in der Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt 628, in Au-Haidhausen 1025. Anderswo wird’s richtig schlimm: In Sendling-Westpark liegt die Quote bei 2086 Bewohnern pro Hausarzt. Milbertshofen-Am Hart: 2220, Hadern: 2284.

Eigentlich sollen 1700 Münchner auf einen Hausarzt kommen, stadtweit wird die Quote locker erfüllt. Doch die Ärzte zieht es in die besseren Gegenden, dorthin, wo mehr Geld mit Privatpatienten verdient werden kann. Gibt ein Hausarzt im Hasenbergl seine Praxis auf und übernimmt ein jüngerer Kollege, kann der ins Lehel umziehen. Der Bereich, in dem solche Umzüge erlaubt sind, wurde 2013 vergrößert. „Das hat das Problem noch verschärft“, sagt Jacobs der AZ. „Jetzt können Praxen sogar in die Umlandgemeinden verlagert werden.“

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Christoph Graßl kennt das Problem. Er ist selbst Hausarzt – und Chef der Kassenärztlichen Vereinigung (KVB) in München. „In Milbertshofen oder Riem gibt es viel zu wenige Hausärzte“, sagt er. „Wir als KVB können nicht sagen: In Solln wird ein Sitz frei, du musst aber nach Riem.“ Auch er hat klagt, dass immer mehr Münchner keinen Hausarzt mehr haben.

Gerade junge Großstädter gingen in der Mittagspause zu einem Arzt ums Eck, direkt zu einem Facharzt oder in die (überfüllten) Notaufnahmen und Bereitschaftspraxen wie den Elisenhof. Dabei sei ein Hausarzt für junge Menschen sehr wichtig. „75 Prozent ihrer Krankheiten sind psychosomatisch bedingt. Die Magenschmerzen oder der Bandscheibenvorfall sind bei einem 30-Jährigen auch oft stressbedingt“, sagt er. „Gerade da ist ein Hausarzt wichtig, der das Ganzheitliche im Blick hat. Jemand, dem man vertraut.“

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Graßl hofft, dass die Bundespolitik reagiert und den Planungsbereich verkleinert. Das fordert auch Jacobs: Sie könne niemandem raten, krank noch mit der U-Bahn zum Arzt zu fahren. Und dass die Stadt versucht habe, Arztsitze zu kaufen. Das sei aber verboten, weil die Stadt als überversorgt gilt. Den Hausärzten, die aus den Kleine-Leute-Vierteln wegziehen, will sie keinen Vorwurf machen. Ohne Privatpatienten seien die hohen Mieten nicht zu stemmen.

So schaut’s in den Stadtvierteln aus

Die neuesten Zahlen der Stadt zeigen, wo die Hausarzt-Versorgung sehr gut ist – und wo sehr schlecht. „Im internationalen Vergleich haben wir ein Luxus-Gesunheitssystem“, sagt die zuständige Referentin Stephanie Jacobs. „Aber bei der Basisverosrgung hakt es.“ Die AZ erklärt, wo im Stadtgebiet die Problemzonen liegen.

In diesen Bezirken wird die Quote von einem Hausarzt auf 1700 Bürger, die stadtweit vorgeschrieben ist, nicht erfüllt:

Ramersorf-Perlach: 1703 Einwohner pro Arzt

Trudering-Riem: 1791 Einwohner pro Arzt

Berg am Laim: 1958 Einwohner pro Arzt

Obergiesing-Fasangarten: 2015 Einwohner pro Arzt

Moosach: 2049 Einwohner pro Arzt

Feldmoching-Hasenbergl: 2051 Einwohner pro Arzt

Sendling-Westpark: 2086 Einwohner pro Arzt

Milbertshofen-Am Hart: 2220 Einwohner pro Arzt

Hadern: 2284 Einwohner pro Arzt

l In diesen Bezirken gibt es genügend Hausärzte:

Altstadt-Lehel: 201 Einwohner pro Arzt

Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt: 628 Einwohner pro Arzt

Au-Haidhausen: 1025 Einwohner pro Arzt

Maxvorstadt: 1075 Einwohner pro Arzt

Laim: 1154 Einwohner pro Arzt

Bogenhausen: 1161 Einwohner pro Arzt

Schwabing-Freimann: 1272 Einwohner pro Arzt

Sendling: 1277 Einwohner pro Arzt

Neuhausen-Nymphenburg: 1299 Einwohner pro Arzt

Schwanthalerhöhe: 1321 Einwohner pro Arzt

Aubing-Lochhausen-Langwied: 1324 Einwohner pro Arzt

Untergiesing-Harlaching: 1334 Einwohner pro Arzt

Thalk.-Obersendl.-Forstenried-Fürstenried-Solln: 1357

Allach-Untermenzing: 1449 Einwohner pro Arzt

Schwabing-West: 1458 Einwohner pro Arzt

Pasing-Obermenzing: 1594 Einwohner pro Arzt


Auch bei Kinderärzten hakt es

Das Baby war noch gar nicht geboren, da musste sich Sabine Lutz aus Sendling schon mit dem Problem befassen. „Frauen haben mir geraten, mich bereits im fünften Monat bei einem Kinderarzt anzumelden“, berichtet die 40-Jährige. „Das ist seltsam, wenn das Baby noch nicht auf der Welt ist.“ Viele Kinderärzte würden keine neuen Patienten annehmen. Eine Freundin sei nach Riem gezogen, wo die Situation als besonders schwierig gilt. „Mit ihrem kranken Kind gondelt sie nun von Riem nach Sendling zum Arzt. Gerne macht man so etwas nicht.“

Die Stadt versucht, mit Impfsprechstunden und Beratungsangeboten in einzelnen Vierteln mit einem kleinen Angebot auszuhelfen. „In der Messestadt gibt es keinen einzigen Kinderarzt mehr“, klagt Gesundheitsreferentin Stephanie Jacobs (parteilos). „Eine Praxis musste nach kurzer Zeit wieder geschlossen werden.“

Dr. Mathias Wendeborn wundert das nicht. Der Kinderarzt hat seine Praxis in Neuhausen. Er erzählt, wie sich die Situation für Kinderärzte verschlechtert hat. „Es gibt immer mehr Vorsorgeuntersuchungen, die vorgeschrieben sind“, sagt er. „Also mehr Termine pro Kind.“ Mit dem Geld, das mit Kassenpatienten zu verdienen ist, könne man in München keine Praxis betreiben. „Mit diesen Sätzen eine Miete zu zahlen, ist eigentlich nicht möglich“, sagt er. „Wir arbeiten praktisch gratis.“ Wendeborn sagt, für gesetzlich versicherte Kinder unter 5 Jahren bekomme er eine Pauschale von 25 Euro für drei Monate. „Und dafür kann das Kind so oft kommen, wie es will.“

Und auch die vermeintlich attraktiveren Untersuchungen seien oft nicht lukrativ. „Ein Ultraschallgerät kostet mich 20 000 Euro“, sagt Wendeborn. Für die Ultraschalluntersuchung von zwei Babyhüften erhalte er von der Kasse zwischen 12,10 Euro und 17,90 Euro. „So eine Untersuchung dauert 20 Minuten“, sagt der Kinderarzt. „Wenn das Baby mitspielt. Und es spielt oft nicht mit.“ So sei der Job nur mit Kassenpatienten nicht rentabel zu machen. „Mit 15 bis 20 Prozent Privatpatienten in den besseren Gegenden können wir quersubventionieren.“

Anderswo fehlen Kinderärzte. Wendeborn hofft, dass die Kinderarztsätze steigen. Ein wenig hofft er auch auf die Stadt. „Wenn sie Versorgungszentren schafft und dort für 5 Euro den Quadratmeter vermietet“, sagt er, „dann macht auch dort jemand gerne den Job.“