"Adria" an der Leopoldstraße: Das Ende einer Institution

Stolze 36 Jahre lang war der AZ-Leser Manfred Kössler Kellner im legendären Speiserestaurant "Adria" in Schwabing. Wen er dort alles bedient hat – und warum dort nun für immer Schluss ist.
von  Von AZ-Leser Manfred Kössler/Protokoll: Lea Kramer
Links: Das "Adria" am letzten Dienstag. Den Straßenverkauf gab's schon längst nicht mehr. Und jetzt ist alles zu. Rechts: "Europa Espresso" in den 60ern - der Vorläufer des "Adria" in der Leopoldstraße.
Links: Das "Adria" am letzten Dienstag. Den Straßenverkauf gab's schon längst nicht mehr. Und jetzt ist alles zu. Rechts: "Europa Espresso" in den 60ern - der Vorläufer des "Adria" in der Leopoldstraße. © Sigi Müller/AZ-Archiv/AZ

München - Dieses Jahr ist das vierzigste, das ich in München lebe. Geboren bin ich 1956 in Österreich und aufgewachsen in einem steirischen Dorf. Nach München bin ich 1977 gekommen.

Die meiste Zeit habe ich im "Café Adria" in der Leopoldstraße verbracht. Dort war ich 36 Jahre lang Kellner und habe so manche skurrile Geschichte erlebt – vor allem nachts, denn das Adria war lange Zeit eines der wenigen Restaurants auf der Leo (Stichwort: Sperrstunde), das bis drei Uhr in der Früh Speisen servierte. Und da ich ein echter Nachtmensch bin, passte das gut zusammen.

Zu der Arbeitsstelle in dem Restaurant bin ich 1981 zufällig gekommen. Ein Freund sprach mich auf der Straße an: "Hast du keine Lust? Morgen fangst an!" Und so war es dann auch. Zuvor hatte ich in der gehobenen Gastronomie gearbeitet, denn ich habe den Beruf Kellner richtig gelernt. Im Rheinhof von Wiesnwirt Wiggerl Hagn am Hauptbahnhof war meine erste Station, danach kamen die Weinschatulle in der Maxvorstadt, die heute Tresznjewski heißt, und das Hotel Königswache, das damals sogar einen Stern hatte.

Als ich ins Adria kam, war das ein richtiger Kulturschock. Damals war Schwabing noch richtig grob, aber die italienische Küche des Ladens war sehr berühmt – obwohl weder der Inhaber noch der Küchenchef aus Italien stammten.

Da standen Calamari Sicilia, Fischplatte mit Meeresfrüchten und andere Pfannengerichte auf der Karte, aber auch Tafelspitz oder "Forelle Blau". Zum Dessert gab’s Zabaione. Das hat allen geschmeckt. Vom Nobelpreisträger bis zum Zuhälter: wir haben alle bedient. Urschwabinger waren das, Zugezogene, Bäcker- und Malermeister. Tagsüber orderten sie von der blauen Karte, nachts von der schwarzen. Da waren die Gerichte eine Mark teurer.


70er-Style: so sah das alte "Adria" bis 2007 aus. Foto: AZ-Archiv

Künstler, Musiker und Schauspieler fühlten sich bei uns besonders wohl. Bekannte Größen wie etwa der Saxophonist Klaus Kreuzeder, Schauspielerin Margit Saad, Bildhauer Erich Koch, Nachkriegs-Regisseur Axel von Ambesser, Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek oder der österreichische Schauspieler Fritz Eckardt.

Letzterer kam einmal mit Besuch aus der Heimat ins Adria, er lobte das Essen über alle Maßen. Blöderweise hatte der exzellente Küchenchef just an diesem Tag frei. Sein Ersatz hatte das Essen – Wildtauben im Speckmantel – total verhaut. Die Gesellschaft nahm es uns nicht übel. Trotzdem fragte sie mich: "Herr Ober, bitte, wo ist der nächste Würstl-Stand?"

Auch die Musiker der Spider Murphy Gang kamen eine Zeit lang drei Mal die Woche nach den Proben. Die Erste Allgemeine Verunsicherung nach ihrem Auftritt im Liveclub Domizil, gleich nebenan. Von da lief auch der legendäre Trompeter Chet Baker herüber, um seine Tomatensuppe zu schlürfen, denn im Oberkiefer hatte er keine Zähne mehr. Ein Musiker hat mir mal eine Rhapsody geschrieben. Ich hab’ Noten und Text zu dem Stück, gehört hab’ ich es noch nie.

All diese Persönlichkeiten hatten im Adria ihre Ruhe. Dort wurden sie nicht mit Autogrammwünschen genervt. Einige hatten ihre Wohnungen in der Nähe und kamen zwei Mal am Tag zum Essen rüber. Bei uns konnten sie über griechische Ausgrabungen diskutieren oder auf der großen Sonnenterrasse dem Treiben auf der Leo zuschauen. Im Sommer ging es dort zu wie auf dem Oktoberfest. Die Leute liefen die Straße rauf und runter – und das Adria war den ganzen Tag über bis in die Nacht voll.

Einmal kam Harald Juhnke zu uns. Immer, wenn er in München war, kam er im Adria vorbei. An diesem Abend hatte er Lust, mit jemandem wegzugehen. Er setzte sich an einen Tisch und trank etwas. Von dort aus sah er einen Spüler. Einen blonden, jungen Mann mit Tattoos. Den hat er sich ausgesucht und dem Chef gesagt: "Dem gibst du frei. Ich nehme ihn heute mit." Später hat er ihn sturzbetrunken wieder im Adria abgeliefert.

Das war Mitte der 80er, eine super Zeit. Damals wurde Schwabing erst zum Sperrbezirk. Bei uns war deshalb sonntags Zuhälterzeit. In einem Nachtlokal treffen zu später Stunde unweigerlich unterschiedliche Charaktere aufeinander. Darum gab es immer mal wieder Krach. Eigentlich hatten wir jede Nacht eine Schlägerei. Die Polizei ist zu so etwas gar nicht vorbeigekommen. Da haben wir Kellner dann eingegriffen. Wir haben richtig mitgekämpft und auch mal zugehauen. Wenn sich einer wichtigmachen wollte, gab’s eine auf die Nuss. So war das eben.

Ein anderes Mal war ein Rundfunkreporter mit einem Kollegen aus den Vereinigten Staaten da. Der Journalist kam aus New York, was ja in den 80ern ein gefährliches Pflaster war. Sein Freund hatte ihm gesagt: "Hier kannst du ohne Sorge weggehen. Hier ist alles friedlich." Kurze Zeit später hatten wir eine Massenschlägerei genau neben seinem Tisch.

Ein anderes Mal kam eine Frau ins Adria. Sie war komplett nackt, ihr Körper nur mit Farbe bemalt. In der Hand hielt sie einen Hammer. Damit hat sie dann eine halbe Stunde lang einen Tisch demoliert. Keiner wusste, was mit ihr los war. Später wurde sie abgeholt und nach Haar in die Psychiatrie gebracht. Angst hatte ich bei so etwas nie, ich habe 14 Jahre lang Taekwondo gemacht. Das hat mir innerlich Stabilität gegeben.

Irgendwann geht die Seele verloren

Als zwei Männer in Lederjacke sich an einem Abend zwei Cappuccino bestellten und alles beobachteten, wurde mir schon mulmiger. Später stellte sich heraus, dass es sich um zwei Männer von der Kripo handelte. Eine verwirrte und angetrunkene Frau, die wir weggeschickt hatten, hatte uns angezeigt. Wir hätten versucht, sie auf der Toilette zu vergewaltigen, so ihr Vorwurf. Die Polizisten kamen zu dem Schluss, dass das gar nicht möglich war so, wie es die Frau geschildert hatte.

Einer der schlimmsten Tage war, als der "Zur Freiheit"-Schauspieler Ernst (Solo) Hannawald 1986 bei einem Autounfall direkt vor dem Adria verunglückte. Seine Verlobte Lucie und zwei Freunde kamen ums Leben. Hannawald selbst überlebte knapp.

Ab 2000 kam der Umbruch. Die Zeiten änderten sich, die Chefs waren alt, fast 80. Da will man sich nicht mehr erneuern. Das Adria war abgenutzt, ein bisschen schmuddelig. Der Kellner mag die Seele eines Ladens sein, aber das alleine reicht nicht – irgendwann geht diese Seele verloren. Stammgäste starben weg, neue kamen wenige nach. 2007 war dann erstmal Schluss.

2009 wurde das Adria unter neuem Besitzer wiedereröffnet. Eine Zeit lang lief alles gut, das Innere wurde renoviert, junge Leute schauten vorbei. Vor ein paar Jahren wechselte der Besitzer, von da an ging’s bergab. Vor zwei Wochen wurde das Restaurant geschlossen. Sang- und klanglos. Ich finde es schade, dass diese Institution nun weg sein soll. Wenn 36 Jahre lang Kopf, Geist und alle Moleküle mit einem Laden verbunden sind, ist es schwer zu glauben, dass auf einmal alles vorbei sein soll.


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