Bayern: Expedition zum Kältepol

Der Funtensee gilt als der kälteste Ort Deutschlands. Wanderer sollte das aber nicht schrecken.
von  Dorothee Fauth aus Schönau

Schönau - Es ist einer dieser Tage, wie man sie sich im Traum vorstellt: 23 Grad, endloser Sonnenschein, der Himmel tintenblau. Ausgerechnet an diesem Paradewanderwettertag wollen wir eine Expedition zum kältesten Ort Deutschlands wagen. Der befindet sich am Funtensee, mitten im Gebirgsmassiv des Nationalparks Berchtesgaden. Was packt man ein für diesen Kältepol, an dem im Winter 2001 mit minus 45,9 Grad Celsius die tiefste jemals in Deutschland registrierte Temperatur gemessen wurde? Skiunter­wäsche, Anorak, Mütze und Schal wanderten ins Gepäck. Einem Ort wie diesem ist sicher auch bei schönem Wetter nicht zu trauen. Am Morgen in Schönau am Königssee, dem Ausgangspunkt der Tour: Der Tag beginnt unfreundlich grau und ein wenig gespenstisch. Es fehlt der See. Eine dicke Nebelwand schottet ihn ab wie einen zu viel begafften Popstar.

200 Bergwanderer finden hier einen Schlafplatz

Zu so früher Stunde hat er offensichtlich noch keine Lust auf Japaner in Schläppchen und gestiefelte Wandersleute. Doch wer die Dreieinhalb-Stunden-Tour zum Funtensee gehen will, muss zuvor übers Wasser nach St. Bartholomä, und als unser Schiff in der Mitte des Königssees angekommen ist, gewinnt die Sonne die Oberhand und löst das nebulöse Versteckspiel auf. Über die Felswand des Burgstalls und durch den urwaldartigen Nationalparkwald mit seinen riesigen, moosbewachsenen Steinmurmeln gelangen wir zur berüchtigten Saugasse, einem steilen Trichter zwischen Felswänden mit zahlreichen Kehren. Wir sind mental gut vorbereitet - wie einst ein Jan Ullrich vor der entscheidenden Bergetappe. Am Ausgang der Saugasse sind wir so platt und durchgeschwitzt wie der Radsportler. Bergwald wächst in dieser Vegetationszone, und als dieser immer lichter wird, gut 1000 Höhenmeter über St. Bartholomä, ist es nicht mehr weit, bis das Kärlingerhaus in einem Hochtal auf 1635 Metern vor uns liegt. Was hatten wir erwartet am kältesten Ort Deutschlands? Eine einsame, wüste Gegend, in der sich Gams und Murmeltier in eisiger Kälte zitternd gute Nacht sagen? Letztere sind dort wohl zu beobachten, aber allein ist man hier bei schönem Wetter nicht, obwohl das Kärlingerhaus noch zu den wenigen Alpenhütten ohne Zufahrtsstraße gehört. 200 Bergwanderer finden in dem mächtigen Gebäude einen Schlafplatz.

Unterhalb der Berghütte ist eine Senke mit Wasser vollgelaufen. Inmitten des Steinernen Meeres wirkt der 3,5 Hektar kleine Funtensee wie eine Pfütze. Unweit des Ufers hat der Schweizer Meteorologe Jörg Kachelmann eine Wetterstation errichtet. Siegfried Hinterbrandner und seine Frau Gabi sind die Hüttenwirte im Kärlingerhaus. In der Hochsaison ist das ein 18-Stunden-Job, an sieben Tagen in der Woche. Der erfahrene Alpinist kennt das Wetterphänomen am Funtensee: „Ein Mikroklima“, erklärt er, „das ist nicht repräsentativ für die Umgebung.“ Dadurch, dass der See in einer tiefen Senke liegt und von Bergen umschlossen ist, sammelt sich dort die schwere Kaltluft, während die Restwärme in klaren Nächten nach oben entweicht. Vor allem bei geschlossener Schneedecke und Windstille entstehen so extreme Temperaturen. „Sobald ein Windstoß hineinfährt, ist alles vorbei“, weiß Hinterbrandner. Wie die Rekordmessung zustande kam, daran erinnert sich Helmut Franz, Klima­experte bei der Nationalparkverwaltung Berchtesgaden, noch genau. Dass sie nicht über die Wetterstation ermittelt wurde, ist ein nettes Detail am Rande. „Als abzusehen war, dass es sehr kalt werden würde, ließ sich Herr Kachelmann an Weihnachten 2001 zum Funtensee fliegen. Sein Handthermometer zeigte ein Grad weniger an als der Wert, den der Deutsche Wetterdienst ermittelte.“ Damit war die Sensation perfekt. Franz glaubt, dass es noch weitere Orte in den Alpen gibt, an denen ähnliche Tiefstwerte gemessen werden könnten - wenn einer messen würde.

„Mit so einem Monsterföhn würde die Energieversorgung zusammenbrechen“

Ein besonderer Ort ist der Funtensee dennoch. An kalten Wintertagen beträgt der Temperaturunterschied zwischen dem See und der 30 Meter höher gelegenen Hütte bis zu zehn Grad, 100 Meter oberhalb, dort, wo man das Hochtal Richtung Saugasse verlässt, sind es sogar 27 Grad. Dass am Funtensee zudem die Baumgrenze auf den Kopf gestellt ist, gibt Anlass für unterschiedliche Theorien. Oberhalb der Hütte wachsen Nadelhölzer, unten beim See ist es kahl. Helmut Franz vermutet, dass die Ursache hierfür nicht die niedrigen Temperaturen sind, sondern dem Umstand geschuldet sei, dass das Gelände rund um den See einst für Weidefläche abgeholzt wurde. „Bewiesen ist das aber nicht“, räumt er ein. „Für mich ist die vorausschauende Logistik die größte Herausforderung hier, denn alles, jedes Holzscheit, muss mit dem Hubschrauber heraufgeflogen werden“, erzählt Hinterbrandner, als wir in der Küche sitzen, wo seine Frau Gabi das Abendessen kocht. Trotzdem ging eines Tages das Spülmittel aus. „Da musste mal eben einer runterlaufen und einen Zehn-Liter-Kanister holen. Es hat meinen Cousin getroffen, der auch hier arbeitet“, sagt er grinsend. Was die Leute dagegen freiwillig 1000 Höhenmeter über Stock und Stein schleppen, löst bei Hinterbrandner so manches Mal Kopfschütteln aus. „Einmal suchte eine Dame verzweifelt eine Steckdose für ihren riesigen Haarföhn“, erinnert er sich. Es gibt aber gar keine Steckdosen in den Zimmern des Kärlingerhauses. „Mit so einem Monsterföhn würde die Energieversorgung zusammenbrechen“, sagt der Hüttenwirt.

Strom erhält das Haus von der Sonne, Frischwasser aus zwei Quellen, die mit UV-Licht entkeimt werden. Außerdem gibt es ein Blockheizkraftwerk und eine Abwasserkläranlage - ganz schön viel moderne Technik in diesem abgelegenen Winkel der Alpen. Das Duschen bleibt jedoch immer ein Wettlauf gegen den Münzautomat und sorgt so für einen Rest echtes Hüttenfeeling. Nach drei Minuten ist schlagartig Schluss mit warmem Wasser - der Automat befindet sich im Flur. Als wir nach Gabi Hinterbrandners Hirschgulasch mit Knödeln in die Nacht hinaustreten, ist es empfindlich kalt. Wir dokumentieren mit unserem Thermometer 3 Grad, und sind erstmals dankbar über unsere subarktische Ausrüstung. Am nächsten Morgen blühen Eisblumen an der Fensterscheibe unseres Zimmerlagers, und die Almwiesen sind überfroren. Doch dann klettert die Sonne über die Bergkämme und spannt einen wolkenlosen Himmel auf. Am Funtensee beginnt ein weiterer sommerlicher Tag.  


Übernachten
Das Kärlingerhaus bietet Platz für 200 Personen und ist von circa Ende Mai bis Mitte Oktober bewirtschaftet. In jedem Fall warme Jacke mitnehmen, es kann oben auch im Sommer kalt werden: Telefon 0 86 52 / 6 09 10 10, außerhalb der Saison Telefon 0 86 50 / 513. Preis Zimmerlager 24 Euro, Matratzenlager 18 Euro, halber Preis für DAV-Mitglieder. Reservierungen nur unter www.kaerlingerhaus.de .

Wandern
Die Tour ab Sankt Bartholomä über die Saugasse ist technisch einfach, erfordert aber gute Kondition. Gehzeit: 3,5 bis vier Stunden. Etwas schwieriger, aber landschaftlich sehr reizvoll ist der Aufstieg ab Salet über die Wasseralm. Gehzeit sieben Stunden, Voraussetzung: Trittsicherheit und Schwindelfreiheit.

Schifffahrt
Die Tickets ab Schönau (und zurück) kosten nach Sankt Bartholomä 13,30 Euro, nach Salet 16,30 Euro. Mehr unter www.seenschifffahrt.de .

Was man tun und lassen sollte
Auf jeden Fall die Morgensonne auf der anderen Seeseite gegenüber dem Kärlingerhaus genießen. Ideal zum Fotografieren.

Auf keinen Fall an beliebten Sommerwochenenden wandern, da kann es oben sehr voll werden.

Allgemeine Informationen
www.berchtesgadener-land.com ,
www.nationalpark-berchtesgaden.de .