Interview

Walter Strohmaier: "Es werden noch einige Banken verschwinden"

Nullzinsen, Strafzinsen, Corona-Pandemie und dazu eine aufstrebende Konkurrenz aus dem Internet - die deutsche Bankenlandschaft ist im Wandel. Nicht alle Kreditinstitute werden das überleben.
von  Hubert Obermaier
Das Logo der Sparkasse. Der Druck auf die etablierten Banken, Sparkassen und Genossenschaftsbanken wird hierzulande immer größer.
Das Logo der Sparkasse. Der Druck auf die etablierten Banken, Sparkassen und Genossenschaftsbanken wird hierzulande immer größer. © imago images/Marius Schwarz

München - Walter Strohmaier im AZ-Interview: Der 55-Jährige ist seit 2018 Bundesobmann aller deutschen Sparkassen. Der Chef der Sparkasse Niederbayern-Mitte ist Sprachrohr und einer der obersten Spitzenfunktionäre der Sparkassenorganisation.

AZ: Herr Strohmaier, wie hart wird die Corona-Krise die deutschen Sparkassen treffen?
WALTER STROHMAIER: Die aktuelle Corona-Pandemie wird sich auch noch mit aller Wucht in den Bilanzen der deutschen Kreditwirtschaft niederschlagen. Denn: All die Flugzeuge, die seit Monaten nicht mehr fliegen, die Schiffe, die größtenteils nicht mehr fahren, die Hotels, die leer stehen, die Einkaufs-Malls, die nicht mehr im erforderlichen Maße frequentiert werden, sind in der Regel irgendwo finanziert bei Kreditinstituten in unserer Volkswirtschaft. Diese Einschläge werden kommen. Davon müssen wir ausgehen.

Der 55-jährige Walter Strohmaierist seit 2018 Bundesobmann aller deutschen Sparkassen. Der Chef der Sparkasse Niederbayern-Mitte ist Sprachrohr und einer der obersten Spitzenfunktinäre der Sparkassenorganisation.
Der 55-jährige Walter Strohmaierist seit 2018 Bundesobmann aller deutschen Sparkassen. Der Chef der Sparkasse Niederbayern-Mitte ist Sprachrohr und einer der obersten Spitzenfunktinäre der Sparkassenorganisation. © hub

EZB-Zinspolitik führt zu massiven Ertragsausfällen

Sind die Sparkassen darauf vorbereitet?
Ja, gewiss. Wir haben in den zurückliegenden Jahren gut gewirtschaftet und verfügen daher über eine entsprechende Eigenkapitalausstattung. Deshalb haben wir in den Sparkassen auch ausreichend Reserven, die vermutlich erforderlich werden, um die Einschläge abfedern zu können. Dramatische oder existenzbedrohende Folgen erwarte ich nicht. Die Einschläge werden wir aushalten, davon bin ich überzeugt. Dabei kommt uns auch die Dezentralität unserer Sparkassenorganisation zugute, die gerade nicht eine Zersplitterung von Kräften bedeutet, sondern genau das Gegenteil, nämlich eine Vervielfachung von Kräften in alle Winkel der Republik.

Wie sehr belastet die Niedrigzins- und Strafzinsstrategie der Europäischen Zentralbank die Sparkassen?
Dieses Zinsniveau macht den deutschen Kreditinstituten richtig Stress. Es belastet uns betriebswirtschaftlich aktuell nach wie vor wesentlich stärker als die Auswirkungen der Corona-Pandemie. Denn vor allem bei den Sparkassen und Genossenschaftsbanken machen die Zinserträge immer noch knapp dreiviertel all ihrer Einnahmen aus. Daher führt die EZB-Zinspolitik zu massiven Ertragsausfällen. Auch die deutschen Sparer erleiden aufgrund der Nullzinsen schon seit Jahren leider einen realen Vermögensverlust. Infolge der enormen Verschuldung der öffentlichen Hand ist davon auszugehen, dass die Zinsen noch eine ganze Weile so niedrig bleiben werden. Das wird hierzulande auch die strukturelle Veränderung in der Kreditwirtschaft beschleunigen, die oftmals zitierte Konsolidierung in der deutschen Finanzwirtschaft wird unter anderem auch dadurch "befeuert".

"In zwei Jahren sind rund 400 Banken verschwunden"

Also Filialsterben und Personalabbau auf breiter Flur?
Bei allem Verständnis für eine gewisse Betroffenheit bei strukturellen Veränderungen sollten wir die Diskussion meines Erachtens etwas höher hängen. Es geht in den nächsten Jahren nicht darum, ob die eine oder andere Filiale geschlossen wird, sondern um die Frage, ob ganze Finanzunternehmen in und aus Deutschland verschwinden. Und da werden auch einige in Deutschland verschwinden.

Liegt es nicht auch daran, dass es nach Meinung von Experten in Deutschland zu viele Banken gibt?
Selbst die Bankenaufsicht attestiert den Unternehmen vielerorts eine zu geringe Ertragskraft. Das mag daran liegen, dass Deutschland im weltweiten und vor allem europäischen Vergleich als "overbanked" gilt. Deshalb wird sich der bereits von mir erwähnte Konsolidierungsprozess weiter fortsetzen. Im Übrigen: Dieser Prozess ist schon voll im Gang. Gab es vor rund zwei Jahren noch über 1.900 Kreditinstitute, waren es Ende 2020 noch etwas mehr als 1.500 in Deutschland. Das heißt: In den vergangenen zwei Jahren sind rund 400 selbstständige Banken und Sparkassen verschwunden. Und dieser Trend wird weitergehen. Vermutlich sogar noch in einem schnelleren Tempo.

Warum?
Neben den negativen Einschlägen in Folge der Corona-Krise und den enormen Ertragsausfällen aufgrund der EZB-Zinspolitik drängen ganz neue Wettbewerber, oftmals völlig unregulierte Wettbewerber auf den europäischen und vor allem deutschen Finanzplatz.

"Google, Amazon und Co. sind alles andere als nachhaltig"

Wer ist denn nun der Albtraum der deutschen Banken?
Diesbezüglich habe ich keinen Albtraum. Ich respektiere jeden Wettbewerber, aber fürchte niemanden. Ich kritisiere nur eine gewisse Ungleichbehandlung. Wenn ich sehe, wie die traditionelle Kreditwirtschaft beaufsichtigt und mit nationalen Gesetzesvorgaben konfrontiert wird, genießen im Gegensatz dazu die weltweiten "Big Techs" und die vielen Fintechs oftmals "Welpenschutz". Wenn diese Unternehmen schon mehr und mehr in unsere Geschäftsfelder vordringen, dann müssen diese auch denselben Aufsichts- und Gesetzespraktiken unterliegen wie die traditionelle Kreditwirtschaft. Gleiches Recht für alle.

Und worin liegt nun die eigentliche Gefahr?
Wie gerade angesprochen in der Ungleichbehandlung, aber meines Erachtens wird die Langzeitwirkung völlig unterschätzt. Denn die Plattformen dieser Big-Tech-Giganten entwickeln sich zu einem Plattformkapitalismus, indem sie die bisher gewohnte liberale Ökonomie revolutionieren. Sie sind gerade dabei, die gewohnten Regeln des freien Marktes über Bord zu werfen. Denn durch die Gewinnung riesiger Datenmengen beeinflussen diese Giganten wie Google, Apple, Facebook und Amazon und Co. nicht nur das Verbraucherverhalten, sondern bauen sich dadurch mehr und mehr einen - und zwar ihren eigenen - Markt auf, ohne dass der Verbraucher, besser gesagt Nutzer, dies merkt. Das Fatale daran: Dem einzelnen Verbraucher ist gar nicht bewusst, wie sehr er seine eigene Entscheidungsfreiheit einschränkt. Das macht mir Sorge.

Giganten als Gewinner in Corona-Pandemie

Welche Folgen hat das?
Es ist fast schizophren, dass ausgerechnet diese Giganten bereits jetzt zu den Gewinnern der weltweiten Corona-Pandemie gehören, und sie verwenden diese Gewinne, um weitere für sie lukrative Geschäftsfelder zu erschließen. Der Verbraucher und Nutzer dieser im ersten Augenblick komfortableren Dienstleistungen auf der Plattform trägt somit indirekt dazu bei, dass der stationäre Wettbewerb mangels Nachfrage mehr und mehr wegbrechen wird. Dies erlebt unsere Gesellschaft schon seit geraumer Zeit im Einzelhandel und dies wird auch auf andere Branchen übergreifen. Auch in unserer Branche ist dies bereits seit längerem sichtbar; in der Konsequenz werden mehr und mehr Filialen geschlossen.

Wie reagieren die Sparkassen auf die Netz-Konkurrenz?
Die Plattformen von Google, Amazon und Co. sind alles andere als nachhaltig. Hier kann auch eine Chance für regionale Banken und Sparkassen liegen, weil ich davon überzeugt bin, dass sich der Verbraucher nicht völlig diesen weitgehend anonymen Giganten ausliefern und seine finanzwirtschaftlichen Daten vollkommen preisgeben wird. Es muss uns daher gelingen, als modernes Geldinstitut im Servicebereich auf der Digitalisierungsklaviatur mitzuspielen und zugleich mit der persönlichen Beratung für den Kunden einen Mehrwert zu schaffen. Bis jetzt sind wir auf einem guten Weg. Digitalisierung heißt aber auch: Dort, wo der Kunde ein digitales Angebot haben möchte, müssen wir dieses auch anbieten. Gleichzeitig können wir dort, wo unsere Dienstleistungen nicht mehr in erforderlichem Maße nachgefragt werden, diese dauerhaft einstellen.