Untersuchungsausschuss zum Bilanzskandal Wirecard startet

Es ist der wohl größte Betrugsskandal der Nachkriegsgeschichte. Die Aufsichtsbehörden führte der Dax-Konzern Wirecard an der Nase herum. Ein Untersuchungsausschuss soll nun aufklären, was schief lief - und ob man Wirecard etwa sogar bewusst mit Samthandschuhen anfasste.
| dpa
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Nach bisherigem Stand der Ermittlungen machte Wirecard jahrelang Verluste.
Nach bisherigem Stand der Ermittlungen machte Wirecard jahrelang Verluste. © Peter Kneffel/dpa
Berlin

Im Bundestag startet heute (15.00 Uhr) der mit Spannung erwartete Untersuchungsausschuss zum spektakulären Bilanzskandal rund um den ehemaligen Dax-Konzern Wirecard.

Die Abgeordneten wollen in den kommenden Monaten unter anderem herausfinden, ob das deutsche Fintech-Unternehmen als aufstrebender Börsenstar und Finanzkonzern von den Aufsichtsbehörden trotz Hinweisen auf Unregelmäßigkeiten mit Samthandschuhen angefasst wurde.

Der inzwischen insolvente Dax-Konzern hatte im Sommer Luftbuchungen von 1,9 Milliarden Euro eingeräumt. Die Firma saß als Dienstleister für bargeldlose Zahlungen an Ladenkassen und im Internet an der Schnittstelle zwischen Händlern und Kreditkartenfirmen - in einem hart umkämpften Markt.

Nach bisherigem Stand der Ermittlungen machte Wirecard jahrelang Verluste. Die Münchner Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass das Unternehmen seit 2015 Scheingewinne auswies. Mehr als drei Milliarden Euro könnten verloren sein. Die Finanzaufsicht Bafin und eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft stehen in dem Fall in der Kritik.

Der Skandal offenbare, "wie die Sehnsucht nach einem Fintech "Made in Germany" die Bundesregierung, Aufseher und die Landesregierung Bayern blind gemacht hat", sagte der Obmann der Linken im Ausschuss, Fabio De Masi, vor dem Start. Zentrale Fragen bei der politischen Aufarbeitung des Falles wird sein, wann genau die Bundesregierung von Unregelmäßigkeiten wusste und ob sie zu wenig dagegen unternommen hat.

Finanzminister Olaf Scholz hat als Reaktion auf den Skandal zusammen mit Justizministerin Christine Lambrecht (beide SPD) bereits einen Aktionsplan für eine Reform der Finanzaufsicht vorgelegt. Die Opposition wirft ihm allerdings vor, damit von eigenem Versagen als oberster Chef der Finanzaufsicht ablenken zu wollen. Er verstecke sich hinter Wirtschaftsprüfern und angeblichen Gesetzeslücken.

Es gilt als sicher, dass Scholz im Untersuchungsausschuss als Zeuge geladen wird - wie wohl auch Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und sogar Kanzlerin Angela Merkel, die sich noch im vergangenen Herbst bei einer China-Reise für Wirecard ins Zeug gelegt hatte. Ein Untersuchungsausschuss hat mehr Rechte als gewöhnliche Bundestagsausschüsse. Er kann Zeugen und Sachverständige vernehmen und Akteneinsicht verlangen.

Umstritten ist derzeit, wer den Untersuchungsausschuss leiten soll. Nach parlamentarischen Gepflogenheiten stünde die Leitung der AfD-Fraktion zu, die dafür ihren Finanzpolitiker Kay Gottschalk nominiert hat. Offen ist allerdings, ob die anderen Ausschussmitglieder ihn auch wählen. Das solle jeder selbst entscheiden, betonte der Obmann der Union im Ausschuss, Matthias Hauer. Entscheidend sei, dass der Ausschuss die Aufklärung vorantreibe - und dabei sei die AfD bislang kaum aufgefallen.

© dpa-infocom, dpa:201008-99-866548/2

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