Interview

"helpcheck"-Gründer Peer Schulz klärt auf: Was taugt der Anwalt aus dem Netz?

"Legal Tech" unterstützt Verbraucher dabei, schneller zu ihrem Recht zu kommen. Worauf muss man dabei achten? Ein Gründer erklärt es.
von  Ruth Schormann
Peer Schulz: Der 32-jährige Düsseldorfer studierte Betriebswirtschaft in London sowie Paris und gründete 2016 mit seinem Studienfreund Phil Sokowicz die Legal-Tech-Plattform helpcheck.
Peer Schulz: Der 32-jährige Düsseldorfer studierte Betriebswirtschaft in London sowie Paris und gründete 2016 mit seinem Studienfreund Phil Sokowicz die Legal-Tech-Plattform helpcheck. © privat

Fehlerhafte Lebensversicherungen widerrufen, die Mietpreisbremse durchsetzen oder Tickets erstatten lassen: Das ist für Laien oft mit viel Ärger, Arbeit und Aufwand - oder zumindest einem Termin in einer Anwaltskanzlei - verbunden.
Hier sollen Internet-Dienste wie "helpcheck" manches leichter und den Gang zum Anwalt überflüssig machen. In der AZ erklärt der Gründer der Plattform, was es mit "Legal Tech" auf sich hat und wo ihre Grenzen liegen.

AZ: Herr Schulz, viele haben davon noch nie gehört: Legal Tech. Was genau hat es denn damit auf sich?
PEER SCHULZ: Tatsächlich ist Legal Tech ein relativ neuer Begriff, der in Deutschland noch nicht so weit verbreitet ist. Wir sind mit unserer Firma 2016 gestartet. Wenn man das damals gegoogelt hat, fand man nur englischsprachige Artikel. Der Begriff Legal Tech steht im weitesten Sinne für die Automatisierung von Rechtsdienstleistungen.

"Ermöglichen Verbrauchern einfachen Zugang zum Recht auf Erfolgsbasis"

Wie sind Sie, der Sie ja Betriebswirt und kein Jurist sind, darauf gekommen?
Ich habe 2016 gelesen, dass Abermillionen von Lebensversicherungsverträgen in Deutschland fehlerhaft sind und dass Versicherungsnehmerinnen und Versicherungsnehmern viele Rückzahlungen zustehen. Im Familienkreis habe ich rumgefragt: "Habt ihr davon gehört, seid ihr zum Anwalt gegangen?" Neun von zehn scheuten die Kosten und hatten keine Lust, sich darum zu kümmern. Und genau da setzen Legal Technology und unser Portal an: Wir ermöglichen Verbrauchern einen einfachen Zugang zum Recht auf Erfolgsbasis. Und auf der anderen Seite haben wir Partnerkanzleien, die wir durch Software und Automatisierungen unterstützen, sodass die Fälle sehr effizient bearbeitet werden können.

Das heißt, am anderen Ende der Leitung sitzt schon ein richtiger Anwalt, der sich um meinen Fall kümmert?
Wenn man sich angemeldet hat, kann man Unterlagen und Eckdaten hochladen zu seinem Vertrag und nach zwei, drei Tagen erhält man die Prüfungsergebnisse, die die Frage beantworten, ob der Vertrag fehlerhaft ist, ob einem ein Anspruch zusteht auf Rückzahlungen - und wie hoch die wären. Es ist aber so, dass in Deutschland diese Anspruchsprüfung ein Berufsträger durchführen muss, also ein Anwalt. Bei uns ist das Ganze soweit automatisiert, dass der Anwalt nur noch mit unserem System Fragen zu dem jeweiligen Vertrag beantworten muss und nicht mehr Papier-Akten in Ordnern durchgehen. Er schickt den Vertrag durch eine Matrix mit über 700 Urteilen und schaut, auf welches davon die Konstellation im jeweiligen Vertrag zutrifft.

"Legal Tech soll Anwalt nicht ersetzen"

Und dann?
Unsere Partnerkanzleien gehen dann vor Gericht, es gibt auch Verträge, bei denen wir eine sehr hohe außergerichtliche Einigungsquote haben.

Das heißt, durch Online-Unternehmen wie Ihres werden nicht reihenweise Anwälte arbeitslos?
Nein. Wir finden, die anwaltliche Tätigkeit soll der Anwalt machen, wir sehen uns da als Internetunternehmen, das Hilfestellung bietet. Es wird immer Themen geben, die der Computer nicht bearbeiten kann. Legal Tech soll den Anwalt nicht ersetzen, aber gerade in Kanzleien gibt es viele repetitive Aufgaben, die ein ausgebildeter Anwalt nicht machen muss. Hier unterstützt eben Legal Tech, um das Ganze effizienter zu gestalten.

"Wir legen hohen Wert auf Sicherheitsstandards"

Sicherlich gibt es viele Vorbehalte gegen Neues wie Legal Tech - etwa, was die Datensicherheit angeht.
Ja, wir legen hohen Wert auf Sicherheitsstandards, weil es um sensible Daten geht, die die Kunden einreichen. Da sind wir zum Beispiel Tüv-zertifiziert.

Die Europäische Verbraucherzentrale warnte kürzlich davor, dass manche Legal-Tech-Unternehmen nicht ganz seriös arbeiten.
Wichtig ist eine kostenlose Ersteinschätzung, dass man vorab nichts zahlen muss und dass das Honorar eben auf Erfolgsbasis bezahlt wird.

Das heißt, wenn ich keine Entschädigung bekomme, muss ich auch nichts an das Legal-Tech-Unternehmen bezahlen?
Genau, man sitzt quasi im gleichen Boot.

Es gibt Plattformen wie flightright, die sich auf Ticket-Erstattungen spezialisiert haben. In welchen Fällen hilft helpcheck?
Aktuell helfen wir bei fehlerhaften Lebensversicherungen, bei denen wahnsinnig viele betroffen sind. Außerdem bei Immobilienfinanzierung und Kreditverträgen und - auch wegen Corona - neuerdings bei Kündigungs-Abfindungen.