20 Jahre Wikipedia: Emanzipation einer Toilettenwand

Wissen schaffen und kostenlos teilen: Die Online-Enzyklopädie Wikipedia wird 20 Jahre alt. Ein Erfolg mit Tücken
von  Florian Koch
Die beliebte Internet-Enzyklopädie wurde heute vor 20 Jahren von Jimmy Wales und seinen Kollegen gegründet.
Die beliebte Internet-Enzyklopädie wurde heute vor 20 Jahren von Jimmy Wales und seinen Kollegen gegründet. © picture alliance/dpa

Surfer auf Hawaii. Wetter-Moderator und Fashion-Redakteur. Für einen Mann, der bereits 428 v. Chr. geboren wurde, war Platon seiner Zeit weit voraus. Und ja, diese Berufszweige klingen vielleicht ein wenig sexyer als etwa der Status eines profunden Erkenntnistheoretikers, falsch sind sie dennoch.

Zu lesen waren diese amüsanten Unterstellungen noch vor einigen Jahren auf Wikipedia. Dabei handelte es sich um alberne und kurzlebige Einfügungen von Scherzkeksen, die heute, 20 Jahre nach der Gründung der bekanntesten und erfolgreichsten Web-Enzyklopädie, undenkbar wären. Warum dem so ist, lässt sich mit einem kurzen Abriss der Geschichte von Wikipedia begründen. Die Geburt des Online-Nachschlagewerks war keine leichte.

Wikipedia-Vorgänger "Nupedia" wurde ein teurer Flop

Die geistigen Väter von Wikipedia, der US-Unternehmer Jimmy Wales und der Programmierer und Philosoph Larry Sanger trugen bereits vor der Gründung die Idee mit sich herum, das Wissen der gesamten Menschheit jedem einzelnen Menschen zugänglich zu machen. Ihr aufwändiges Enzyklopädie-Projekt Nupedia entwickelte sich jedoch zu einem teuren Flop, da das Konzept - hohe Qualitätsstandards durch die Mitarbeit von Wissenschaftlern - einfach nicht praktikabel war.

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales.
Wikipedia-Gründer Jimmy Wales. © Zachary McCune/Wikimedia Foundation

Auf Initiative des Programmierers Ben Kovit erarbeiten Wales und Sanger dann mit Hilfe der neuartigen Wiki-Software ein Nebenprojekt, mit dem es möglich war, dass jeder Interessierte selber Artikel erstellen und bearbeiten konnte.

Am 15. Januar 2001 war damit Wikipedia geboren und wurde zur Überraschung von Wales und Sanger schnell zum Erfolgsmodell. Bereits ein Jahr nach der Einführung der Website waren 20.000 Artikel verfasst.

Das Credo von Wales, Wissen bei Einhaltung der Kriterien Relevanz und Neutralität möglichst schnell allgemein zugänglich zu machen aber führte analog zur Gründung von Facebook zum Bruch mit dem heute selbst ernannten Ex-Wikipedianer Sanders. Der zog aus seiner Befürchtung, dass Querulanten den eigenen Anspruch der Wissensvermittlung langfristig zerstören würden, die Reißleine. Wales jedoch ist auch heute noch, wie er in Interviews mantraartig erklärt, beseelt von der Idee, Wissensvermittlung nicht einer Elite zu überlassen, sondern kostenlos und demokratisch zu teilen.

58 Millionen Artikel in 300 verschiedenen Sprachen

Und der Erfolg scheint ihm Recht zu geben. Bisher wurden auf Wikipedia bereits 58 Millionen Artikel in 300 Sprachen verfasst, haben sich 92 Millionen User bei der Plattform als Autoren registriert. Fürwahr beeindruckende Zahlen, die aber wie immer bei Erfolgsmodellen auch für Kritik sorgten.

Leidtragende des Wiki-Booms waren vor allem andere analoge Lexika und ihre Verlage. Führende Mitarbeiter der renommierten Encyclopædia Britannica bezeichneten Wikipedia laut Wales in der Vergangenheit sogar als eine "öffentliche Toilette" und an Universitäten gilt das Zitieren aus diesem Online-Nachschlagewerk bis heute als verpönt. Tatsächlich waren die Folgen besonders für klassische Enzyklopädien evident. Die letzte Ausgabe des Lexikons Brockhaus erschien 2005, der herausgebende Verlag wechselte mehrfach den Besitzer und verschwand schließlich vom Markt.

Desweiteren ist Wales' Anspruch nach unbedingter Neutralität gerade bei politischen Themen reiner Idealismus - oder hat heftige Konsequenzen. Als die hinter Wikipedia stehende, von Spenden abhängige Wikimedia Foundation von der türkischen Regierung für ihre angeblich subjektive Informationsstreuung im Syrienkonflikt kritisiert wurde, kam es zum Prozess. Den gewann die Wikimedia Foundation, die Plattform Wikipedia blieb unter der Präsidentschaft Erdogans jedoch vom 30. April 2017 an für zweieinhalb Jahre gesperrt.

Und auch in anderen autokratischen Ländern wie China, Iran oder Usbekistan ist die Seite für die Bevölkerung nicht erreichbar. Zu Problemen kommt es gerade auch beim Thema Verschwörungstheorien, die in den USA in der Pandemie vermehrter grassieren. Doch den Kampf gegen "Fake News" sieht Wales durchaus nicht als hoffnungslos an: "Es ist recht schwer, die Wikipedia-Gemeinschaft an der Nase herumzuführen", meint der Wikipedia-Gründer gegenüber dem NDR. "Seit Jahren beschäftigen und diskutieren wir unsere Quellen. Es kommt auf die Gemeinschaft an. Quellen und Bestätigungen sind für uns ein zentrales Element."

Wer wacht eigentlich über die unzähligen Änderungen?

Diese "Gemeinschaft" ist es aber auch, die von Medienwissenschaftlern nicht zu Unrecht mit Argwohn beäugt wird. Denn wer überwacht eigentlich die unzähligen Änderungen, die an Artikeln in Wikipedia täglich durchgeführt werden. Hier setzen Wales und seine "neuen Welthistoriker", wie sich Wikipedianer gerne bezeichnen auf einen demokratischen Kontrollprozess in der Wikipedia-Gemeinschaft. So darf wirklich jeder Internet-User auf Wikipedia Artikel veröffentlichen, selbst wenn er nicht registriert ist. Nur muss er damit rechnen, dass der entsprechende Text von einem anderen Autor dann gleich wieder gelöscht wird.

Grundprinzip der anonym arbeiteten Wikipedianer (in Deutschland sind es etwa 20 000) ist die Angabe von Quellen. Auch muss die Relevanz, sprich ein vormaliger Lexikoneintrag oder zwei Veröffentlichungen in der Presse, gewährleistet sein. Sonst hätte wohl auch der Bäcker um die Ecke die Möglichkeit sein Geschäft auf Wikipedia zu bewerben. Der Schaltung von Werbung hat sich die auf Spenden angewiesene Wikipedia Foundation jedoch immer verweigert.

Doch die demokratisierten Kontrolloptionen haben auch ihre Tücken, wie es bereits Jan Böhmermann in einer Folge seines ZDF Magazins Royale herausarbeitete. Da wollte doch die Münchner Schriftstellerin Theresa Hannig eine Liste weiblicher Science-Fiction-Autorinnen auf Wikipedia erstellen. Ihre Liste aber wurde von anderen, vor allem männlichen Wikipedianern als überflüssig angesehen, der Artikel kurzzeitig sogar gelöscht.

Die Frage nach der Relevanz von Hannigs Anliegen und die dabei gleichzeitig vorliegende männliche Ignoranz arbeitete Böhmermann dann auf den Fall bezogen genüsslich auf, als er feststellte, dass es auf Wikipedia durchaus überflüssige Listen gäbe, wie zum Beispiel über "Schiffe mit dem Namen Amazone". Und tatsächlich ist das Klischee vom männlichen, weißen Nerd, der abends noch genügend Zeit fürs - nicht bezahlte - Texten hat, auch bei Wikipedia erfüllt, wo es unter den registrierten Autoren nur zehn Prozent Frauen gibt.

92 Millionen registrierte User, aber nur 3.500 Admins

Das aus George Orwells "Animal Farm" bekannte Zitat: "Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher als andere" trifft dann auch auf Wikipedia zu, wo auf 92 Millionen registrierte User weltweit nur etwa 3.500 Admins, also Wikipedianer mit Sonderrechten wie die Möglichkeit des Blockens, kommen. Dennoch sind die Fälle eklatanter Fauxpas, wie die böswillige Unterstellung, dass der Journalist John Seigenthaler am Attentat auf John F. Kennedy beteiligt gewesen sei, seltener geworden, bleibt die Einflussnahme von Unternehmen auf kritische Details ihrer eigenen Geschichte zwar Thema, wird auch aufgrund der wachsenden Anzahl wacher Wikipedianer aber rascher aufgedeckt.

Dennoch bleibt die Frage nach der Zukunft von Wikipedia spannend, werden neue Finanzierungsmodelle und die Ideen von einst in Schweden ausprobierten Bots, einer unabhängigen Software, die autonom auf das Internet zugreift und Wissenslücken auffüllen soll, durchgespielt. Immer noch ungeklärt ist auch der Umgang mit der "Oral History", einer gerade in Afrika gängigen Praxis der Geschichtsvermittlung mittels Zeitzeugen, die sich eben nicht so leicht verschriftlichen und belegen lässt.

Wales selbst sieht die größte Herausforderung für Wikipedia aber ganz woanders, im Schutz journalistischer Qualitätsstandards. "Ohne guten Journalismus kann der erste Entwurf aktueller Geschichte nicht festgehalten werden. Das ist eine Herausforderung für unsere Gesellschaften. Wir müssen uns fragen, wie können wir die Finanzierung von gutem Journalismus sicherstellen?" Eine Frage, die nicht nur den Mitbegründer von Wikipedia noch länger umtreiben dürfte.


Für weitere Hintergründe zum Thema Wikipedia empfiehlt sich die sehenswerte Dokumentation "Das Wikipedia Versprechen" (frei verfügbar in der Mediathek von Arte)