Kia EV6 im Test: Schnelllader mit Charme und Chic

Der Kia EV6 kommt cool, modern und markant daher. Im AZ-Test muss die Basis-Motorisierung mit 170 PS und Heckantrieb zeigen, was sie kann.
von  Rudolf Huber
Fixer Lader: Die Aufenthalte an der Schnellzapfsäule sind dank der 800-Volt-Technik des Kia EV6 erfreulich kurz.
Fixer Lader: Die Aufenthalte an der Schnellzapfsäule sind dank der 800-Volt-Technik des Kia EV6 erfreulich kurz. © Rudolf Huber

München - Mit dem EV6 liegt Kia genau richtig. Das jüngste E-Auto der koreanischen Marke, eng verwandt mit dem Hyundai Ioniq 5, setzt nämlich auf fixe 800-Volt-Ladetechnik. Das hebt seinen technischen Anspruch auf das Niveau von Porsche Taycan oder Audi e-tron GT und deutlich über den des Nobel-Stromers Mercedes EQS.

Kia EV6: Crossover-Gefährt mit markantem Styling

Letzterer bringt es nämlich nur auf die allgemein üblichen 400 Volt und entsprechend lahmere Ladevorgänge. Kia kann oben mithalten – das ist die Botschaft, die der EV6 aus jeder Pore verströmt.

Das geht schon beim Design los. Statt den x-ten SUV auf die Räder zu stellen, hat das Team um Designchef Luc Donckerwolke ein stattliches, 4,68 Meter langes, 1,88 Meter breites und 1,55 Meter hohes Crossover-Gefährt mit Shooting Brake-Zitaten geschaffen. Die Übung darf als geglückt bezeichnet werden.

Der EV6 sieht richtig cool, modern und markant aus. Dank 2,90 Meter Radstand gibt es in Kia-Stromer reichlich Platz. Vorne sowieso, hinten macht sich nur der wegen der drunter gepackten Akkus recht flache Boden negativ bemerkbar – bei langbeinigen Mitmenschen klappt es mit der gewünschten Beinauflage nicht so ganz, das ist auf die Dauer lästig.

Kia EV6: Infotainment-Display ist einfach zu bedienen 

Genial gelöst: Das Infotainment-Display lässt sich mit einem Fingertipp auf die Klimatisierungs-Einstellung umswitchen und umgekehrt. Damit wird die Komplexität der Bedienung massiv runtergefahren und die Ablenkungsgefahr verringert. Ansonsten bieten das digitale Cockpit mit diversen Einstellmöglichkeiten und die Touch-Bedienung keine Überraschungen.

Alles lässt sich leicht nachvollziehen und merken. Die coolen 3D-animierten Anzeigen passen zum Technik-Anspruch des EV6. Zum Platzangebot zählt natürlich auch der Kofferraum – oder vielmehr: zählen die Kofferräume.

Denn vorne verbirgt sich unter einer Plastikklappe ein 52 Liter fassendes Fach etwa für die diversen Ladekabel oder den Netz-Adapter, mit dem sich der EV6 blitzschnell in eine Stromquelle für andere E-Autos, Ladegeräte für E-Bikes, für Bohrmaschine oder Elektrogrill verwandeln lässt – vorbildlich! Das variable Gepäckabteil hinten fasst zwischen 490 und 1.300 Liter, auch das passt.

Aber jetzt zur E-Technik. Im AZ-Test musste die Basis-Motorisierung mit 170 PS und Heckantrieb zeigen, was sie kann. Klar, angesichts eines Leergewichts von rund 2,3 Tonnen ist dieses Leistungsangebot nicht gerade übermäßig üppig. Aber dank des von jetzt auf gleich anliegenden Drehmoments von 350 Newtonmeter ist man auch mit dem Einstiegsmotor gut dabei.

Kia EV6: Reale Reichweite liegt bei rund 300 Kilometern

Gekoppelt ist er an eine Batterie mit 58 Kilowattstunden (kWh), die stärkeren Varianten bringen es auf 77,4 kWh. Laut Kia soll der EV6-Akku am Schnelllader mit maximal 240 kW binnen 18 Minuten von zehn auf 80 Prozent gefüllt werden können – unter idealen Bedingungen. Im Wintertest mit Temperaturen um die null Grad flossen trotz "warmgefahrener" Batterie nur bis zu 100 kW durchs Kabel – mit entsprechender Zeitzugabe.

Allerdings brach die Ladekurve nicht wie bei vielen anderen Stromern bei 50 oder 60 Prozent drastisch ein, sie hielt sich wacker bis fast 80 Prozent. Ebenfalls eine Frage der Außentemperatur: Die reale Reichweite lag statt der versprochenen knapp 400 nur bei rund 300 Kilometern. Das ist nicht üppig, aber wegen der exakten Restreichweiten-Anzeige und der flotten Ladetechnik kann man damit ganz gut umgehen.

Kia EV6: Fahr- und Kurvenverhalten bei normaler Fahrweise betont neutral

Der Verbrauch des EV6 pendelte sich über eine Strecke von rund 2.000 Kilometern bei knapp über 21 kWh ein – in der wärmeren Jahreszeit dürften auch ein paar Kilowatt weniger kein Problem sein.

Angenehm im Praxiseinsatz sind der per Paddles am Lenkrad zu steuernde Rekuperationsgrad und die drei Fahrmodi Eco, Normal, Sport. Die Lenkung des Strom-Koreaners ist soft abgestimmt, liefert aber noch ausreichend Rückmeldung.

Das Fahr- und Kurvenverhalten ist bei normaler Fahrweise betont neutral, wer es flotter angehen lässt, spürt gerade in engen Kurven das hohe Fahrzeuggewicht.

Kia EV6 - die Preise: Ab 44.900 Euro zu haben

Übrigens: Auch der Einstiegs-Kia EV6 kann bis auf 185 km/h beschleunigt werden, andere Hersteller bremsen ihre Stromer wegen des bei höherem Tempo drastisch steigenden Verbrauchs schon deutlich früher aus. Und der Vollständigkeit halber: 8,5 Sekunden vergehen beim Spurt von null auf 100 km/h.

EV6-Käufer müssen mindestens 44.990 Euro (vor Umweltprämie) auf den Tisch legen. Dafür gibt es neben einem wirklich gelungenen Neuzugang im E-Auto-Angebot schon einige angenehme Ausstattungsdetails wie das Batterievorheizsystem, den Fernlichtassistenten, einen Frontkollisionswarner (für Fahrzeuge, Fußgänger, Fahrradfahrer und mit Abbiegefunktion), Lenkrad- und Sitzheizung oder Klimaautomatik. Die schicke Außenlackierung des Testwagens in Interstellargrau Metallic kostet 720 Euro extra.