Wo kommen Sie denn her?

Der Flaneur betreibt Völkerkunde und bekommt dabei Probleme
von  Joseph von Westphalen
Schriftsteller Joseph von Westphalen schreibt für die AZ jede Woche seine Kolumne "Der Flaneur".
Schriftsteller Joseph von Westphalen schreibt für die AZ jede Woche seine Kolumne "Der Flaneur". © dpa

Von den Irren abgesehen, deren archaische Angst vor dem Fremden in Ausländerfeindlichkeit umgekippt ist und die schon bei dem Wort „Zuwanderung“ einen Zornkopf kriegen, ist es für die unvernagelten Normalbürger längst zu einer Selbstverständlichkeit geworden, dass sich nicht nur Einheimische und Touristen auf unseren Straßen tummeln. Wobei das Wort „Einheimische“ schon wieder nicht korrekt ist, weil sich nicht wenige Einwanderer in der zweiten Generation einheimisch fühlen.

Das Bild ist bunter geworden. Man muss kein Multikultiphantast sein, um die Farbigkeit zu begrüßen. Das korrekteste, aber auch verdrehteste Wort für diese im Lauf der Zeit hergezogene Bevölkerungsgruppe ist bekanntlich „Menschen mit Migrationshintergrund“. „Zugroaste“ nennt sie auch der grimmigste Stammtischbajuware nicht. Diese liebevolle Bezeichnung ist Deutschen aus anderen Bundesländern vorbehalten, die der Ureinwohner nicht gleich an der Haut- und Haarfarbe als fremd erkennt, sondern erst, wenn sie den Mund aufmachen.

Zum Glück heißt das Völkerkundemuseum noch Völkerkundemuseum. Völkerkunde gibt es nicht mehr, das klingt verdächtig kolonial und nach Rassenwahn. Besser „Ethnologie“ sagen. Das Wort „Volk" hat immer noch einen Nazitouch, und „Volksstamm“ gilt als diskriminierend, weil es an um einen Marterpfahl tanzende Wilde erinnert. Man spricht daher schüchtern von verschiedenen „Ethnien“, die bei uns beheimatet sind, 200 sollen es sein.

Da ich kein Ethnologe oder Anthropologe bin, kann ich einen Türken nicht von einem Iraker, einen Syrer nicht von einem Perser oder Kurden unterscheiden, keine entzückende Thailänderin von einer entzückenden Indonesierin, erst recht keinen dicken Russen von einem dicken Rheinland-Pfälzer, keinen Inder von einem Pakistaner, keinen Kenianer mit Leichtathletikfigur von einem leichtathletischen Sudanesen, keine Studentin aus Israel von einer aus dem Gazastreifen oder einem anderen palästinensischen Autonomiegebiet.

Manchmal wüsste ich gern, wo die Taxifahrerin oder der Friseur herkommen. Ist doch spannend, ist doch nicht rassistisch oder ausländerfeindlich mein Interesse. Ist aber schwer zu vermitteln. Die harmlose Frage „Wo kommen Sie her?“ kann Flüchtlingswunden aufreißen und an grobe Polizeiverhöre erinnern. Man könnte es ja mal mit korrektem Deutsch für Ausländer probieren: „Würden Sie meine penetrante Neugierde befriedigen und mir verraten, welcher Ethnie Sie angehören?“