Gastbeitrag

Wie Frieden wahren? Gastbeitrag von Michael von Brück: Wege zu einer neuen Mystik

Religionswissenschaftler Michael von Brück beschäftigt sich im vierten Teil unserer Serie mit der Frage, ob Religionen friedlich miteinander auskommen können.
von  Michael von Brück
Armenische Soldaten im orthodoxen Dadiwank-Kloster in der zwischen Armenien und Aserbaidschan umstrittenen und umkämpften Region Berg-Karabach.
Armenische Soldaten im orthodoxen Dadiwank-Kloster in der zwischen Armenien und Aserbaidschan umstrittenen und umkämpften Region Berg-Karabach. © Sergei Grits/AP/dpa

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AZ-Serie: Wie Frieden wahren? Podcast mit Michael von Brück (vom 26.02.2021)

Religionen entspringen der schöpferischen Fantasie des Menschen. Menschliche Erfahrung ist weitgehend der Einbruch von Unvorhersehbarem oder gar Chaotischem, also Bedrohung menschlicher Lebensgestaltung schlechthin. Indem Religion eine geordnete, das heißt sinn-gerichtete (Sinn heißt ursprünglich "Richtung") Welt entwirft und in Ritualen in der Gegenwart zelebriert, lenkt sie die Erwartungen auf Zukunft, und dabei wird eine gewisse Vorhersagbarkeit angestrebt, die das Kontingente erträglich werden lässt.

Michael von Brück, geboren 1949 in Dresden, studierte Evangelische Theologie, Sanskrit und Indische Philosophie. Er ließ sich zum Zen- und Yoga-Lehrer in Indien und Japan ausbilden. 1991 übernahm von Brück den Lehrstuhl für Religionswissenschaft an der LMU in München.
Michael von Brück, geboren 1949 in Dresden, studierte Evangelische Theologie, Sanskrit und Indische Philosophie. Er ließ sich zum Zen- und Yoga-Lehrer in Indien und Japan ausbilden. 1991 übernahm von Brück den Lehrstuhl für Religionswissenschaft an der LMU in München. © imago images/Horst Galuschka

Religiöse Imaginationskraft entwirft unterschiedliche Zukünfte, die von der ewigen zyklischen Wiederkehr des Gleichen oder Ähnlichen bis zur apokalyptischen Umgestaltung der Welt reichen können. Diese Unterschiede hängen zweifellos sowohl mit geografischen und klimatischen Bedingungen als auch mit historischen Erfahrungen zusammen.

"Es geht um Macht"

Wenn solche Differenzen von Lebensentwürfen aufeinandertreffen, entstehen Spannungen, Widersprüche, Konflikte. Denn es geht um unterschiedliche Lebensentwürfe nicht nur für das individuelle Leben, sondern dafür, was in Gesellschaften für ein gedeihliches Zusammenleben gelten soll. Es geht nicht nur um verschiedene Gottesbilder, die toleriert werden könnten, sondern um einander widersprechende Menschenbilder und Gesellschaftsmodelle, die politisch prägend sind. Es geht um Macht.

Religionen beanspruchen, Frieden zu schaffen, und haben doch historisch Gewalt und Intoleranz ausgeübt. Was sind Religionen? Sind sie reformierbar im Sinne der Aufklärung? Sind ihre mystischen Traditionen eine gemeinsame Basis, die Resonanzen mit einem modernen pluralistischen Weltbild ermöglicht sowie Sinn in einer komplexen Welt stiftet? Repräsentieren Religionen Ausgrenzung des Anderen oder ermöglichen sie Überwindung von Fragmentierung und den Aufbruch in eine ganzheitliche empathische Lebenspraxis?

"Was geschichtlich entsteht, vergeht auch wieder"

Zukunftsangst geht um. Welches Leben wird möglich sein? Überwiegt die Verweigerung zu Veränderung oder gibt es Bereitschaft zu Aufbrüchen? Gewissheit darüber gibt es nicht, aber die Prozesse, die die technische Entwicklung ebenso wie die ökologischen und demografischen Veränderungen hervorrufen, werden dramatisch sein. Ob die Menschheit die gegenwärtigen Krisen überleben wird, ist nicht gewiss. Religionen und ihre Fähigkeit zur Veränderung spielen dabei jedenfalls eine gewichtige Rolle.

Es ist durchaus möglich, dass die Religionssysteme, wie wir sie heute kennen, verschwinden werden. Denn was geschichtlich entsteht, vergeht auch wieder, um Neuem Platz zu machen. Wir kennen nur die letzten vier- bis fünftausend Jahre der Menschheitsgeschichte in Dokumenten, von den Jahrzehntausenden zuvor wissen wir wenig. Deshalb wäre es vermessen, aus den Entwicklungen der Vergangenheit auf die Zukunft schließen zu wollen. Die Potenziale der menschlichen kulturellen Gestaltung sind (fast) unerschöpflich.

"Fantasie ist angesiedelt im Raum der Differenz von Gegebenem und Möglichem"

Dies wird aber sehr wahrscheinlich nicht dazu führen, dass die religiöse Dimension des Menschen keine Ausdrucksmöglichkeit mehr fände, dass also Religionen als solche verschwinden würden, weil das Religiöse eine mit der Evolution entwickelte Gegebenheit ist.

Wie schon angedeutet, wurzelt Religion anthropologisch in der schöpferischen Fantasie des Menschen, und diese ist die Voraussetzung für Kultur. Fantasie ist angesiedelt im Raum der Differenz von Gegebenem und Möglichem. Lebewesen (nicht nur der Mensch) sind bestrebt, sich ändernden Bedingungen in ihrer Umwelt anzupassen. Voraussetzung dafür ist der Vergleich des Ist-Zustandes mit einem möglichen besseren Zustand. Bereits die Pflanze dreht sich zur Sonne, sie ist entsprechend "programmiert".

Religionen sollten gemeinsam um Humanität ringen

Der Mensch entwirft imaginär Modelle von Zuständen, die er als optimaler gegenüber seinen Lebensbedingungen empfindet. Der Test ist die Praxis. Alle Kultur kreist um den Entwurf und die Erprobung solcher Modelle, die Religionen im Mythos und Ritual, in Erzählungen und begrifflichen Systembildungen (Theologien) entwerfen und praktizieren.

Zunächst haben sich Religionen in der Isolation voneinander entwickelt: in alten Kulturen, die wenig Kontakt miteinander hatten. Dann kam es zur Bildung von Stadt- und Flächenstaaten, wo Integration und Auseinandersetzung neue Modelle der religionskulturellen Verschmelzung erforderlich machten.

Schließlich kam es, wenn sich Imperien bildeten und nach erbitterten Kämpfen (z. B. zwischen Christentum und Islam), zur wechselseitigen Duldung. Seit der Aufklärung (Lessings "Nathan der Weise") wurde das Modell der Toleranz und der Ko-Existenz möglich, und angesichts des bedrohlichen Atheismus im Marxismus-Leninismus, der Atomkriegsgefahr und möglichen ökologischen Katastrophen wächst seit dem 20. Jh. (Zweites Vatikanisches Konzil, die Enzyklika "Laudato si" des gegenwärtigen Papstes) die Einsicht, dass Religionen nicht nur friedlich nebeneinander, sondern füreinander und gemeinsam um die Humanität für zukünftige Generationen zu ringen hätten, dass sie also herausgefordert seinen, in Pro-Existenz zu leben.

Religion lehrt Ehrfurcht vor dem Leben – das stiftet Frieden

Die gegenwärtigen und wohl auch die künftigen Entwicklungen der Religionen werden von drei widersprüchlichen Tendenzen angetrieben, deren jeweiliges Gewicht auch von politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Faktoren abhängt. Erstens: Angesichts der Globalisierung der heutigen Welt durchdringen Religionen einander wie nie zuvor. Es gibt "religiöse Doppelbürgerschaft": Menschen verwurzeln sich in mehreren Religionen gleichzeitig. Manche versuchen, daraus ein konsistentes Weltbild zu formen, für andere bleiben die Unterschiede nebeneinander bestehen.

Was als positiv, heilend, weiterführend erlebt wird, solle gelten, denn das tiefste Geheimnis der Welt bleibe ohnehin verborgen. Erkenntnis sei zwar möglich, aber sie komme nie an ein Ende. In diesem Sinne wächst eine neue weltweite "Mystik" heran: die Erfahrung, die Spiritualität jenseits von Lehrsätzen und abgrenzenden Ritualen wird wichtig.

"Religion wird zum Rückzugsort ins Lokale"

Zweitens: Gleichzeitig erleben wir erbitterte Abgrenzungen und Ausgrenzungen in verschiedenen Teilen der Welt. Es entsteht "Fundamentalismus", weil Menschen Identität suchen, und das bedeutet immer auch, "anders" sein zu wollen oder zu müssen.

Religion wird zum Rückzugsort ins Lokale, vor allen dort, wo das Tempo der globalisierten Vereinheitlichung oder "Verwestlichung" durch turbokapitalistisch organisierte Wirtschaftskreisläufe und die Ohnmacht der Politik als bedrohlich erfahren wird. Religionen etablieren sich dann als Alternative zu einer allmächtig erlebten Technokratie, die als seelenlos gebrandmarkt wird, als Alternative zur globalen Religion des Konsums. Und das, indem sie selbst durch die moderne Technik und mit Mitteln der modernen Kommunikationssysteme ihre Heilsbotschaften verkünden.

Sie versprechen einfache Orientierung in einer Welt unüberschaubarer Komplexität. An diesem Widerspruch scheitern sie immer wieder, aber gerade darin werden sie attraktiv. Rückzug von der Komplexität der Welt suggeriert Angebote von einfachen Deutungen durch Autoritäten. Er bietet die Bequemlichkeit der Unfreiheit.

Kommt es zu einer neuen - friedensstiftenden - Stufe der Evolution?

Drittens: Menschen in allen Teilen der Welt und quer durch die klassischen Religionen hindurch verbinden sich zu Netzwerken, die aus dem Geist der Religionen eine neue Verantwortung für die leidenden Mitmenschen und die Mitwelt überhaupt wahrnehmen wollen – eine Solidarität über Grenzen hinweg, die in einem ökosophischen Bewusstsein gründet – in der Weisheit der Religionen, nach der alles Leben in Resonanz miteinander kommuniziert, weil alles aus einer einzigen Quelle kommt, die manche "Gott" nennen und andere lieber als Mysterium verehren und unbenannt lassen. Es ist die Veneratio vitae, die Ehrfurcht vor dem Leben (Albert Schweitzer). Eine solche Haltung ist friedensstiftend.

Mit diesen widersprüchlichen Entwicklungen wird die Menschheit leben müssen. Sie sind es, die uns unterschiedliche Zukünfte bescheren. Die Details und die Wechselwirkungen sind unvorhersehbar.

Ob es zu einer neuen Stufe der Evolution kommt, auf der Wissenschaft und Mystik, Vernunft und Spiritualität, Politik und soziale Verantwortung in einer globalisierten Weltkultur einander fruchtbar durchdringen und Frieden stiften, wissen wir nicht. Es ist eine Hoffnung, die allerdings das gegenwärtige Handeln inspirieren sollte.