Wenn Vertrauen missbraucht wird

Abrechnung mit einem Abt: Albert Ostermaiers zweiter Roman „Schwarze Sonne scheine”
von  Robert Braunmüller
Das Kloster Sankt Ottilien in der Nähe von Geltendorf.
Das Kloster Sankt Ottilien in der Nähe von Geltendorf. © Wikimedia/Patrick Huebgen

An der Lindauer Autobahn steht nur ein Kloster mit neugotischer Kirche, Missionsmuseum, Gymnasium und einem Jüdischen Friedhof in der Nachbarschaft. Bei der in Albert Ostermaiers Roman detailliert beschriebener Abtei kann es sich nur um Sankt Ottilien handeln. Ihr Chef heißt im Buch Silvester. Weil der neben klassischem Querflötenspiel auch dem Hardrock in einer Schülerband huldigt, ist er dem dort zwischen 1977 und 2000 amtierenden Erzabt Notker Wolf zum Verwechseln ähnlich.

Mit diesem bunten Hund und obersten aller Benediktiner hat Ostermaier anscheinend eine alte Rechnung offen. Da es sich beim Ich-Erzähler seines Romans „Schwarze Sonne scheine” um einen Lyriker mit fußballerischen Neigungen und Absolventen des kirchlichen Rhabanus-Maurus-Gymnasiums Sankt Ottilien handelt, dürfte die Schnittmenge mit dem Autor mehr als beträchtlich sein, obwohl an einer Stelle des Buchs heftig über autobiografische Romane geschimpft wird.

Genaueres ist nicht herauszufinden, da Ostermaier über seine Erlebnisse öffentlich nicht redet. Es ist zwar kein Missbrauchs-Fall, aber doch eine verletzende Geschichte missbrauchten Vertrauens, über der die Freundschaft des Erzählers mit seinem einstigen Lehrer, Mentor und väterlichen Freund zerbrach.

Im Kloster nördlich des Ammersees scheint Anfang der 1990er Jahre eine falsche Ärztin ein- und ausgegangen zu sein. Sie versucht erst der Mutter des Ich-Erzählers einzureden, sie habe Krebs. Später treibt sie ihr falsches Spiel mit ihm selbst und versucht ihm einzureden, er sei von einem Hirn-Herpes befallen und habe nur noch ein halbes Jahr zu leben. Gegen ihren und den Widerstand des Abts lässt der Student vor einer Operation in den USA eine Kontroll-Untersuchung machen, wodurch der Schwindel auffliegt.

Treffend schildert Ostermaier die Nestwärme kirchlicher Traditionen, die auch jene erfasst, die wie der Ich-Erzähler eine Messe nur ästhetisch als „Resonanzkörper des Schönen” schätzen. Der bürgerlichen Kreisen zugetane Abt lässt sich zwar gern zum mehrgängigen Schmausen ins verflossene Schickeria-Lokal El Toula an der Sparkassenstraße einladen, meidet aber das eine klärende Wort.

Natürlich ist die Ärztin juristisch nicht zu fassen. Sie verlegt ihre kirchlich beschirmte Betrügerei einfach in eine andere Gegend. Das Opfer bleibt mit der lange schwärenden Wunde und in der Ohnmacht allein. Ostermaiers später Wutausbruch gleitet zwar bisweilen ins mechanische Stakkato ab. Doch die Geschichte ist stark, weil sie echt und allzumenschlich wirkt, jede äußerliche Dramatik und kirchenkritische Schuldzuweisungen der billigen Art vermeidet. Und nach allem, was in letzter Zeit zu hören war, ist der dargestellte Mechanismus der Vertuschung kirchlicher Fehltritte typisch.

Albert Ostermaier: „Schwarze Sonne scheine” (Suhrkamp, 288 Seiten, 22.90 Euro)