"Warum soll man nicht lachen?"

Am 4. April kommt Nigel Kennedy mit seinem neuen Album „Recital“ in die Philharmonie - das AZ-Interview
von  Christian Jooß
Punk aus Überzeugung: Nigel Kennedy pfeift auf die Konventionen des klassischen Konzertbetriebs.
Punk aus Überzeugung: Nigel Kennedy pfeift auf die Konventionen des klassischen Konzertbetriebs. © Nicolas Hudak

Er wolle über einen Vorfall im Herbst 2010 sprechen, instruiert einen die Pressedame vor Beginn des Telefoninterviews. Nun würde man Nigel Kennedy normalerweise nicht gleich zu Beginn eines Gespräches mit Drogengeschichten konfrontieren, aber bitteschön. Eben hat der Punk-Geiger sein Album „Recital“ (Sony) veröffentlicht: Hier steht die Musik von Fats Waller und Dave Brubeck neben Kennedys Liebe zu Bach. Am 4. April spielt er mit seiner Band in der Philharmonie.

AZ: Mister Kennedy, in Bad Wörishofen hat die Polizei 2010 Ihr Hotelzimmer durchsucht.

NIGEL KENNEDY: Diese Geschichte wuchs und wuchs bis hin zu Behauptungen, ich würde Heroin und andere härtere Drogen konsumieren. Aber niemand hat etwas in meinem Zimmer gefunden, und obendrein wurde das einzige schwarze Mitglied meiner Band als Einziger bis auf die Unterhose ausgezogen. Ich fand das alles etwas seltsam. Erstens, weil man mit mir nicht wahrheitsgemäß umging, zweitens wegen der rassistischen Prinzipien, die diese Drogensuche beherrschten. Ich wollte das einfach mal meinen Freunden, die Geld bezahlen, um mich spielen zu hören, sagen: Ich bin nicht so verrückt nach Drogen, dass ich zu Auftritten nicht erscheine.

Im letzten Dezember starb Dave Brubeck. Wo waren Sie, als Sie das erfuhren?

Ich war zuhause in London und übte mit meiner Band, um am nächsten Tag ins Studio zu gehen. Als die Nachricht kam, sagte ich, „hey Leute, lasst uns doch ,Take Five’ aufnehmen“. Das ist zwar ursprünglich von Paul Desmond, aber Brubeck hat es berühmt gemacht. Ich denke, er hat das westliche Bewusstsein für Jazz so verändert: Beispielsweise, dass 5/4- oder 7/4-Takte sich natürlich anfühlen können. Indische Musiker oder moderne Klassikkomponisten arbeiten schon lange in anderen Takten, aber im Jazz war er wohl einer der Ersten.

Am Anfang des Songs hat man die Assoziationen eines arabischen Klageliedes.

Es war ja auch eine Verbeugung vor meinem Lehrer Yehudi Menuhin. Seine Familie kam aus dem Mittleren Osten. Und dann ist man ja auch schon auf dem halben Weg nach Indien, zu Ravi Shankar, der in derselben Woche starb. Ich arbeite ja mehr instinktiv, also wurde es am Ende eher eine Verbeugung vor Menuhin, der mir Ravi Shankars Musik nahe brachte – und der Rhythmus ehrt Brubeck.

Hört man da nicht auch eine Mandoline?

Tatsächlich eine 12-saitige Gitarre. Die klingt mit ihren Doppelsaiten ganz ähnlich. Die Gitarristen haben es doch echt gut. Bei der Violine macht jeder so ein Gewese, wenn du E-Geige spielst. Aber Jimmy Page spielt 12-Saiter, elektrisch und akustisch. Da ist der Instrumentenwechsel doch etwas normaler.

Wie empfindet man das Gefühl von Fats Wallers Stride Piano auf der Geige nach?

Das sind einfach fantastische Songs. Auch Louis Armstrong spielte Fats Waller-Songs und übertrug sie mühelos auf die Trompete. Ich dachte, es wäre noch etwas interessanter, Fats Waller ganz ohne Piano zu interpretieren. Das war schon grundsätzlich ein anderer Blick auf diese Musik, der sich mehr auf die Songs konzentrierte. Ich habe bei meinen Jimi Hendrix-Interpretationen schon Ähnliches gemacht.

Stellen Sie sich Bach-Kompositionen auch als Songs vor?

Meine Bach-Versionen sind ja halb Bach, halb Kennedy. Ich habe sie zu diesem Zweck etwas in Songstruktur gebracht. Beim Original-Bach denke ich nicht an Songs, außer vielleicht bei ein paar sehr langsamen Stücken mit sehr einfacher Struktur.

Im Vivace aus Bachs Doppelkonzert gibt es den Moment, wo jemand lacht.

Alles wurde live eingespielt. Irgendetwas Lustiges passierte, was mich amüsierte. Also hätte man entweder den ganzen Take vergessen können oder ihn nehmen. Wenn etwas lustig ist, warum soll man nicht lachen? Auch bei Fats Waller ist es ja völlig in Ordnung, seinen Spaß zu haben. Die Menschen haben eine Vorstellung von klassischer Musik, wo jeder leiden muss und ernst dreinschaut. Das muss nicht immer so sein. Es gibt witzige, traurige und ernste Momente, jede Art von Emotionen in jeder Art von Musik.

Erinnern Sie sich daran, als Sie zum ersten Mal Stéphane Grappellis Musik hörten?

Yehudi Menuhin trat in einer britischen TV-Show auf. Dort stellte er Stéphane Grappelli wieder vor. Man hatte den nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs komplett vergessen. Da hab’ ich ihn zum ersten Mal gesehen, es machte tiefen Eindruck auf mich. Ich hatte nicht im entferntesten daran gedacht, man könnte Jazz oder improvisierte Musik auf der Violine spielen.

Wir war es, ihn persönlich zu treffen?

Ich war ein junger Bub, so etwa 13. Er war eine Art Held für mich. Er führte so ein anderes Leben als Yehudi Menuhin, der vor dem Konzert etwas Kräutertee trank. Stéphane Grappelli gönnte sich vor dem Konzert guten Brandy und andere entspannende Sachen und ging immer noch da rauf und spielte umwerfend.

War Grappelli auch ein guter Lehrer?

Er lehrte niemals. Ich liebte es, mit ihm zu spielen. Und er gab mir einfach viel Raum. Besonders im Jazz willst du ja keinen, der dir sagt: So macht man das. Du lernst, indem du deine Ohren benutzt und auf die Leute um dich herum reagierst. Auf diese Art war er ein fantastischer Lehrer, weil er überhaupt nichts sagte.

Sie spielen auch die irische Nummer „Out in the Ocean“.

Ich muss zuerst mal sagen, dass es viele irische Fiddle-Player gibt, die den Song besser spielen können als ich. Der irische Stil ist eher so, als würdest du eine Geschichte erzählen, nicht so theoretisch. Das ist in der irischen Kultur ja sehr lebendig, wenn du in einen Pub gehst.

Sie haben in den Abbey Road Studios aufgenommen. Beeinflussen die Erinnerungen, die dieser Ort birgt, die Musik?

Ich habe früher mal im Studio One aufgenommen, dem größten. Da hat Herbert von Karajan ein paar seiner frühen Aufnahmen gemacht. Aber für mich hat Studio Two mehr Bedeutung. Die Beatles, die Rolling Stones, Led Zeppelin, Pink Floyd – da kommt fast eine Art Schwingung von den Studiowänden. Wir haben das Album in zweieinhalb Tagen aufgenommen, ziemlich schnell, weil alles live war. Ich wollte auch nicht zuviel Zeit darauf verwenden, zu überlegen, ob diese Performance besser ist als die andere. Wir spielten jeden Song dreimal. Und wenn er dann immer noch Scheiße war, ließen wir ihn einfach fallen.