Travis-Sänger Fran Healy: "Wir sind die glücklichste Band"

Fran Healy, Gründer von Travis, über das Frühjahr in Kalifornien, das neue Album seiner Band und die allgemeine Erfolgsquote in der Musikgeschichte.
von  Dominik Petzold
Fran Healy wurde 1973 in Glasgow geboren. Dort gründete er 1990 Travis. Zu den größten Hits der Band gehören "Why Does It Always Rain On Me?", "Turn" und "Sing".
Fran Healy wurde 1973 in Glasgow geboren. Dort gründete er 1990 Travis. Zu den größten Hits der Band gehören "Why Does It Always Rain On Me?", "Turn" und "Sing". © Richard Gray/EMPICS

Die schottische Band Travis hat ihr sehr gutes Debütalbum "Good Feeling" von 1997 auf Vinyl neu herausgebracht, in den nächsten Monaten erscheinen drei weitere frühe Alben. Sänger und Songwriter Fran Healy spricht darüber in einem Video-Interview, das er aus seinem Haus in Los Angeles gibt, seiner Heimat seit 2017. Im Hintergrund sieht man immer wieder einen paradiesischen Garten und strahlend blauen Himmel.

AZ: Mr. Healy, in einem Ihrer größten Hits singen Sie "Why Does It Always Rain On Me?". Wenn ich Sie so sehe, muss ich aber an einen anderen Song denken: "It Never Rains In Southern California". Schon mal über den Widerspruch nachgedacht?
FRAN HEALY: Es regnet durchaus in Südkalifornien, nur eben sehr viel weniger als überall anders. Aber wenn es hier regnet, wie letzte Woche, dann so richtig.

Es regnet also weiterhin auf Sie herab?
Ja. Always!

"In Berlin habe ich meine Heimat nicht besonders vermisst"

Bevor Sie nach L.A. gezogen sind, haben Sie und ihre deutsche Frau lange in Berlin gelebt. Ein ziemlicher Unterschied, oder?
Ich habe gern in Berlin gelebt. Nach L.A. sind wir gezogen, weil wir hier eine sehr gute Schule für unseren Sohn gefunden haben. In Berlin habe ich meine Heimat nicht besonders vermisst, hier in L.A. viel mehr. Ich vermisse die britische Art, den britischen Humor. Vielleicht liegt das daran, dass hier englisch gesprochen wird. Und die Kalifornier sind wie Teenager, launisch und mürrisch, und sie nehmen sich zu ernst. Aber ich bin ohnehin so eine Art Einsiedler. Wir bleiben, solange mein Sohn zur Schule geht. Wohin wir danach ziehen - keine Ahnung.

Sie veröffentlichen jetzt Ihr Debütalbum von 1997 wieder. Dabei wäre doch nächstes Jahr das 25-jährige Jubiläum.
Wir sind auch mit dem Album "The Man Who" zum 18. oder 19. Jubiläum auf Tour gegangen. "Good Feeling" und die drei anderen Alben erscheinen einfach, weil wir gerade Zeit haben. Wenn eine Band ein neues Album rausbringt, kann sie kein altes wiederveröffentlichen. Nächstes Jahr wäre das 25. Jubiläum, aber da planen wir ein neues Album und eine Tour. Also erscheint "Good Feeling" jetzt, wo wir auf ein leeres Jahr blicken.

Sie haben dieses Debütalbum in den legendären Bearsville Studios bei Woodstock aufgenommen, Produzent war der berühmte Steve Lillywhite. War das nicht alles sehr einschüchternd?
Nein, verrückterwiese nicht. Wahrscheinlich waren wir einfach jung und dumm. Es war alles wie in einem Traum: in einer Band zu sein, einen Plattenvertrag zu bekommen, mit einem der besten Produzenten in eines der besten Studios der Welt zu gehen. Ich fühlte mich nie eingeschüchtert. Aber Steve sagte uns auch ständig, dass wir die großartigste Band der Welt seien. Ich habe "Good Feeling" vor zwei Wochen nochmal angehört, zum ersten Mal seit zwanzig Jahren. Und ich dachte mir: Was für eine verblüffende Platte, ein verstecktes Juwel - und vor allem voller Energie.

Sie klingen rauer als auf "The Man Who", mit dem Sie Ruhm erlangten.
Ja, wir haben alles live aufgenommen und dann Overdubs gemacht. Der fertige Mix ist aber nicht so gut wie der Monitormix, mit dem wir die Bearsville Studios verlassen haben. In London hat Steve Lillywhite alles noch mal abgemischt und aufpoliert. Aber in Bearsville klang es rauer, und ich denke, diese Version war besser.

"In jeder Epoche der Musikgeschichte waren 95 Prozent Mist und fünf Prozent toll"

Aber jetzt erscheint wieder die Version, die wir schon kennen, oder?
Ja. Aber vielleicht kommt irgendwann mal eine Limited Edition mit dem ursprünglichen Mix raus.

In dem Song "U16 Girls" besangen Sie die Liebe mit Mädchen, die jünger als 16 sind. Das wäre heute nicht mehr ratsam, oder?
Ich habe genau das gleiche gedacht, als ich das Album wieder gehört habe! Ich war damals ein Zwanzigjähriger, also fast selbst noch ein Teenager, der über Mädchen unter 16 singt. Wenn ich das jetzt als 47-Jähriger tun würde, wäre es etwas anderes. Wir wollten übrigens ursprünglich ein Bild auf dem Cover haben, auf dem Robert Plant mit zwei Teenager-Mädchen spricht.

Wollten Sie einen Prozess heraufbeschwören?
Naja, das brachte eben den Song auf den Punkt: diese beiden Mädchen, die älter wirken wollen als sie sind. Ich finde es erstaunlich, dass 15-jährige Mädchen so viel weiter entwickelt sind als gleichaltrige Jungen. Mein Sohn wurde vor ein paar Tagen 15. Er feierte mit ein paar Freunden, mit Masken und Abstand natürlich. Zwei der Jungs haben im Garten an einem Ast geschnitzt. 15-jährige Mädchen würden so etwas eher nicht tun.

Wenn Sie die heutige Musik mit den späten Neunzigern vergleichen: War das eine bessere Zeit?
Nein, in jeder Epoche der Musikgeschichte waren 95 Prozent Mist und fünf Prozent toll. Das Verhältnis war wohl schon zu Mozarts Zeiten so. Eine Sache ist heute allerdings anders als in den Neunzigern: Seit zehn, 15 Jahren wollen Produzenten einen Teil der Verlagsrechte bekommen, denn damit verdient man im Musikgeschäft viel Geld. Somit hat sich das Musikgeschäft von den Songwritern in Richtung der Produzenten verlagert.

Diese wollen also an den Songs mitschreiben und Tantiemen kriegen.
Aber Produzenten sind eben keine Songwriter, und viel heutige Musik ist deshalb total seelenlos.

"Travis hätte heute nicht die geringste Chance, erfolgreich zu sein"

Sie haben mit Travis am Anfang ihrer Karriere noch die letzten goldenen Tage der Tonträger-Industrie erlebt. Fühlen Sie sich als Glückspilze?
Absolut, wir sind die glücklichste Band überhaupt. Ich bin froh, auf diese Songs gekommen zu sein. Und grundsätzlich denke ich, eine Vier-Personen-Band hat etwas Faszinierendes.

Wenn Travis heute anfangen würden, hätten Sie eine Chance, erfolgreich zu sein?
Nein, nicht die geringste! Es gibt keine Gitarrenbands mehr. Wir haben vor nicht allzu langer Zeit im norwegischen Tromsø eine großartige Show gespielt, wir haben wirklich alles gegeben, um die Zuschauer zu begeistern - aber die haben uns nur völlig ratlos angeschaut. Danach kamen als Headliner ein DJ, der die Musik anderer Leute auflegte, und ein zweiter Typ, der auf der Bühne rumtanzte und mit einem Feuerlöscher in die Luft sprühte. Das Publikum ist total durchgedreht. Unser Bassist Dougie drehte sich zu mir und sagte: So müssen sich Jazzer gefühlt haben, als es mit dem Rock'n'Roll losging.

Ihr letztes Album "10 Songs" erschien im vergangenen Jahr. Darauf singen sie ein Duett mit Bangles-Sängerin Susanna Hoffs, in die in den Achtzigern ziemlich viele Teenager verliebt waren.
Jeder! Ich auch.

Wie kamen Sie dazu, einen Song mit ihr aufzunehmen?
Vor zweieinhalb Jahren sah ich auf Twitter das Video einer neuen Aufnahme von "Eternal Flame", das sie gepostet hatte. Ich war begeistert: Sie sah fantastisch aus und klang großartig. Wie Tausende andere - hauptsächlich Männer - postete ich etwas Begeistertes. Drei, vier Tage später schaute ich wieder auf Twitter - und sie hatte mir geantwortet! Ich habe sofort einen Screenshot gemacht und all meinen Freunden geschickt.

Wie ging's weiter?
Als ich viel später diesen Song "The Only Thing" geschrieben hatte, fragte ich, wer ihn mit mir singen könne, und kam sofort darauf: Susanna Hoffs. Sie hat zugesagt und wir haben den Song aufgenommen. Manchmal hat man eine genaue Idee, wie etwas klingen soll - aber mit ihr klang es noch ungleich besser.


Travis: "Good Feeling" (LP, bei Craft Recordings), im Lauf des Jahres erscheinen auch "The Boy With No Name", "12 Memories" und "The Invisible Band" auf LP