Stärke, Schreie und Verletzlichkeit: Elli Berlin auf Solopfaden

Elli Berlin, Frontfrau von Null Positiv, wandelt erstmals auf Solopfaden.
von  Matthias Kerber
Die Sängerin Elli Berlin.
Die Sängerin Elli Berlin. © Michael Roob

Das fiese, kleine Coronavirus hat schmerzlich offenbart, wie gering die Lobby der Kulturschaffenden in einer Gesellschaft ist, in der Internet-Pöbeleien schon als Ausdruck von Kunst- und Meinungsfreiheit verstanden werden.

Und während die Mächtigen in der Politik den Kotau vor König Fußball machen und allen Inzidenzzahlen zum Trotz die Fans, dem Herdentrieb folgend, wieder in die Stadien einlassen, fristen die Künstler weiter ihr trauriges Dasein größtenteils fern ihres Publikums.

"Lieb mich": Elli Berlins erste EP

In Zeiten, in denen von der Musik allein kaum noch ein Künstler leben kann - geschweige denn vom Applaus der nicht vorhandenen Konzertzuschauer -, sondern die Veröffentlichung neben der Kreativitäts-Befreiung hauptsächlich dazu dient, auf Tour zu gehen und mit Konzerten und dem dort verkaufen Merchandise Erlöse für Speis und Trank zu generieren, ist jeder Lockdown doppelt fatal.

Der einzige Vorteil dieser oktroyierten Konzert-Enthaltsamkeit ist, dass die Künstler viel Zeit, haben, die eigene Seele zu durchforsten, den Emotionen ein Ventil im Form neuer Kunstwerke zu geben.

So geschehen bei Elli Berlin, Frontfrau und Ausnahme-Röhre - und wer ihr gutturale Brunftschrei-Stimme kennt, weiß den Ausdruck wörtlich zu nehmen - der deutschen Modern-Metal-Band Null Positiv, hat genau das getan und sich mit der EP "Lieb mich" erstmals auf Solo-Pfade begeben.

Weniger Schrei, mehr Gesang

Der Elli-Kosmos ist etwas rockiger, etwas hymnischer, mit leichten elektronischen Marilyn-Manson-Anleihen. Dabei setzt Berlin öfter auf ihre Klarstimme, steigt stimmtechnisch seltener in den abgrundtiefen Kohle-Keller herab. Weniger Schrei, mehr Gesang ist das Motto bei Liedern wie dem Opener "Hall Of Fame". Der Titelsong lebt von dem stimmlich und musikalisch filigran vorgetragenen Gegensatz der eigenen Verletzlichkeit und der Stärke, die man aus diesem Schmerz der waidwunden Seele wieder ziehen kann.

"Zu wahr, um schön zu sein" kommt als Powerballade ohne Kitschfaktor daher. Eine Ode an eine gescheiterte, destruktiv-volatile Beziehung mit Worten voller Selbstanklage stimmt die Sängerin an: "Hör auf, dir einzureden, dass ich gut für dich bin" "Deine Reinheit habe ich dir mit meiner Schuld genommen" und "Begrabe deine Liebe, ich bin sie nicht wert" heißt es in dem Seelenstriptease.

Der Song "Oh Lord" beginnt mit Null-Positiv-Härte, steigert sich in einen verspielten Refrain, der teilweise an Falcos "Sound Of Music" und "Out Of the Dark" erinnert. "Fuck You Hollywood" beendet den Ausflug ins Solo-Reich standesgemäß mit starken Dynamiken.

Die EP "Lieb mich" offenbart eine andere, die vulnerable Seite einer starken Frau, die sich und ihre Gefühle nicht hinter harter Musik versteckt, sondern erst durch diese richtig ausdrückt.


Elli Berlin: "Lieb mich" (Triplebase)