So gut ist Beyoncés neues Album

Wie Mrs. Carter die Welt überrascht: Es war plötzlich im Netz, heißt schlicht „Beyoncé“ und ist gut geworden: Beyoncé Knowles’ neues Album ist warm, weich und erotischer als alles, was Miley Cyrus und Co. zuletzt produziert haben
von  Steffen Rüth
Wenn die makellos schöne Beyoncé mit Zeilen wie „Perfection is a disease of a nation“ oder „It’s the soul that needs the surgery“ gegen Schönheitswahn und Selbstoptimierung ansingt, ist das nicht ohne Ironie.
Wenn die makellos schöne Beyoncé mit Zeilen wie „Perfection is a disease of a nation“ oder „It’s the soul that needs the surgery“ gegen Schönheitswahn und Selbstoptimierung ansingt, ist das nicht ohne Ironie. © Foto: Johanna vom Heede/Sony

Auch in der übermedialisierten Popwelt gibt es Überraschungen. Üblicherweise wird für neue Alben, ähnlich wie für „Hobbit“-Filme oder Mankell-Bücher, ein künstliches Vorfieber erzeugt. Die PR-Kampagne für Lady Gagas „Artpop“ soll zum Beispiel 25 Millionen US-Dollar gekostet haben. Doch als die Mitarbeiter von Sony Music in München Freitagvormittag ihre Rechner hochfuhren, waren sie so verblüfft wie alle anderen. Sonys aktuell kommerziell erfolgreichste Künstlerin, Beyoncé Knowles, hatte Schlag Mitternacht New Yorker Ortszeit ihr neues Album veröffentlicht – exklusiv bei iTunes. Ab 20. Dezember ist die CD im Handel erhältlich.

Hat man „Beyoncé“ heruntergeladen, staunt man: Zu den 14 Songs gesellen sich 17 Videos. Gedreht wurden diese während der diesjährigen Tour unter anderem in Rio, Sydney und Paris. Das Video zum ersten Song „Pretty Hurts“ etwa spielt bei einem Schönheitswettbewerb in Knowles’ Geburtsort Houston. Man sieht Mädchen, wie sie sich den Finger in den Hals stecken, Pillen schlucken. Es ist auf surreal bezaubernde Weise unappetitlich. Aber die kritische Botschaft kommt an.

Ihrem Ruf als gemäßigter Feministin wird Beyoncé mit „Flawless“ gerecht. Der Song hieß ursprünglich „Bow Down Bitches“ und zählt zu den schnellsten, HipHop-orientierten Nummern des Albums, inklusive einem Auszug aus einer Rede der nigerianischen Schrifstellerin Chimamanda Ngozi Adichie, die Frauen zu Mut, Ehrgeiz und mehr Selbstbewusstsein aufruft.

Ansonsten wird auf „Beyoncé“ viel kopuliert. Ein Song nach dem anderen kreist um Knowles’ monogames Sexleben. Es gibt Anspielungen an einen Wasserfall („Rocket“), einen Likör, der sie geil macht („Partition“). Und in „Drunk on Love“, dem Duett mit Jay Z, in dessen Video sich Beyoncé am Strand räkelt, wird aus dem Namen Monica Lewinsky ein Verb gemacht.

Obwohl viele Komponisten und Produzenten beteiligt waren – wie Pharrell Williams, Timbaland, Ryan Tedder, Sia Furler – ist die Musik schlüssig. Es gibt ein paar hymnisch-dramatische Großpopnummern wie „Pretty Hurts“, das an „Halo“ erinnernde „XO“ (Autor jeweils Ryan Tedder), oder den letzten Song: „Blue“. Töchterchen Blue Ivy, die im Januar zwei Jahre wird, brabbelt brav den Refrain „Hold on to me“ mit und macht so aus Kunst Sentimental-Kitsch.

Überwiegend setzt Beyoncé aber auf Subtilität. Die Platte ist warm, weich, beinahe elegisch und so erotischer als alles, was Miley, Rihanna, Gaga oder Madonna in letzter Zeit abgeliefert haben. Der dominierende Stil ist eine moderne, elektronische Variante von R&B und Soul, die Anzahl der Beats pro Minute eher niedrig. Der Einsatz von Synthesizer und Klavier ist großzügig, dagegen sind kaum Powerballaden-Streicher zu hören. Und vieles klingt aufregend: „Haunted“ ist basslastig, dunkel, minimalistisch. Weniger ist hier mehr – genauso wie beim souligen „No Angel“, dem traurigen „Heaven“ oder der mit Frank Ocean geschriebenen und gesungenen Außenseiter-Ode „Superpower".

Wahrscheinlich hätte man manche Schlafzimmersoul-Electroballade streichen können, wie das lahme Drake-Duett „Mine“. Doch wenn es flott wird, wie in der 80er-Prince-Rollerdisconummer „Blow“, wird es gleich lustiger und tanzbar. „Beyoncé“ ist durchdacht, originell, substantiell, Marketing-Coup, künstlerischer Triumph. Wer hätte sich das vor wenigen Tagen träumen lassen?