"Missa solemnis" im Herkulessaal: Wenn der Komponist zurückschlägt

Chor und Symphonieorchester des BR mit Beethovens "Missa solemnis" im Herkulessaal.
von  Robert Braunmüller
John Eliot Gardiner dirigierte Beethovens "Missa solemnis" im Herkulessaal.
John Eliot Gardiner dirigierte Beethovens "Missa solemnis" im Herkulessaal. © Astrid Ackermann/BR

München - Die neue Normalität hat etwas Beglückendes. Es gibt wieder ein Erlebnis von Gemeinschaft auf dem Podium und davor. Das Publikum sitzt - zwar mit Masken - aber sonst dicht gedrängt im Herkulessaal der Residenz, und droben versammeln sich Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, um die "Missa solemnis" aufzuführen.

"Missa solemnis" mit unpersönlich kontrapunktischen Chorsätzen eine Herausforderung

Die genießt als schwieriges Spätwerk höchsten Respekt. Geliebt wird sie von kaum jemanden. Jeder Takt klingt zwar unverkennbar nach Ludwig van Beethoven. Wenn die Interpreten es in den etwas unpersönlich kontrapunktischen Chorsätzen der ersten Hälfte an letzter Entschlossenheit fehlen lassen, wird erfahrungsgemäß nur eine Pflichtübung daraus.

Dirigent John Eliot Gardiner scheut die derbe Wut 

Genau das geschah. Der Chor des Bayerischen Rundfunks sang mit höchster Klangkultur und ohne jene Schärfen, die sich bei dieser gegen die menschliche Stimme komponierte Musik leicht einmal einstellen. Lucy Crowe, Gerhild Romberger, Julian Prégardien und Tareq Nazmi formten einen eher kompakten, solistischen Gegen-Chor. Damit könnte ein Dirigent arbeiten, aber leider wiederholte sich eine alte Erfahrung: John Eliot Gardiner bringt mit seinem Monteverdi Choir überwältigende Aufführungen zustande, erreicht aber bei fremden, nicht völlig auf ihn eingeschworenen Ensembles bestenfalls lauwarmen Durchschnitt.

Vor allem im Kyrie, im Gloria und im Credo wurden lediglich wacker Partiturseiten abgearbeitet. Gardiner scheute die herbe Wut und wüste Heftigkeit, die sich aus der "Missa solemnis" heraushören lässt. In den großen Schlussfugen und -Steigerungen ruderte er nicht nur ungeschickt mit den Armen, es gelang ihm auch kaum ein Tempoübergang halbwegs überzeugend. Gewiss muss niemand den Eintritt des "Grave" bei "et venturi saeculi" am Ende des Credos so pathetisch wie Otto Klemperer inszenieren, aber etwas mehr darf in dem Moment schon passieren wie desinteressierte Gleichgültigkeit.

Die Frage bleibt: Was wollte Gardiner vermitteln?

Ab dem Agnus Dei, wenn das Instrumentale wichtiger wird, profitierte die Aufführung durch den reinen, vibratolosen Klang der Streicher des BR-Symphonieorchesters. Dass Radoslaw Szulc das Violinsolo im Benedictus mit sattem Vibrato interpretierte, mag man als absichtsvollen Kontrast verstehen. Wirklich klar wurde die damit verbundene Absicht aber nicht. Wollte Gardiner als Experte für Alte Musik auf Beethovens archaisierenden Tendenzen hinaus? Oder interessiert ihn etwas anderes?

Die "Missa solemnis" bleibt schwierig. Aber wenn man - wie Gardiner - nichts will, bekommt bei bestens aufgelegten und willigen Interpreten von der Musik auch nichts zurück. Da ist der späte Beethoven womöglich noch gnadenloser wie andere Komponisten.


Das Konzert wird diesen Sonntag, 15 Uhr, in Ottobeuren wiederholt und ist als Video und Audio auf br-klassik.de abrufbar.