Mariss Jansons dirigiert Varese und Sibelius

Nicht so zaghaft! Mariss Jansons und das BR-Symphonieorchester mit Varese und Sibelius in der Philharmonie
von  Robert Braunmüller
Mariss Jansons und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks im Gasteig.
Mariss Jansons und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks im Gasteig. © Peter Meisel

Nicht so zaghaft! Mariss Jansons und das BR-Symphonieorchester mit Varèse und Sibelius in der Philharmonie

Die Flöte spielt, als breche Debussys „Nachmittag eines Faun“ an. Die Girlanden des Fagotts gemahnen von fern den Beginn von Strawinskys „Sacre“. Doch die Harfenspieler dazu mit den Fingern auf das Instrument klopfen zu lassen, das hätten sich beide Komponisten bei aller Risikofreude doch nicht getraut.

Edgard Varèse (1883 – 1965) schon. In „Amériques“ erklärte er das riesige besetzte Schlagzeug zum gleichberechtigten Partner der Bläser und Streicher. In vielem ist dieser 1922 vollendete Klassiker der Neuen Musik ein großer Bruder des „Sacre“. Doch nicht der Rhythmus herrscht, sondern der Klang – in einem halbstündigen Wechsel aus Ballungen und Entladungen, der sich von einem tastenden Beginn langsam zu einem grimmigen Ausbruch am Ende hochsteigert.

Es ist das ideale Stück für einen Tüftler und Perfektionisten wie Mariss Jansons. Er ging das Riesenwerk langsam, entspannt und lässig an. Nichts klang dick oder gar übersteuert. Und dem bestens vorbeeitete Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks glückte das ziemlich heikle Stück so selbstverständlich wie eine Symphonie von Brahms.

Dem Publikum gefiel es übrigens auch – entgehen einem hartnäckigen Vorurteil. Die vor gut 30 Jahren zuletzt in der musica viva gespielten „Amériques“ gehören heute in ein normales Konzertprogramm.

Leider gab es davor nicht den „Don Quixote“ von Richard Strauss, den „Amériques“ einmal zitieren. Jansons dachte ein wenig ums Eck und kombinierte Varèse mit seinem konservativen Bruder im Geiste: mit Jean Sibelius, dem der Klang auch stets wichtiger war als die thematische Entwicklung und der in deutschen Landen darob auch nicht für voll genommen wird.

Leider dirigierte Jasons nicht dessen sperrige Symphonie Nr. 4, sondern Edelkurkapellenmusik wie die Karelia-Suite und als Überraschungsstück die vom Blech erfreulich rau angegangene Tondichtung „Finlandia“. Davor dirigierte Jansons eher starr Tschaikowskys Ouvertüre „Romeo und Julia“. Lauter Werke, die „Amériques“ brutal wegschubste. Für Varèse braucht es einen stärkeren Widerpart. Nicht so zaghaft!