Immer schön spontan bleiben!

Andris Nelsons, die Wiener Philharmoniker und der Chor des Bayerischen Rundfunks mit Mahlers Dritter im Großen Festspielhaus.
von  Robert Braunmüller
Massenaufgebot im Großen Festspielhaus.
Massenaufgebot im Großen Festspielhaus. © Marco Borrelli

München - Ein riesiges Orchester, Frauenchor, ein Kinderchor: macht zusammen mindestens 150 Personen. Hierzulande gab es zwar zuletzt Wagner. Aber obwohl der in München beheimatete Chor des Bayerischen Rundfunks sang, ist eine groß besetzte Symphonie wie Gustav Mahlers Dritte gegenwärtig nur knapp hinter der Grenze des Freistaats in Salzburg denkbar, mit strengem Hygienekonzept hinter der Bühne, aber vor einem voll besetzten, nach der 3-G-Regel eingelassenen und maskierten Publikum im Großen Festspielhaus.

Acht Hörner, krachende Einsätze und massive Schlagzeugwirkungen - das ist zuerst einmal ein lang vermisstes, sinnliches Elementarereignis. Wenn Andris Nelsons dirigiert und die Wiener Philharmoniker spielen, ist das allerdings kein Selbstzweck. Natürlich ist dieses Orchester unglaublich virtuos. Aber es führt Klangentladungen nicht vor, um zu imponieren, sondern weil mit Musik etwas erzählt wird - und sei es, wie bei dieser Symphonie, die alte Geschichte der Entwicklung von der Nacht zum Licht, von der Tragik zur Erlösung - mit einem Umweg durch die Natur und ihre groteske Komik.

Violeta Urmana hat die richtige dunkle Stimme

Nelsons ist schon deshalb ein herausragender Mahler-Dirigent, weil sein sehr flexibles Tempo natürlich bleibt. Außerdem gibt es kaum routinierte, sondern fast nur überlegte und reflektierte Stellen, wie etwa die fahlen Posaunenklänge, die dem Hornruf am Beginn des ersten Satzes folgen und die der Dirigent als Kontrast breit ausspielen ließ. Der Posaunist machte das leicht etwas peinliche Solo mit Spielkultur und Dezenz zum Ereignis. Und der ungemein farbige Orchesterklang der Wiener Philharmoniker ist ohnehin für Mahlers Musik ideal.

Das (wohl kaum auf diesem Instrument gespielte) Posthornsolo war am Samstag nicht immer mit dem Orchester besammen. Dafür war das oft mit einem zu hellen Mezzosopran besetzte Solo in den besten Händen. Violeta Urmana hat die richtige dunkle Stimme für "O Mensch, gib' acht". Dann mischten sich die von Howard Arman einstudierten Damen des BR-Chors mischten sich perfekt mit dem gemischten Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor (Einstudierung Wolfgang Götz).

Das macht Nelsons zu einem großen Dirigenten

Dann passierte etwas, vor dem man den Hut ziehen muss. Nelsons betonte erst sehr das Grüblerische am Beginn des hymnischen Adagio-Finales. Der Satz ist, nicht nur, wegen der Stimmung heikel, sondern auch wegen der unvermeidlichen Konditionsprobleme, die sich nach zwei Stunden bei jedem Orchester einstellen, das aus Menschen besteht und von denen auch die Wiener Philharmoniker nicht verschont bleiben.

Als es so richtig feierlich ans Erlösen ging, blieb ein letzter Zweifel. Tatsächlich ist der auch komponiert, weil eine bestärkende Wiederholung der allerletzten Steigerung ausbleibt. Es war nicht zu entscheiden, ob die letzten beiden Minuten der Aufführung auf hohem Niveau mißlangen oder ob der Dirigent wirklich darauf hinauswollte, dass die finale Verklärung nur aufblitzt, um sich im gleichen Moment wie hinter einem Schleier wieder zu entziehen. Wie auch immer: Es war jedenfalls ganz von Mahler her gedacht, hier zweideutig zu bleiben.

Ein interpretatorisches oder technisches Risiko ist in der Kunst immer interessanter wie das Streben nach absoluter Sicherheit. Und dass sich Nelsons auch in solchen Momenten spontan bleibt, macht ihn zu einem großen Dirigenten.