Ian Bostrigde über die "Winterreise"

Die Mutter aller Konzeptalben: Ian Bostridge über die "Winterreise" von Franz Schubert
von  Robert Braunmüller
Der britische Tenor und Kulturwissenschaftler Ian Bostridge.
Der britische Tenor und Kulturwissenschaftler Ian Bostridge. © Askonas Holt

Über 100 Mal hat er die „Winterreise“ schon gesungen. Einmal saß ein „ausnehmend bedeutender Pianist“ mit den Noten im Publikum. Beim Lied „Wasserflut“ schüttelte dieser den Kopf und wandte sich zu seinem Nebenmann, einem ebenso „herausragenden Musiker“. Hinter den beiden saß ein dritter berühmter Kollege, der sich über die Unruhe wunderte.

Wer die drei Herrschaften waren, verrät Ian Bostridge nicht. Aber man möchte wetten, dass einer von ihnen Alfred Brendel war, der sich zur Ausführung einer widersprüchlich notierten Stelle im ersten Takt des Klavierparts von „Wasserflut“ mehr als apodiktisch geäußert hat. Andere Pianisten haben ihm da kategorisch widersprochen, und die Musikwissenschaft hat in diesem Fall konträre Ansichten überaus entschieden vertreten.

Der Sänger Ian Bostridge erzählt diese Anekdote in seinem Buch über die „Winterreise“. Den störenden Kollegen ist er nicht böse. Aber ein leichtes Unbehagen an der Musikwissenschaft lässt er durchblicken. Er misstraut ihrer Methodik, weil „selbst hochqualifizierte Musiker nicht dazu neigen, Musik auf eine formale, fachwissenschaftliche Weise zu hören.“

Hat Bob Dylan von Franz Schubert gelernt?

Schuberts Liederzyklus handelt von Liebesschmerz, Verlassenheit und Vereinsamung. Jedem Lied gilt eines der 24 Kapitel von Bostridges Buch, das mit einnehmender Ungezwungenheit die Abgründe dieses Meisterwerks aufschlüsselt.

Die Musik ist da nur ein Thema unter vielen. Als promovierter Kulturwissenschaftler geht Bostrigde eher von den Gedichten Wilhelm Müllers und ihrem kulturellen Hintergrund aus. Dass ein Brite schreibt, gereicht dem Buch nur zum Vorteil. Schon im ersten Abschnitt verortet er den Text im Umfeld von Lord Byrons Weltschmerzensmännern. Denn die Romantik war kein Phänomen der deutschen Innerlichkeit, wie bei uns gern geglaubt wird, sondern eine gesamteuropäische Strömung.

Bostridge schreibt meinungsstark – ein Vorzug. „Schubert mag homosexuelle Erfahrungen gehabt haben“, heißt es in dem Buch. „Darüber wissen wir nichts. In unserem modernen Sinn aber war er nicht schwul und kann es gar nicht gewesen sein. Die Vorstellung einer schwulen Identität wurde erst noch erfunden.“

In diesem Buch erfährt man viel über Lindenbäume, das politische Klima und das Wetter im Biedermeier, die romantische Obsession plötzlich ergrauender Haare, Walzertanzen und Details einer Syphiliskur mit Quecksilber, an deren Spätfolgen Schubert wohl verstarb. Das Licht-Phänomen der „Nebensonnen“ erklären Stiche und ein Foto aus Fargo, North Dakota. Den Abschnitt über „Die Krähe“ eröffnet ein Standbild aus Alfred Hitchcocks Psychothriller „Die Vögel“.
Bostridge nennt die „Winterreise“ das erste Konzeptalbum der Musikgeschichte und spekuliert über den möglichen Einfluss des Zyklus auf Bob Dylan. Er ruft Samuel Beckett und den slowenischen Schnelldenker Slavoj Zizek als Zeugen auf.

Das gedankenreiche Buch macht den Leser mit Schuberts Welt vertraut und schlägt einen Bogen zur Gegenwart. Es ist eines der intelligentesten Bücher, das über diesen Zyklus geschrieben wurde.
Nichts für Anfänger, gewiss. Aber ein Füllhorn an Wissen für alle, die bei Schuberts Musik das nächste Mal genauer hinhören möchten.

Ian Bostridge: „Schuberts Winterreise. Lieder von Liebe und Schmerz“, C.H. Beck, 404 S., 29,95 Euro.