Interview

Hans-Jürgen Buchner: "Der Spaß war sofort wieder da"

Hans-Jürgen Buchner über seine Strandkorb-Konzerte mit Haindling, seine Arbeitsweise und die Aktualität seiner Texte.
von  Philipp Seidel
Hans-Jürgen Buchner mit einem Tenorhorn im Rapsfeld. Außerdem spielt er noch Trompete, Gitarre und Klavier.
Hans-Jürgen Buchner mit einem Tenorhorn im Rapsfeld. Außerdem spielt er noch Trompete, Gitarre und Klavier. © Kick Film

Auf dem Land hat Hans-Jürgen Buchner den Sommer 2020, als keine Konzerte vor Publikum möglich waren, gut aushalten können - immerhin hatte er zum ersten Mal seit 38 Jahren einen Sommer frei, sagt er. Dennoch ist er froh, mit seiner Band Haindling jetzt wieder vor Publikum spielen zu können.

AZ: Herr Buchner, wie sind Sie durch die konzertlose Coronazeit gekommen?
Hans-Jürgen Buchner: Ich wohne auf dem Land, in dem kleinen Dorf Haindling mit 80 Einwohnern, wir haben einen schönen Garten. Ich hab nicht nach München fahren brauchen, weil ich musikalisch nichts zu tun hatte. Ich bin höchstens nach Straubing zum Einkaufen gefahren - ich habe also von all dem nicht so viel mitbekommen, wie wenn ich mit dem Zug unterwegs gewesen wäre oder in der Großstadt. Wir haben die Zeit auch genossen - ich hatte ja im vergangenen Jahr zum ersten Mal seit 38 Jahren einen Sommer frei. Ich habe es so genommen, wie es ist, und es war nicht schlecht. Ich habe ja trotzdem musikalisch weitergemacht, ich spiele zum Beispiel jeden Tag Klavier, ich habe auch Werbemusik gemacht und fotografiert - ich habe mich daheim wunderbar beschäftigen können. Es ist mir gut gegangen, Gott sei Dank.

Künstler haben darüber geklagt, dass sie in der auftrittsfreien Zeit ziemlich eingerostet sind. Ich kann Sie mir, ehrlich gesagt, nicht recht untätig vorstellen. Spielen Sie Klavier, um fit zu bleiben?
Nein, nicht um fit zu bleiben. Mit elf habe ich den klassischen Klavierunterricht abgebrochen, weil ich dann Jazz gespielt und nur noch improvisiert habe. Ich übe eigentlich ganz ungern und selten. Ich spiele aus Freude, und da entstehen verschiedene Melodien, die ich aufnehme und sammle. Ich habe schon wahnsinnig viele Ideenfleckerl beieinander. Es ist viel Arbeit, da einen Überblick zu behalten. Ich habe nicht gespielt, um fit zu bleiben, sondern ich bin einfach vom Ideenreichtum her ausgelastet, wenn man es so nennen will.

"Das hat sich schnell wieder so eingegroovt"

Sie haben also keine Einrostungserscheinungen?
Wir sind ja jetzt wieder auf Tour. Am Anfang haben meine Musiker und ich es schon gemerkt, dass wir eineinhalb Jahre nicht gespielt haben. Das ist schon eine lange Zeit. Aber wenn man sich dann im Übungsraum trifft, ist es gleich wieder wie früher. Ich hatte schon Bedenken wegen der Tour, ob ich das noch so machen kann, aber es hat sofort gut geklappt. Es hat auch Spaß gemacht, und ich habe auch gemerkt, dass die Menschen das als Spaß empfinden und froh sind, dass sie wieder mal in ein Live-Konzert gehen können. Das hat sich schnell wieder so eingegroovt, wie es früher war.

Da zahlt es sich vermutlich auch aus, dass Sie als Band seit Jahrzehnten zusammenspielen.
Ja. Wir haben uns das Programm zurechtgelegt, ausgemacht, was wir spielen, zwei neue Stücke sind auch dabei. Dann haben wir uns drei Tage im Übungsraum getroffen, und der Spaß war sofort wieder da.

Sie haben im Juli in Nürnberg ein Strandkorbkonzert gegeben. Es gibt viele Künstler, die solche Auftritte vor Strandkörben oder Autos im Autokino abgelehnt haben. Aber Sie waren zufrieden?
Autokino mache ich nicht. Das ist mir zu blöd, wenn die Leute uns im Auto über Lautsprecher hören. Da kann ich ja gleich eine CD einlegen. Bei den Strandkörben war ich am Anfang auch sehr skeptisch, und das erste Konzert in Regensburg mit Strandkörben war echt befremdlich für uns. Die Bühne ist fünf Meter hoch, und wenn man vorne an der Rampe steht, ist das, als würde man von einem Hausdach runterspielen. So hoch, das glaubt man nicht! Und wenn man auf die Bühne geht, muss man erst mal eine große Wendeltreppe raufsteigen. Und unten die riesige Reihe von Strandkörben, die bis weit nach hinten gehen. So was haben wir noch nie gesehen!

Wie früher: "Die Leute haben getanzt und waren begeistert"

Hat es stimmungsmäßig funktioniert?
Ja. Man muss sich schon durchkämpfen am Anfang. Man hört ja in fünf Metern Höhe nicht einmal den Applaus. Der Applaus und die Rufe werden jeweils durch den davorstehenden Strandkorb abgedämpft. Man hört praktisch nichts, und da muss man sagen: Kopf nach vorn und durch! Dann funktioniert das gut. Man kann dann auch sagen: Steht auf, ihr dürft einen Meter fünfzig vorm Strandkorb stehenbleiben. Vorige Woche haben wir in Schärding gespielt, da waren 1.500 Leute nebeneinander auf dem Marktplatz, es war wie früher, es gab nur am Einlass eine Kontrolle wegen 3G.

Geimpft, genesen, getestet ...
Ja. Und als wir zum Soundcheck kamen, war da schon eine riesige Schlange, die haben mir richtig leidgetan. Aber dann war es wie früher, die Leute haben getanzt und waren begeistert. Also, es geht in Österreich auch ohne Strandkorb!

Hier ja hoffentlich auch bald wieder.
Ich habe gehört, dass die Strandkörbe aus China kommen. Die werden in Einzelteilen geliefert und bei uns zusammengebaut. Was danach mit denen passiert, das weiß ich gar nicht.

Seit 40 Jahren schreibt Buchner über die Umweltzerstörung

So viele Strände haben wir hier nicht. Vielleicht kann man sie in den Norden verkaufen.
Dafür sind sie untauglich, weil sie zum größten Teil aus Plastik sind. Die landen dann irgendwann im Meer. Das sind so Erfindungen, von denen man glaubt, man könne etwas damit anfangen - es schadet aber.

Das wäre ja ein Thema für ein neues Umweltschutz-Lied von Ihnen.
Ich schreibe ja seit fast 40 Jahren sehr viel über Umweltzerstörung. Und jetzt ist die Zeit gekommen, wo das alles dermaßen wahr wird, was ich damals gesungen habe. Man meint, die Lieder sind erst jetzt geschrieben worden. Ganz egal, ob es die Wahrsager vom Bayerischen Wald sind, die sagen, der Wald wird so licht sein wie des Bettelmanns Rock. Oder: Es wird wärmer, und bei uns werden die Südfrüchte wachsen. Da habe ich einen Text gemacht von einem Bayern, der unter Palmen sitzt. Solche Sachen haben wir im Programm, und das passt wahnsinnig gut in die Zeit. Wir haben aber natürlich auch was Fröhliches drin, wo die Leute mittanzen können.

Merken Sie, dass da jetzt ein anderes Publikum zu Ihren Konzerten kommt?
Nein, das Publikum ist seit Beginn auch auf solche Texte eingestellt. Wir hatten ja früher immer wieder Einladungen zu größeren Festen auf dem Land. Da haben wir praktisch im Bierzelt gespielt, und da saßen dann ganze Familien. Die Menschen, die vielleicht nur "Paula" oder "Bayern, des samma mia" kennen, saßen mit offenem Mund da und hörten ganz interessiert zu. Da merkt man, dass das ankommt, das gefällt mir auch: dass ich nicht nur Gleichgesinnten sagen kann, was sie sowieso schon wissen.

Sie spielen Konzerte jetzt auch doppelt, um den Hygieneregeln zu entsprechen und trotzdem vor vielen Menschen auftreten zu können. Sie sind nun 76 Jahre alt - wie halten Sie sich fit dafür?
Ich halte mich überhaupt nicht fit. Gut, ich habe vor sechs Jahren das Rauchen aufgehört, aber sporteln tu ich null. Meine Frau und ich haben zwar Elektroräder, gestern sind wir fünf Kilometer gefahren, das reicht dann schon wieder. Wenn ich auf der Bühne stehe, dann entwickele ich von innen eine Kraft. Auf der Bühne fühle ich mich wohl und stark - und es macht mich auch stark. Irgendwie gibt mir das Energie. Man darf nur nicht mehr wie früher bis um halb sechs in der Hotelbar sitzen. Wenn man das mehrere Tage durchmacht, ist es dann auf der Bühne schon sehr hart. Aber das ist jetzt nicht mehr der Fall. Es macht auch viel mehr Spaß, wenn man frei von der Angst ist, zu viel Alkohol getrunken zu haben.

Wann kommt ein neues Album?

Sie haben gesagt, es gibt zwei neue Lieder im Programm. Gibt es dann auch ein neues Album?
Gedanklich arbeite ich schon seit sechs, sieben Jahren an einer neuen CD, aber ich lasse mir halt einfach Zeit. Ich muss nicht unbedingt was rausbringen, koste es, was es wolle. Ich bin sehr streng mir gegenüber, dass ich nichts Peinliches herausbringe, sondern etwas, das zu mir passt. Es gibt da ja keinen Zwang, den habe ich nur bei einer Filmmusik, die muss ich termingerecht abgeben. Ich habe hunderte von Skizzen, drei Leitz-Ordner voll mit Geschriebenem, und da kommt ja fast jeden Tag was Neues hinzu.

Sie können jedenfalls aus einem großen Fundus schöpfen.
Wenn ich meiner Frau das dann vorlese, können wir lachen und es ist gut. Aber wenn man es musikalisch verpacken muss, ist es noch mal was anderes. Vielleicht sollte ich mal ein Hörspiel machen. Wenn ich die Sachen lese, denke ich mir immer: Das ist toll, wenn ich da Musik unterlege, wäre das eigentlich eine neue Art von Platte. Vielleicht mache ich es aber mal gemischt: Geschichten erzählen mit einer musikalischen Untermalung, das ist ja auch was Wunderschönes.


Nächste Konzerte (Auswahl): Haindling spielen am 28. August in Schrobenhausen, am 30. und 31. August in Wunsiedel, im kommenden Jahr (unter anderem): 25. Juni Landshut, 29. Juni München, 9. Juli Straubing, 4. September Ingolstadt, aktuelle Informationen und weitere Termine unter helloconcerts.de oder unter haindling.de