Interview

Ex-Kunstminister Wolfgang Heubisch: Wo bleibt Söders Machtwort?

Der frühere bayerische Kunstminister Wolfgang Heubisch über die Notwendigkeit weiterer Konzertsäle in München.
von  Georg Etscheit
Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks auf dem Dach der mittlerweile abgerissenen Kultfabrik im Werksviertel. Auf dieser Fläche soll der neue Münchner Konzertsaal entstehen.
Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks auf dem Dach der mittlerweile abgerissenen Kultfabrik im Werksviertel. Auf dieser Fläche soll der neue Münchner Konzertsaal entstehen. © picture alliance / dpa

München - Mehr als 15 Jahre wünschten sich Mariss Jansons und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks wegen einen eigenen Konzertsaal. Mehrere Ministerpräsidenten zögerten, 2015 ließ sich Horst Seehofer überzeugen, dann fiel die Entscheidung für einen Standort: das Werksviertel hinter dem Ostbahnhof. Seit 2017 wird geplant. Mindestens genauso lang wird über die Mängel des Gasteig debattiert. Der wird im Herbst für eine Generalsanierung geschlossen. Das Interim im Sendling wird allerdings kein reines Provisorium, sondern ein fester Bau, an dem der Star-Akustiker Yasuhisa Toyota beteiligt ist. Und daher stellt sich die Frage, ob der Bau im Werksviertel überhaupt gebraucht wird.

"Interimssaal für die Gasteig-Philharmonie ist kein Argument gegen das Konzerthaus im Werksviertel"

AZ: Herr Heubisch, braucht München einen vierten Konzertsaal?
WOLFGANG HEUBISCH: Sie wollen mich aufs Glatteis führen? Aber wenn Sie mich so fragen: Ja, ich war immer klipp und klar für dieses richtungsweisende Projekt für die Musik- und Kulturstadt München. Und bin es natürlich heute immer noch.

Aber ergibt sich mit der baldigen Fertigstellung des sogenannten Interimssaales in Sendling als Ersatz für die bald wegen Renovierung geschlossene Gasteig-Philharmonie nicht eine andere Realität? Jeder weiß inzwischen, dass das Interim eine Dauerlösung sein wird. Dann hätte München mit dem Herkulesaal, der sanierten Philharmonie und dem geplanten Konzertsaal im Werksviertel als Heimstätte des BR-Symphonieorchesters, dem BRSO, vier vollwertige Aufführungsorte für klassische Musik.
Sie stellen nur auf die klassische Musik ab. Das ist mir aber zu wenig. Heute sind alle modernen Säle Multifunktionssäle und dienen der Kultur in ihrer ganzen Breite, nicht nur der sogenannten Hochkultur. Und München als immer noch wachsende Metropole hat zweifellos einen Bedarf an Räumlichkeiten. Und der Interimssaal für die Gasteig-Philharmonie ist doch kein Argument gegen das Konzerthaus im Werksviertel. Dank Star-Akustiker Yasuhisa Toyota entsteht in Sendling eben ein weiteres, wertvolles Kulturzentrum für die Landeshauptstadt. Von dieser kulturellen Vielfalt wird die Stadt ungemein profitieren!

Laut Heubisch passiert in Nürnberg ohne den Willen Söders nichts

Die CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag scheint da offenbar anderer Meinung zu sein.
Ich sehe mit einer gewissen Verwunderung, dass es da möglicherweise Absetzbewegungen gibt. Umso mehr erwarte ich ein Machtwort des Ministerpräsidenten. Markus Söder muss klarstellen: Ja, der Saal kommt, ohne Wenn und Aber. Eine Möglichkeit für eine solche Ansage wäre schon nach dem demnächst geplanten Treffen Söders mit dem designierten BRSO-Chefdirigenten Simon Rattle und der neuen BR-Intendantin Katja Wildermuth.

Der neue Konzertsaal in Nürnberg, Söders Heimat, wurde schon gestrichen. Ist das ein Menetekel für München?
Ich will es so sagen: In Nürnberg geschieht nichts ohne den Willen des Ministerpräsidenten. Zumal da jetzt ein CSU-Oberbürgermeister regiert.

500 Millionen Euro sollten nicht überschritten werden

Es schwirren derzeit wilde Schätzungen umher, wie teuer der Saal im Werksviertel den Freistaat zu stehen kommen könnte. Die Rede ist sogar von bis zu einer Milliarde. Wäre das noch zu vermitteln? Oder handelt es sich hier um ein taktisches Manöver nach dem Motto: Wir jagen der Bevölkerung ein Angst vor explodierenden Kosten ein und können uns dann umso eleganter von dem Vorhaben verabschieden.
Ich hoffe nicht, dass es sich so verhält. Aber auf jeden Fall muss endlich eine belastbare Zahl auf den Tisch. Ganz am Anfang, im Verlauf des Wettbewerbs, war mal von 350 Millionen Euro die Rede. Doch diese Zahl dürfte jetzt wohl obsolet sein.

Was wäre Ihre Schmerzgrenze?
Wenn ich mir vorstelle, dass der Ausweichkonzertsaal mit 1.900 Plätzen 120 Millionen Euro kosten soll, wären 500 Millionen Euro für mich der Punkt, der nicht überschritten werden sollte.

Wolfgang Heubisch: "Das Rätselraten muss endlich zu Ende sein"

Sie haben jüngst eine Anfrage an die Staatsregierung gestellt und eine Antwort auf die Äußerung des CSU-Kulturausschussvorsitzenden Robert Brannekämper erbeten, der mit Blick auf die Corona-Pandemie in dieser Zeitung gesagt hatte, man solle jetzt "lieber in Menschen investieren statt in Stahl, Beton und Glas". Waren Sie mit der Antwort zufrieden?
Die Antwort schien mir sehr beschwichtigend. Vor allem wunderte es mich, dass zweimal auf die "Wirtschaftlichkeit der Realisierung" abgehoben wurde. Das erinnerte mich an Markus Söders Einlassungen vor einem guten Jahr, man solle prüfen, ob das Konzerthaus aus ökologischen und Kostengründen großenteils aus Holz gebaut werden könne. Auch damals wurde darüber gerätselt, was das bedeuten sollte.

Nachtigall, ick hör dir trapsen?
Das Rätselraten muss endlich zu Ende sein. Deswegen braucht es eine eindeutige Äußerung des Ministerpräsidenten.

"Das wäre Supergau für die Kulturstadt München und auch für die Kultur in Bayern"

Und wenn diese Äußerung negativ ausfiele?
Das wäre der Supergau für die Kulturstadt München und auch für die Kultur in Bayern. Es würde nämlich wieder einmal bedeuten, dass in schwierigen Zeiten immer zuerst an der Kultur gespart wird. Ein verheerendes Zeichen.

Wäre es wünschenswert, in diesem Fall zumindest einen Teil des Geldes, das man für den Bau der Konzerthalle verwendet hätte, in einen Kulturfonds fließen zu lassen, etwa um infolge der Corona-Epidemie notleidenden Künstlerinnen und Künstlern zu helfen?
Wenn es so käme, was ich nicht zu denken wage, müssten die eingesparten Mittel auf jeden Fall für kulturelle Zwecke bereitgehalten werden.