Donizettis "Lucrezia Borgia" konzertant mit Krassimira Stoyanova

Gaetano Donizettis Oper „Lucrezia Borgia“ konzertant mit Krassimira Stoyanova und Juan Diego Flórez im Großen Festspielhaus
von  Michael Bastian Weiß
Teresa Iervolino (Maffio Orsini), Krassimira Stoyanova (Lucrezia Borgia), Juan Diego Flórez (Gennaro) und Ildar Abdrazakov (Don Alfonso) nach der konzertanten Donizetti-Aufführung in Salzburg.
Teresa Iervolino (Maffio Orsini), Krassimira Stoyanova (Lucrezia Borgia), Juan Diego Flórez (Gennaro) und Ildar Abdrazakov (Don Alfonso) nach der konzertanten Donizetti-Aufführung in Salzburg. © Marco Borelli

Gaetano Donizettis Oper „Lucrezia Borgia“ konzertant mit Krassimira Stoyanova und Juan Diego Flórez im Großen Festspielhaus

Dem Tenor ist langweilig. Zumindest laut Libretto. Beim wildesten Saufgelage seiner Freunde legt er sich sogar auf offener Bühne für ein kleines Nickerchen hin. Natürlich ist dieses zur Schau gestellte Genervtsein des Gennaro nur Attitüde, denn Juan Diego Flórez kann sicherlich vieles spielen, aber keine Schlafmütze. Dafür wirkt sein Tenor schon in der Mittellage zu schlagkräftig.

Das ist Resultat der spezifischen Helle der Stimme, die sie immer jugendlich wach und agil hält, sowie einer gewissen Enge, die in der Höhe noch zunimmt. In den leidenschaftlichen Passagen kann diese Drahtigkeit schon einmal leicht schneidend werden, doch rührt aus ihr auch die immense Fähigkeit, das Publikum im Großen Salzburger Festspielhaus zu elektrisieren.

Mit der bösen Tochter eines Papstes fühlen

Die Jungenhaftigkeit des gebürtigen Peruaners macht in dieser konzertanten Aufführung von Gaetano Dozinettis „Lucrezia Borgia“ auch den von der Handlung geforderten Altersunterschied zur Sopranistin erfahrbar. Wie man schnell ahnt, ist Gennaro natürlich der geheime Sohn der Titelheldin, und die gehörige Portion an ödipalem Komplex, die Donizetti nach dem Drama von Victor Hugo bot, reiht sich lückenlos ein in die anderen reißerischen Elemente der Handlung: die offen angesprochene Vorliebe der Borgia zu Orgien, die mehrfachen Giftmorde, das allgemeine Klima der Intrige um diese frühe Femme fatale. Das Duettfinale gerät denn auch fast ein wenig zu ekstatisch dafür, dass hier ein Sohn seine Mutter anschmachtet, und wird dem Stück somit voll gerecht.

Die Verkörperung der Papsttochter ist sogar nicht weniger als ein darstellerisches Kunststück. Krassimira Stoyanova macht die Grausamkeit der Titelrolle glaubhaft, wegen einer Beleidigung gleich mehrere Meucheleien anzuordnen, doch ihr gedecktes, bisweilen cremiges Timbre führt noch weitaus mehr von der Liebe zu ihrem Sohn mit sich, die sie nicht ausleben darf. Diese drückt sie in ihrem ganz eigenen Stil, einer Art energischen Dolces, um so kraftvoller aus, mit sehrend festgehaltenen Linien, schmelzenden Koloraturen und einer fulminanten Textarbeit, die jede Nuance ausbreitet. So kann man selbst mit dieser bösen Frau mitfühlen.

Freundlichkeiten am Dirigentenpult

Ildar Abdrazakov als ihr Gatte Don Alfonso schafft einen markanten Gegensatz. Mimisch finster und baritonal schwarz legt er seine Partie nicht nur betont machtvoll, sondern geradezu laut an. Mit seinen in den Boden gerammten Linien schüchtert er die Hörer so überzeugend ein, dass sie in stürmischen Szenenapplaus ausbrechen.

Angesichts dieser Dramatik überrascht es schon, wie wenig sich Marco Armiliato vom allgegenwärtigen Feuer anstecken lässt. Er nutzt den Vorteil einer konzertanten Aufführung, dass er sich nämlich, von der Bühne unbehelligt, dem musikalischen Durchzug widmen könnte, nicht ganz.

Wie schon in der konzertanten Verdi-Oper „I due Foscari“ unter Michele Mariotti spielt das Mozarteumorchester Salzburg präzise, doch farblos. Es fehlen die Brillanz für die Festszenen und die Attacke für die anklagenden Begleitfiguren, die zu lasch geraten. Die Holzbläser könnten ihre Gesten frecher schärfen, die Streicher auch einmal insistieren, der Wiener Staatsopernchor müsste, weniger oratorisch aufgefasst, auch einmal in das Geschehen eingreifen.

Anstatt von Anfang an eine Lunte glimmen zu lassen, die sich dann in kleinen Explosionen entladen könnte, folgt Armiliato freundlich den Sängern, anstatt sie bei ihren Gefühlsausbrüchen zu unterstützen. Vielleicht war die anfängliche Langeweile von Flórez ja ein leises Zeichen an den Dirigenten?

So ist es den glänzend besetzten Nebenfiguren zu danken, dass neben der Musik auch die Aktion greifbar wird. Die beiden Kanadier Andrew Haji als Rustighello und Gordon Bintner als Astolfo liefern sich ein komödiantisches kleines Duell, Andrzej Filonczyk gibt einen baritonal starken Gubetta. Allen voran jedoch baut die italienische Mezzosopranistin Teresa Iervolino die Hosenrolle des Orsini zu einer weiteren Hauptfigur aus, einer, die inmitten der Intrigen noch unbeschwert feiern kann und dies mit ansteckender Spielfreude auch tut.

Noch einmal am 30. August, Infos zu Restkarten unter Telefon 0043 662 8045 500 oder unter www.salzburgerfestspiele.at