Depeche Mode im Oly: Raus aus dem Schatten

Trotz nasskaltem Wetter füllen Depeche Mode zum Tourauftakt am Samstagabend das Münchner Olympiastadion – und beweisen, dass sie noch genauso energiegeladen sind wie in den achtziger Jahren. Die AZ-Konzertkritik.
von  Florian Koch
Die britische Band Depeche Mode am Samstagabend bei ihrem Konzert im Münchner Olympiastadion.
Die britische Band Depeche Mode am Samstagabend bei ihrem Konzert im Münchner Olympiastadion. © dpa

Trotz nasskaltem Wetter füllen Depeche Mode zum Tourauftakt am Samstagabend das Münchner Olympiastadion – und beweisen, dass sie noch genauso energiegeladen sind wie in den achtziger Jahren.

München – Wie eine schwere Dampflock schnaubt und ächzt es zu Beginn von „Personal Jesus“. Der charakteristische Blues-Riff lässt sich Zeit, bis er in die Gleise springt. Dazu dehnt Dave Gahan gleich die ersten Worte „Reach Out And Touch Faith“ wie ein Kaugummi. Und dann plötzlich, Abbruch! Die perfekt geölte Mensch-Maschine Depeche Mode stockt, endet in einem musikalischen Sackbahnhof.

Zugführer Gahan muss lächeln und fragt seine 64 000 zahlenden Gäste im ausverkauften Olympiastadion nach der Richtung: „Fast Version Or Slow Version?“. Die Antwort ist eindeutig. Leg die Rock-Kohle nach, gib Stoff. Das tut Gahan, und lässt die bereits durch den lärmenden DM-Superhit „Enjoy The Silence“ aufgepeitschte Menge teilhaben am mit satten Drums von Christian Eigner aufgepeppten Glaubensbekenntis.

Allein dieses eine unfreiwillige Ausscheren aus dem perfekt programmierten Tour-Express zeigt bereits, zwischen welchen Polen sich die Synthie-Rocker aktuell bewegen. Auf der einen Seite das stillere Leiden, zu bemitleiden auf der neuen Platte „Delta Machine“. Der düstere, schroffe Electro-Blues geht ins Mark, aber nicht in die Beine. So schleppt sich der Auftakt mit den Stücken „Welcome To My World“ und „Angel“ genauso dröhnend dahin, wie „Goodbye“ blues-wehklagend das Ende des Sets vor der famosen Zugabe besiegelt. Wer die Ruhe weg hat, die Fans aber auch wirklich berührt ist überraschend nicht die exaltierte Rampensau Gahan, sondern der früher häufig im Hintergrund stehende DM-Mitbegründer Martin Gore.

Mit Leidensmiene, aber ohne überflüssige Pathos-Gesten ergreift ihn die „Higher Love“, die Zugabe eröffnet er nur am Klavier begleitet mit der melancholischen Ballade „Home“, bei der selbst ein Elton John vor Neid erblassen würde. Gahan hat dabei die Größe, seinem Kreativ-Kumpel die Bühne ganz allein zu überlassen. Er selbst konzentriert sich gewohnt exaltiert und charismatisch auf die andere, wilde Seite von Depeche Mode. Wie erstmals beim präzise wie ein Metronom hämmernden Synthie-Hit „Precious“, bei dem im Video kurz sogar eine Hunde-Fraktion vor ihrem Meister Sitz macht. Überhaupt hält sich Depeche Mode mit überbordenen visuellen Spielereien zurück.

Während das pulsierende rote Bühnenlicht mit dem im Nebel rot blinkenden Olympiaturm unheimlich perfekt korrespondiert, werden – häufig ästhetisiert in Schwarz/Weiß – Live-Bilder der Band gezeigt. Zum Glück, denn die in der Nässe bis um 23 Uhr ausharrenden Fans wollen von ihren Stadionrock-Stars ja auch etwas sehen. Der nasskalten Herbststimmung im Olympiastadion-Feuchtgebiet setzt Gahan wenig Gequatsche, einen nach wie vor faszinierend-durchdringenden Bariton und vor allem drei Bewegungen entgegen: wahlweise wilde Pirouetten drehen, frech mit dem Hintern wackeln oder im Sieger-Erlöser-Gestus die Arme ausbreiten. Und wenn der ungemein agile 51-jährige Westenträger in der Zugabe den fröhlichen 80er-Synthie-Oldie „Just Can’t Get Enough“ und das lässige „Halo“ als gekonnten James-Bond-Remix präsentiert, lässt sich auch das lange Warten vor der verstopften U-Bahn leichter ertragen.