Das Geschäft mit den Rechten: Ein Herz für Songs aus Gold

Warum die Rechte an Liedern bekannter Weltstars nun gehandelt werden wie Rohstoffe.
von  Dominik Petzold
Shakira hat einen Reibach mit ihren Songrechten gemacht. Sollte sie mal wieder in Deutschland auftreten und ihre eigenen Songs singen, wird sie allerdings wohl etwas weniger verdienen als früher.
Shakira hat einen Reibach mit ihren Songrechten gemacht. Sollte sie mal wieder in Deutschland auftreten und ihre eigenen Songs singen, wird sie allerdings wohl etwas weniger verdienen als früher. © picture alliance/dpa

Was wäre das für ein herrliches Party-Gesprächsthema gewesen, wenn man noch auf Partys gehen könnte: Bob Dylan hat im Dezember die Rechte an seinen Kompositionen - Verlagsrechte und sogenannte "Royalty Streams" aus Urheberrechten - an die Universal Music Publishing Group verkauft. So viele offene Fragen, so viel Anlass für unterhaltsame Spekulation: Wieviel er wohl bekommen hat? (Man munkelt von 300 bis 400 Millionen Dollar) Wieso er verkauft hat? (Vielleicht um Erbstreitigkeiten zwischen den sechs Kindern zu vermeiden - Cash lässt sich besser teilen als ein Rechtekatalog.) Und wie er das Geld wohl anlegt? Er wird jedenfalls nur wenige Investitionsmöglichkeiten finden, die so bombensicher sind wie - genau, Bob-Dylan-Songrechte.

Neil Young und Shakira verkaufen Rechte

Das hat auch die Private-Equity-Branche längst erkannt, und in den vergangenen Wochen folgte eine Meldung auf die nächste: Neil Young verkaufte letzte Woche die Hälfte der Verlagsrechte an seinen rund 1.200 Songs an die Investmentgesellschaft Hipgnosis Songs Fund. Vor einigen Tagen erwarb diese auch die Rechte an den Songs von Shakira.

Hipgnosis Songs Fund: an rund 60.000 Songs Geld verdienen

Das Unternehmen, das seinen Hauptsitz in der Steueroase Guernsey hat, wurde vor zwei Jahren von dem Musikmanager Merck Mercuriadis und dem legendären Chic-Musiker und Produzenten Nile Rodgers gegründet, seither hat es weit über hundert Songkataloge zusammengekauft, mit insgesamt knapp 60.000 Liedern, unter anderem von Lindsey Buckingham, Blondie, Barry Manilow, Chrissie Hynde, Steve Winwood, Ed Sheeran und Justin Bieber, dazu kommen die Produzentenrechte des höchst erfolgreichen Jimmy Iovine: Da ergoss sich ein Geldregen über diese Herrschaften, die vorher mit ihren Rechten tröpfchenweise Einnahmen hatten.

Nach Jahren wieder Wachstumspotenzial in der Musikbranche

Für all diese Rechte zahlte der Hipgnosis Songs Fund über eine Milliarde Dollar. Der Konkurrent Primary Wave Music erwarb zuletzt Stevie Nicks' Songkatalog für angeblich 80 Millionen Dollar. Unter diesen Kapitalgesellschaften ist ein wahrer Goldrausch entfacht, denn die Prognosen für die Musikbranche sind nach Jahren des Niedergangs wieder positiv - dank des Booms von Streamingportalen wie Spotify. "Investmentbanken wie Goldman Sachs sprechen der Branche ein großes Wachstumspotenzial zu", sagt die Expertin Ama Walton, die unter anderem im Vorstand der BMG Rights Management GmbH saß und jetzt als Medienanwältin arbeitet. "Ein Musikrecht ist wie eine Immobilie. Was bei der Immobilie die Lage, ist bei dem Song die Bekanntheit. Für ein berühmtes Lied kann man lang Miete beziehungsweise Royalties verlangen - hat aber keine Erhaltungskosten."

Dylan und Young: wertbeständig wie "heute eine Häuserzeile im Glockenbachviertel"

Die Kataloge von Künstlern wie Bob Dylan oder Neil Young seien so wertbeständig wie "heute eine Häuserzeile im Glockenbachviertel". Das Geld fließt für die (neuen) Rechteinhaber zuverlässig, wenn die Lieder auf Streamingplattformen wie Spotify abgerufen werden. Dieses Unternehmen zahlt dann Gebühren an die Plattenfirmen und eben an die Inhaber der Verlagsrechte. Einmalige, ungleich größere Summen fließen an diese, wenn die Songs in Filmen, Serien, Computerspielen oder Werbespots zu hören sind.

Wird Neil Youngs Musik zukünftig für Werbclips ausgeschlachtet?

Der Hipgnosis Songs Fund engagiert das Unternehmen Kobalt Music, um die entsprechenden Tantiemen einzutreiben - und zu versuchen, so viele Lieder der Künstler wie möglich unterzubringen. Es steht also zu erwarten, dass Neil Youngs Songs künftig öfter in Werbespots zu hören sein werden, auch wenn er einst sang: "Ain't singin' for Pepsi, ain't singin' for Coke. I don't sing for nobody. Makes me look like a joke." Firmenchef Merck Mercuriadis, ein Young-Fan seit seinem achten Lebensjahr, kündigte zwar an, verantwortungsvoll mit dessen Werk umzugehen. Aber zugleich wird auf der Website seines Unternehmens Investoren versprochen, dass Kobalt Music im Vergleich zu anderen Rechteverwaltern 20 Prozent mehr Einnahmen generiert.

Songrechte: hoch gehandelt wie Gold und Öl

Die Welt der Investoren ist ohnehin höchst interessiert an dem Geschäft mit den Songrechten, die ein Investitionsgut "wie Gold oder Öl" seien, so Mercuriadis. Schon beim Börsengang 2018 sammelte sein Hipgnosis Songs Fund weit mehr Geld ein, als angepeilt wurde, mittlerweile hat der Fonds einen Milliardenwert erreicht. Und das Geschäft läuft: Die Nettoeinnahmen waren im vergangenen Jahr doppelt so hoch wie nötig, um den Investoren fünf Prozent Dividende auszuschütten.

Können die Sony, Universal und co. mitziehen?

Die alten Schwergewichte der Musikbranche - die Konzerne Sony, Universal und Warner - wollen natürlich verhindern, dass Investmentgesellschaften wie Hipgnosis Songs Fund und Primary Wave am Geschäft mit den Songrechten einen zu großen Anteil ergattern. Dass die Universal Music Group gerade Dylans Rechte-Schatz erwarb, war die stärkstmögliche Ansage an die Konkurrenten. Aber es war auch vor einem anderen Hintergrund ein Coup: Die Unternehmensgruppe plant für kommendes Jahr nämlich auch einen Börsengang, und das Gesamtwerk des singenden Nobelpreisträgers lässt die Aktien deutlich attraktiver werden. Zu einem Fünftel gehört die Universal Music Group übrigens einem chinesischen Konsortium - das also nunmehr auch von Dylans Songs profitiert.

Michael Jackson kaufte 1985 die Beatles-Rechte

Der Konkurrent Warner Music Group ist schon seit Juni 2020 an der Wall Street notiert, und das war laut Einschätzung des amerikanischen "Rolling Stone" der Grund, weshalb der Konzern zuletzt einen Kredit über 250 Millionen Dollar aufnahm, um - für knapp 340 Millionen Dollar - zwei bedeutende Songkataloge zu kaufen, die das Unternehmen aufwerten sollen. Wie lächerlich gering wirken da doch die 47,5 Millionen Dollar, mit denen Michael Jackson 1985 die Rechte am heiligen Gral der Popmusik kaufte: den Beatles-Songs. Er schnappte sie damals seinem Mitbieter Paul McCartney vor der Nase weg. Jacksons Erben verkauften sie 2016 an Sony, in einem Paket mit anderen Rechten für 750 Millionen Dollar. Mittlerweile haben sie mit Sicherheit nochmals an Wert gewonnen.

Popmusik war seit jeher ein Geschäft

Und an solchen Werten verdienen eben auch kleine und große Investoren mit. Das ist zwar nicht per se verwerflich. Und doch kann man diese neue Stufe der Kommerzialisierung irritierend finden. Natürlich war die Popmusik seit jeher ein Geschäft. Schon die Hippie-Bands im San Francisco der Sechziger unterschrieben ihre Plattenverträge liebend gern bei den großen, gewinnorientierten Plattenkonzernen.

Wertvoll, weil ein Lebensgefühl getroffen wurde

Auch in der Werbung laufen seit Jahrzehnten Pop-Songs für Produkte, die man für Love & Peace nicht zwingend braucht. Aber wenn nun all jene, die sich Aktienpakete leisten können - und natürlich nur jene -, an den klassischen Popsongs der 60er und 70er Jahre mitverdienen, darf man schon mal daran erinnern: Viele dieser Songs wurden überhaupt erst berühmt und somit dauerhaft wertvoll, weil sie das Lebensgefühl einer jungen Generation trafen, die das klassische Showbiz auch wegen seiner Kommerzialität ablehnte - und die eine liberalere, gerechtere, bessere Gesellschaft herbeisehnte.

Als Beispiel drängt sich da Neil Youngs "Ohio" auf: Den Song schrieb er, nachdem Nationalgardisten 1970 an der Kent University vier Studenten erschossen hatten, die gegen den Vietnamkrieg demonstrierten. Ein Song wie ein empörter Aufschrei, den die Supergroup Crosby, Stills, Nash & Young damals sogleich herausbrachte, obwohl sie damit die kommerziellen Aussichten ihrer aktuellen Hit-Single "Teach Your Children" torpedierte.

Früher Protestsong, heute Goldregen für Investoren

Der "Guardian" erklärte die Single "Ohio" zur "größten Protestplatte" überhaupt. Heute gehört der Song über die vier toten Demonstranten zu den berühmteren eines Rechtekatalogs, mit dem ein Private-Equity-Unternehmen und seine Investoren Geld verdienen. Bob Dylans Prophezeiung aus "The Times They Are A-Changin'" hat sich eben nicht erfüllt: "The first one now will later be last". Im Gegenteil, die ersten bleiben die ersten, und ihr finanzieller Vorsprung zu den letzten wird immer größer. Und dazu tragen nun eben auch die Songs bei, mit denen Bob Dylan, Neil Young und andere Pop-Ikonen einst eine bessere, gerechtere Welt herbeisangen.